Lothar Tyb’l
Abitur im Zeichen von Hammer, Zirkel und
Ährenkranz
Aufsatz
anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Abiturs 1955 an der
Lucas-Cranach-Oberschule in der Lutherstadt Wittenberg
Es ist nicht einfach zu sagen, wie es vor 50 Jahren gewesen ist und doch reizt es mich, nach den Klassentreffen der letzten Jahre aus meiner subjektiven Sicht darüber etwas zu Papier zu bringen. Mir ist klar, dass es nur Erinnerungssplitter sein können, die mit der damaligen Realität zusammenhängen, aber durch Einwirkungen in meinem weiteren Lebenslauf wesentlich modifiziert wurden.
Vernetzten wir knapp 30 Abiturienten, die 2005 ihr 50. Jubiläum begingen, unsere Erinnerungen wie ein Mosaik, könnte ein annährend getreues Bild der Abiturzeit entstehen. So aber muss ich mich auf in mir Nachwirkendes beschränken und mich der Gefahr der Einseitigkeit aussetzen, wenn nicht sogar der Nichtübereinstimmung mit der Vergangenheit. Hinzu kommt, dass ich ein ausgesprochener Spätzünder war, der erst im anschließenden Studium zu sich selber fand und folglich mein Erinnern weniger genau sein könnte. Worauf ich deshalb hoffe, ist die Nachsicht meiner Mitschüler beim Lesen des Aufsatzes.
Das Erste, was mir bewusst wird, ist ein tiefes Gefühl kameradschaftlicher Verbundenheit. Man sieht sich Jahrzehnte nicht, hat Mühe, die gealterten Gesichtszüge den Erinnerungen zuzuordnen und ist sich trotz allem sofort vertraut. Ein Wunder bei der Vorsichtigkeit und Langsamkeit menschlichen Vertrautwerdens.
Die Widersprüche zwischen jungen Leuten sind wohl weniger scharf, und ein gemeinsamer Lernprozess bringt nicht soviel Trennendes hervor wie ein arbeitsteilig zu bewältigender Produktionsalltag. Es schied uns auch nicht, oder erst in kaum spürbaren Anfängen, eine bereits vollzogene individuelle Entscheidung für diese oder jene politische Gruppierung oder weltanschauliche Richtung.
Schließe ich die Augen und gebe mich den Erinnerungen jener Jugendjahre in der Lucas-Cranach-Oberschule in Wittenberg- Piesteritz hin, empfinde ich jedenfalls Freude, ein Lächeln wird auf meinem Gesicht zu sehen oder gar ein lautes Lachen zu hören sein über damals Erlebtes, die Spitznamen der Mitschüler oder die Marotten der Lehrer.
Die Jahre 1951 bis 1955, in den Geschichtsbüchern festgeschrieben als brisante Zeit des „Kalten Krieges“, als Jahre aufbrechender Widersprüche in der sozialistisch sein wollenden DDR, verhüllen in diesem individuellen Spiegel ihre politischen Konturen und erhöhen die Jugend- und Schulfreundschaften zu dominierenden Kategorien. Ich schaue mir die alten Klassenfotos an und unser vertrauter, vorurteilsfreier, freundlicher Umgang miteinander drängt sich ins Gedächtnis.
Welch ein wertvolles Kapital – und wie schwierig erwies sich die Bewahrung oder gar Weiterentwicklung gerade eines solchen Wertes im ‚Zeitalter der Extreme’, in welches die individuellen Lebensläufe von uns 1955 ins Leben entlassenen Abiturienten eingefügt waren.
Vor allem den Kommunisten und ihrem Marx wird nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 unsinniger Weise vorgeworfen, solche menschlichen Gemeinsamkeiten durch eine Theorie und Praxis des Klassenkampfes zerstört zu haben.
Ich stelle mir angesichts aktueller Nachwendeerlebnisse erneut die Frage, welche objektiven Voraussetzungen und Bedingungen heranreifen und geschaffen werden müssten, um mich in einer Gesellschaft so wohl zu fühlen, wie damals in meiner geliebten Klasse B2.
Noch immer kann für eine positive Antwort auf diese Frage die untergegangene DDR mindestens so produktive Ansatzpunkte liefern wie die alte, siegreiche, vergrößerte Bundesrepublik.
Da wir mit unserem Fräulein T. zwar keine jugendlich reizvolle, dafür aber liebenswürdige und überzeugende Mathematiklehrerin hatten, verwechsle ich natürlich fünfzig Jahre später nicht den Ansatzpunkt mit der aus seiner Bewegung entstehenden Linie, die sich zu einer abwärts drehenden Spirale, einem in sich geschlossenen Kreis oder zu einer aufsteigenden Geraden entwickeln kann, je nach dem. Schon damals zeigte uns das Fräulein an der Tafel – und als Altersrentner weiß ich es nun auch aus der realen Geschichte –, dass die aufsteigende Gerade nur eine Variante ist.
Der geistige und politische Mittelpunkt unserer Abiturklasse war unangefochten Klassenlehrer G. Er blieb es erstaunlicher Weise im Werturteil seiner sehr unterschiedlichen Schüler auch Jahrzehnte später. Ein ‚pädagogisches Geheimnis’, so empfinde ich, hatte er nicht. Es war die Art seiner Persönlichkeit, die uns Jungen und Mädchen anzog und überzeugte, obwohl er seinem Namen nicht selten Ehre machte und uns mit bissiger Ironie zu Leibe rückte. Doch das war nur die äußere Schale, in Wirklichkeit hing er an uns und nicht nur, weil ihm und seiner attraktiven Frau das Glück eigener Kinder nicht versagt blieb.
Souverän in seinem Spezialfach Geographie, politisch hoch interessiert und dem Schulleben voll hingegeben, leitete er uns Schüler durch die Klippen der fünfziger Jahre.
Er war kein übrig gebliebener Nazi, wie es sie in den Westzonen unter den Lehrern zur Genüge gab, obwohl er in jungen Jahren noch in die Waffen-SS gezogen worden war; er war aber auch kein blinder Jasager zur 1952 verkündeten Schaffung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR.
Dem Neuen zugewandt, begleitete er es mit hellwacher, kritischer Distanz. Das entsprach der überwiegenden geistigen Haltung von uns Schülern und erzielte jene geistige Überein-stimmung zum Lehrer, die pädagogisch so wirksam und wohltuend ist.
Als Gegenpol erschien mir damals
wie heute der Direktor und Staatsbürgerkunde-Lehrer K., der mit dem für jene
Zeit charakteristischen dogmatischen Eifer die Politik der SED vertrat. Immer
blieb er im geistigen Ringen um die Schüler unserem verehrten Klassenlehrer
unterlegen.
In mir erzeugte G’s Haltung, die mit jener meiner Eltern übereinstimmte, genau dieses Resultat: Ich war für die DDR als notwendigen Weg, nach Weltkrieg und Faschismus etwas völlig Neues in Deutschland zu wagen, bewahrte aber noch Abstand zu ihrer politischen Natur. Als ich kurz vor dem Abitur für den Beruf des Offiziers geworben werden sollte, warf ich der Kommission mit Direktor K. nicht nur sinnbildlich die Tür vor der Nase zu. G. danke ich, dass er mich deshalb nicht fallen ließ, ganz im Gegenteil. Ich wurde Lehrer und fünf Jahre später, nach meinem Lehrerstudium, doch Offizier.
Dass mehrere Mitschüler den Weg in den Westen wählten, habe ich nie erwogen, obwohl die ausschließliche Westverwandtschaft meiner Familie diesen Weg sehr leicht gemacht hätte und ich 1955 bei meinem Onkel im Rheinland dessen höheren Lebensstandard mit eigenen Sinnen wahrnehmen konnte.
Aber es war noch eine andere Eigenschaft, die G. auszeichnete und uns anzog. Er stellte etwas Eigenes dar, hatte eine eigene Meinung, war kein Blatt im Winde, konnte akzentuiert zu uns sagen, ich sehe es so und nicht anders und nun könnt ihr euch danach richten oder auch nicht.
Die Kraft des Individuellen, die im werdenden Sozialismus der DDR oft unter die Räder des Gesellschaftlichen und Kollektiven kam, ließ er sich nie nehmen. Deshalb war wohl auch ein Schwächerer als er der Schuldirektor, eine Konstellation, die leider im politischen System der DDR keine Seltenheit blieb. Diese Eigenschaft war anziehend für uns Jugendliche und erschien uns nachahmenswert; so jedenfalls sehe ich es auch mit fünfzigjährigem Abstand.
Er bewahrte sich diese Eigenschaft bis ins hohe Alter nach der Wende und auch gegenüber der Siegermentalität aus den alten Bundesländern. Ich bedauere zutiefst, ihm in den Klassentreffen, die er bis Mitte der 90er Jahre noch selbst mitgestaltete, diese Wertschätzung nicht direkt ins Tagebuch geschrieben zu haben.
Der weltanschauliche Reifeprozess erscheint mir in unserer Abiturzeit im Knospenstadium stecken geblieben zu sein, jedenfalls wenn ich ihn an jenen Fragestellungen messe, mit denen sich meine Enkel als Abiturienten des Jahres 2005 herumschlagen. Aber der Widerspruch zwischen der als christlich deklarierten Adenauerpolitik und der materialistisch geprägten SED-Propaganda, den im Osten religionsfreien Unterricht eingeschlossen, blieb natürlich nicht außerhalb der Oberschule.
Unser versierter, im Theater nebenberuflich Klavier spielender Physiklehrer D. steht an der Tafel und erklärt: Treffen Elektron und Positron aufeinander, verwandeln sie sich in Energie und die Materie verschwindet. Fast süffisant fügt er hinzu, die Grundlage des Materialismus ist weg. Noch heute erinnere ich mich des Erschreckens, das mich durchzog, denn gerade war ich auf dem Wege, mich geistig vom Katholizismus zu trennen und die im 12. Lebensjahr empfangene Heilige Kommunion als Scharlatanerie abzutun.
Der vor mir sitzende, nachdenkliche und den meisten Mitschülern überlegene Rudolf K., ein tief überzeugter Christ, drehte sich auch sofort um, sah mich an und meinte ernst: Lothar, das musst Du Dir genau überlegen.
Sechs Jahre später las ich bei dem heutzutage so verpönten Lenin, dass die unsinnige Gleichsetzung des philosophischen Begriffs der Materie mit dem physikalischen Begriff der Masse um 1900 einen speziellen Angriff auf die materialistische Weltsicht begleitete.
Wenn auch nicht in direktem Bezug auf dieses Erlebnis trat ich 1958 aus der Kirche aus und trennte mich von jeglicher Religion. Dies verhinderte jedoch nicht, dass auch mein materialistisches Weltbild mit illusionären Glaubenselementen verwoben blieb. Aber erst durch die Wende von 1989 sollte mir das mit aller Konsequenz und schmerzhaft bewusst werden. Eine wahrhaftige, wissenschaftliche Widerspiegelung der Realität, insbesondere des ‚realen Sozialismus’, der ich als promovierter Philosoph glaubte zu folgen, krankte in der DDR von Beginn an – und zwar nicht am Fehlen irgendwelcher allgemeinmenschlichen Werte, sondern an ihrer selbstverschuldeten politischen Fesselung und Bevormundung. Physiklehrer D. zeichnete wenigstens eines aus: Die heute gepriesene weltanschauliche Beliebigkeit war ihm fremd.
Im September 2004 fiel mir durch Zufall das Buch in die Hände, „Die Steppe brennt um Mungalow“, ein dicker Wälzer von knapp 1000 Seiten, dessen Titel mir durch den Literaturunterricht an der Lucas-Cranach-Oberschule fest im Gedächtnis haften blieb, obwohl ich seitdem nichts mehr von ihm gehört und gelesen hatte. Mit dem Buch wurde wieder ‚Muttchen’ K. lebendig, die Deutschlehrerin, die uns den 1949 durch Beschluss des Ministerrats der UdSSR mit dem Stalinpreis ausgezeichneten Roman Konstantin Sedychs mit hingebungsvoller Verehrung vergeblich nahe zu bringen suchte. Überhaupt erschien uns ihr Unterricht als eine naiv-gläubig-sozialistische Art, die wir mit jugendlichem Selbstbewusst-sein nur belächeln, aber nicht akzeptieren konnten.
Beim erneuten Nachlesen wurde mir klar, dass unser jugendlicher Instinkt nicht so falsch lag, folgte doch Sedychs Darstellung des Bürgerkriegs in Sibirien 1918-1921 mehr Stalins „Ge-schichte der KPdSU. Kurzer Lehrgang“ als den realen und widersprüchlichen Lebensläufen der ‚Weißen’ und ‚Roten’ in jener blutigen Zeit. Scholochows „Stiller Don“ grob vereinfacht und dogmatisiert, das war Sedychs Rezept, mit dem uns Frau K. sozialistisch erziehen wollte.
Als ich kürzlich mit Empörung las, dass im November 2004 im sibirischen Irkutsk ein Denkmal für den weißgardistischen General Koltschak mit der Begründung eingeweiht worden sei, weil dieser einer der größten Söhne Russlands gewesen wäre, bat ich allerdings Frau K. um Nachsicht für meine damalige strikte Ablehnung, denn einfach falsch war ihre Sicht auf den Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution doch nicht gewesen.
Aber es wäre verfehlt, unsere Literatur- und Kunsterziehung auf solche Einflüsse zu reduzieren. Immer wenn ich in der Luther- und Cranach- Stadt Wittenberg die historischen Stätten besuche und die mittelalterlichen Bauten bestaune, erinnere ich mich der redlichen Mühen, denen sich der Lateinlehrer Dr. K. hingab, uns die Größe und das Wesen der Reformation zu verdeutlichen, von der Antike ganz zu schweigen.
Einen tieferen Widerhall fanden diese Mühen in mir erst viele Jahre später. Speziell die DDR-Literatur wurde ein wichtiger Quell meiner geistigen Entwicklung, weil sie keineswegs dem Stile Konstantin Sedychs folgte, so sehr das nach der Wende von westlichen Kritikern behauptet wird.
Der Biologie- und Chemieunterricht von Lehrer B. und Lehrer M. ist mir in lebendiger Erinnerung, weil ich nach dem Abitur zunächst selbst den Beruf des Biologie- und Chemielehrers erlernte, obwohl ich das eigentlich gar nicht vorhatte. Meine Bewerbung für Mathematik und Sport war aber abgelehnt worden und so nahm ich diesen Weg wahr. Was den Unterricht beider Lehrer auszeichnete, war die enge Verbindung zur Landwirtschaft bzw. zur chemischen Industrie. Die für die DDR typische, moderne, seit 1990 im vereinten Deutschland negierte Konzeption einer polytechnischen Oberschule stand in den fünfziger Jahren noch nicht auf der Tagesordnung, aber inhaltlich lagen beide Lehrer genau auf diesem Kurs.
Politisch war mit dieser Art des Unterrichts das Ziel verknüpft, eine hohe Wertschätzung der Schüler für die produktive Arbeit und die Arbeiter zu erreichen. Ich glaube, dass diese wertvollen Ziele überwiegend realisiert wurden; jedenfalls kann ich aus den Lebenswegen und Gesprächen mit meinen Klassenkameraden keinen anderen Schluss ableiten.
Die Betonung, die der naturwissenschaftliche Unterricht speziell an unserer Lucas-Cranach-Oberschule fand, resultierte auch aus der speziellen Funktion dieser Schule in dem DDR-bedeutsamen Chemiestandort Wittenberg- Piesteritz und in Abgrenzung zu der ehrwürdigen, sprachlich orientierten Melanchthon-Oberschule in Wittenberg. Ich empfand die Ausbildung an unserer jungen Oberschule jedenfalls immer als theoretisch effizient und praxisorientiert. Dass nicht wenige Mitglieder unserer Klasse gute Physiker, Chemiker, Ingenieure und Techniker wurden und unser schon damals mit scharfem Verstand gesegneter Günter S. zum Physikprofessor in Hamburg avancierte, spricht jedenfalls dafür.
Das Herz unserer stolzen B2 war aber weder der naturwissenschaftliche Unterricht noch die Politik, sondern der Sport. Die Lieblinge der Klasse waren die eleganten und hochtalentierten Turner Edi und Semmel, Eduard F. und Hans S. Sportlehrer ‚Ede’ B. hatte keine große Mühe mit uns. Seine Erfahrungen aus der Arbeitersportbewegung und das Vorbild unserer zwei Klassenkameraden, die als Jugendliche und später als Männer auf nationalem Niveau mitturnen konnten, zogen fast die ganze Klasse in Bann. Neben dem Turnen standen Leichtathletik, Schwimmen, Handball, Tischtennis und Schach hoch im Kurs.
Günther R. und dem verrückten Henner H., beide später Sportlehrer ‚im Westen’, anderen Mitschülern und auch mir wurde, obwohl ich nicht sonderlich talentiert war, in den Abiturjahren ein pulsierendes Sportherz für das ganze Leben implantiert. Drei Jahrzehnte widmete ich mich als Hobby dem Mittel- und Langstreckenlauf sowie dem militärischen Mehrkampf und seit der Rente wieder dem denkwürdigen Schachspiel. Immer verbindet sich mein Bild von der B2 mit den zwei schlanken, ganz in Weiß gekleideten jungen Turnern Edi und Semmel, die mühelos Felgen und Flanken an Reck und Barren hervorzaubern konnten und den konzentriert nachdenkenden Schachspielern Klaus P. und Klaus H., denen die Freude am Damen- oder Königsgambit ins Gesicht geschrieben schien.
Dass Edi schon kurz nach seinem erfolgreichen Studium an der wirkungsvollen DHfK in den Westen ging, hat mich damals tief getroffen, gutgeheißen habe ich es nie, auch nicht, als er sogar zum Bundestrainer ernannt wurde. Als Semmel und Edi schon an der DHfK studierten, trafen wir uns zufällig bei einem ihrer nationalen Wettkämpfe im Herbst 1956 in Mühlhausen. Der XX. Parteitag der KPDSU hatte soeben Stalin vom Thron gestoßen und ich war entschlossen, in die SED einzutreten. Beide redeten auf mich ein, diesen Schritt nicht zu gehen; ich tat es doch.
Als ich 1985/86 in grotesker und nicht untypischer Weise wegen ‚kompakten Abweichens vom Marxismus-Leninismus’‚ wie das im Parteideutsch hieß, mit einer strengen Rüge bestraft, aller politischen Ämter und meiner Dienststellung rigoros enthoben wurde, entsann ich mich sehr genau dieses Gesprächs und Edis Entscheidung. Bereut habe ich meinen Weg trotzdem nicht und meine Wahl von 1956 sehe ich nicht als Fehlentscheidung. Edi allerdings sagt von sich das gleiche. Doch auf dem Fundament unserer gemeinsamen Abitur- und Sportjahre kommen wir recht gut miteinander klar.
Auch wenn ich mich sehr anstrenge, fällt mir nicht ins Gedächtnis, dass die FDJ-Organisation in unserer Klasse einen politisch nachhaltigen oder gar negativen Einfluss gehabt hätte. Liest man Nachwendepublikationen, müssten wir im Blauhemd immer stramm gestanden haben. Stattdessen erinnere ich mich der vielen lustigen und Frohsinn bringenden Wandertage und Klassenfahrten in die Dübener Heide, in den Leipziger Zoo und zum Völkerschlachtdenkmal, in das Dessauer Hallenbad und vor allem nach Rügen und Usedom an die Ostsee. Dass Semmel, Edi und ich wegen übermäßigen Alkoholgenusses aus dem Ferienlager nach dem Abitur verwiesen wurden, kann diese Erinnerungen nicht trüben, nur erheitern, obwohl ich mich damals erst nach mehrtägiger Tramperei und einem Aufenthalt bei Semmels nachsichtiger Familie nach Hause wagte.
Verschönt wurde unsere Abiturzeit wie überall durch die zahlreichen Jugendlieben. Für die Jungen stand die klassisch-reizvolle Kunsterzieherin, genannt ‚Nofretete’, lange Zeit im Mittelpunkt der Verehrung, wie auch die lebenssprühende Mitschülerin Brigitta P. Ich aber schwärmte heimlich und unerklärt für meine Banknachbarin Anita S.; doch die merkte es leider nie und widmete sich ihrem geliebten Handballspiel. Dass ein so zurückhaltendes Wesen Chemieingenieur und gestützt auf die im Osten ausgeprägte Gleichberechtigung der Frauen Betriebsleiterin werden würde, wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen. Als später der ernste und zielstrebige Joachim K. und der immer gut aufgelegte, lebenslustige ‚Justus’ L. meine geschätzten Banknachbarn wurden (später promovierter Physiker bzw. Architekt), hat mich das allerdings über die Nichtbeachtung meiner jugendlichen Schwärmerei weithin trösten können.
Unser Geschichtsunterricht folgte den allgemeinverbindlichen Richtlinien und war nicht besonders aufregend. In den fünfziger Jahren scheint er nach meinen Erinnerungen noch weniger von Dogmatisierungen geprägt gewesen zu sein, als es später der Fall wurde. Als Mangel empfinde ich heute allerdings die ungenügende Hinwendung zu den konkreten kulturellen Wurzeln unserer spezifischen Schulgeschichte.
Das Leben und Werk Lucas Cranachs einerseits und die vertrackte Geschichte der Chemie- und Rüstungsindustrie in Piesteritz andererseits, eingeschlossen die der WASAG, blieben zu sehr ausgeblendet.
Meine Eltern hatten als arbeitslose Saarländer in der hochmodernen Sprengstofffabrik WASAG im Jahre 1936 ‚Arbeit’ gefunden und mir von der dortigen verheerenden Explosion erzählt, von welcher ich lange glaubte und hoffte, sie sei das Werk einer antifaschistischen Aktion gewesen. Erst bei einer Stadtführung 1987 erfuhr ich von den Ermittlungen der Berliner Gestapozentrale, nach welchen sie durch eine simple Unachtsamkeit ausgelöst worden war.
Welch ein Riese an Geist und Charakter Lucas Cranach in der deutschen Geschichte darstellte, begriff ich erst durch das spätere Studium Marx’scher und Engels’scher Schriften.
Vielleicht war es noch fehlendes Wissen, in jedem Fall aber die vorherrschende politische Absicht, strikt nach dem vorgegebenen Lehrplan zu unterrichten, statt sich auf die konkrete Geschichte der Schulen und Heimatorte einzulassen, deren Widersprüchlichkeit allgemein propagierte Dogmen möglicherweise ins Wanken gebracht hätte.
Stehe ich heute vor dem Gebäude unserer noch immer aktiven Lucas-Cranach-Oberschule, denke ich mit Hochachtung an meine damaligen Lehrer und mit Verehrung an meine Klassenkameraden. Die pauschale Verurteilung der sozialistischen Schule der DDR, die Negation ihres vierzigjährigen, speziellen Erfahrungsschatzes durch die herrschende Schulpolitik und pädagogische Wissenschaft im vereinten Deutschland erscheint mir widersinnig und absurd. Sie entspringt offensichtlich politischen und ideologischen Vorurteilen und Verkrustungen, wie sie einseitig der späten DDR-Schule angelastet werden.
Dass ein der traditionellen bürgerlichen gymnasialen Bildung gleichwertiges Reifezeugnis der Oberschule unter dem Zeichen von Hammer, Zirkel und Ährenkranz in der DDR angestrebt und für breite Volksschichten realisiert wurde, scheint der herrschenden ‚politischen Klasse’ der BRD, wenn auch nicht ihren klar denkenden Bürgern, einfach unakzeptabel zu sein. Auch die sehr verschiedenen Lebenswege der Abiturienten unserer Schulklasse in Ost und West und die Abiturtreffen der 12 B2 strafen sie Lügen.
Unsere Aufsatzthemen zum Abitur waren natürlich dem 150. Todestages Schillers am 9. Mai 1955 gewidmet. Wenn ich mich nicht täusche, entschied ich mich von den Wahlthemen für das Zitat: Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes Dich an!
Dass die aufstrebende DDR ihrem Nachwuchs diesen Gedanken einpflanzen wollte, war nicht verwunderlich. Dessen Absage an Individualismus und Egoismus empfand ich als dringend geboten und erstrebenswert und habe es gewiss so zu Papier gebracht. Die wegen der idealistischen, typisch Schillerschen Überhöhung in ihm steckenden Gefahren erkannte ich damals noch nicht. An die stalinistische Praxis, den Menschen zu Rädchen und Schräubchen eines über ihm stehenden imaginären ‚Ganzen’ zu degradieren, dachte ich nicht im Entferntesten. Allerdings bin ich nicht geneigt, deshalb Schillers Gedankengang einfach ad acta zu legen. Das immer stärker neoliberal geprägte Nachwende-Deutschland mit seinem ausufernden und ihm wesenseigenen Egoismus in Politik und Wirtschaft gebietet genau das Gegenteil.
So sehe ich mich nach 50 Jahren in dem nie erwarteten Dilemma, den Abituraufsatz völlig zu überarbeiten und ein neues Reifezeugnis anzustreben, keineswegs aber nach den westdeutschen Mustern.