Hanna Behrend:
Meine Abwicklung an der Humboldt-Universität
Die im Oktober 1989 durch Massendemonstrationen bekräftigten Forderungen
tausender DDR-Bürgerinnen und -Bürger nach überfälligen Reformen, die dem Sozialismus
endlich ein menschliches Antlitz geben sollten, habe ich euphorisch begrüßt und
gehofft, dass sich die DDR nun endlich in ein Land verwandeln würde, in dem die
sozialen Errungenschaften, die in den letzten vierzig Jahren erreicht wurden,
mit demokratischen Strukturen und individuellen Selbstbestimmungsrechten
verknüpft werden würden. Das ist nicht geschehen, obwohl eine starke
Minderheit, darunter viele Künstler/innen und Wissenschaftler/innen, aber auch
Arbeiter/innen und Angestellte, Jüngere wie Ältere sich dafür engagierte.
Die für viele Menschen unerwartete Unterordnung der DDR unter das
westdeutsche Kapital erfolgte mit rasender Geschwindigkeit. Unter dem Druck
einer lautstarken Minderheit, die entscheidende bundesdeutsche und ausländische
Verbündete hatte, kam es nicht zu der zunächst vorgesehenen Konföderation der
beiden deutschen Staaten, sondern zum Galopp in die Einheit und damit zur
Beseitigung dessen, was sich Menschen in vierzig Jahren trotz stalinistischer
Partei- und Staatsführung aufgebaut hatten und was in ein gemeinsames
Deutschland einzubringen für Ost- und Westdeutsche von Vorteil gewesen wäre, so
die Arbeits- und Familiengesetzgebung, das Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf
Kinderbetreuung, auf kostenlose Gesundheitsversorgung.
Seit Oktober 1989 wurden zunächst auch in allen wissenschaftlichen Bereichen
an der Humboldt-Universität Reformvorschläge für Lehre und Forschung lebhaft
diskutiert. Sie beabsichtigten ein selbstbestimmteres,
weniger reglementiertes Studium und weniger Bürokratie. Aber bereits im
Dezember wurde sichtbar, dass kein einziger unserer Reformvorschläge
verwirklicht würde. Vielmehr würden uns die bundesrepublikanischen Verhältnisse
übergestülpt werden und ein umfassender Elitenwechsel bevorstehen.
An der Sektion Anglistik-Amerikanistik schien vieles zunächst weiter wie
bisher zu laufen. Noch am 24. April 1990 erhielt ich eine Anerkennungsurkunde
des Rektors für meine Arbeit zur Förderung von Studierenden. Allerdings konnten
meine Diplomstudentinnen, die ursprünglich ein Promotionsstudium antreten
sollten, dies nicht mehr tun, weil es trotz meiner Intervention beim Senat ab
sofort keine Stipendien mehr gab. Die alten Regelungen wurden storniert und
neue ließen auf sich warten. Nach dem Wegfall der Forschungsstipendien und
Habilitations- Aspiranturen gab es einige Jahre nach 1990 an der
Anglistik-Amerikanistik der HUB daher weder Promovierende noch Habilitierende.
Auf dem Arbeitstreffen zur Situation von Frauen und Frauenforschung an
Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg am 5. Dezember 1991
erfuhren wir, dass Wissenschaftlerinnen in Berlin den Platz 3 unter den schwer
vermittelbaren Berufsgruppen belegten. Der Abbau von Wissenschaftlerinnen an
der HUB betrug 77 %, von 3 356 auf 776 Stellen, gegenüber 20 %, von 1731 auf 1
385 Stellen, bei männlichen Wissenschaftlern. Auch an unserer Sektion war jeder
zweiten Frau und jedem dritten Mann gekündigt worden. Diese Kündigungen
dezimierten vor allem die vorher zahlreichen unbefristeten Stellen des
Mittelbaus. Da Frauen dort besonders stark vertreten waren und den größten Teil
der Lehre abdeckten, wirkte sich dieser Abbau negativ auf die Studierenden aus.
Während zu DDR-Zeiten zwanzig Studierende in einem Seminar saßen, wurden es
jetzt im Durchschnitt vierzig bis fünfzig.
Einige warteten nicht ab, bis sie entlassen wurden; sie suchten sich eine
andere Arbeit. Manche kamen in der Schule unter, wo Englischlehrer/innen
fehlten. Andere verließen Berlin oder sogar Deutschland.
Absolventinnen, selbst wenn sie bereits einige Jahre als Englischlehrerinnen
gearbeitet hatten, wurde plötzlich der Abschluss, der ihnen die Lehrbefähigung
bis einschließlich der Abiturstufe bescheinigte, nicht mehr anerkannt. Zwar
galten damals auf dem Gebiet der ehem. DDR offiziell noch die alten Abschlüsse,
aber die Absolventen wurden als lehrbefähigt nur bis
zur 10. Klasse eingestuft. Zur Lehrberechtigung für die gymnasiale Oberstufe
fehlte ihnen nun die Qualifikation des Studienrats. Erst einige Jahre später wurde Diplomlehrer/innen ermöglicht, den
Studienratsabschluss zu erwerben. Im Wesentlichen wurde ihnen eine
Zusatzausbildung auferlegt, die über eine Wiederholung von Kenntnissen, die sie
bereits während ihres Studiums erworben hatten, nicht hinausging. Allerdings
wurden in der DDR ausgebildete Diplomlehrer/innen am Ende auch ohne die
Qualifikation des Studienrats an ostdeutschen Gymnasien beschäftigt, weil der
akute Mangel an Lehrpersonal für Englisch an den Schulen im Osten Deutschlands
dies erzwang. ›Westlehrer/ innen‹ rissen sich mehrheitlich nicht einmal, wenn
sie arbeitslos waren, darum, in den Osten zu gehen, um dort diesem Mangel
abzuhelfen, wo die Lehrkräfte bis heute wesentlich schlechter bezahlt werden;
noch viel weniger diejenigen, die Arbeit hatten. – Eine meiner Studentinnen war
abgewickelt worden, weil sie im Zweitfach Russischlehrerin war und für dieses
Fach kein Bedarf mehr bestand. Sie musste den Beruf aufgeben und sich zur
Bürokauffrau umschulen lassen.
Unter dem Stichwort der »inneren Erneuerung oder Selbstreinigung« wurde auch
in der Anglistik in Vollversammlungen mit dem DDR-Regime und mit einzelnen
Kollegen abgerechnet. Die Entsolidarisierung unter den Kollegen und Kolleginnen
begann damit, dass sich Parteilose als Opfer des verflossenen Regimes
präsentierten und die Mitglieder der einst »führenden Partei« pauschal zu
Schuldigen erklärten.
In einem Anfang 1990 verfassten offenen Brief wies ich darauf hin, dass man
in den letzten 20 Jahren an unserer Sektion aber von einer allgemeinen
Privilegierung von SED-Mitgliedern zuungunsten nicht parteigebundener
Mitarbeiter/innen nicht sprechen könne. Von den neun Professor/innen waren zur
Zeit ihrer Ernennung fünf parteilos. Diese hatten einflussreiche Positionen als
Bereichsleiter, Sektionsdirektor, Fachrichtungsleiter, in der
Shakespeare-Gesellschaft, in der Fachkommission und in ähnlichen Gremien. Ihr
Einfluss und Spielraum den Behörden gegenüber stand dem der SED-Mitglieder in
nichts nach. Auch was Reisemöglichkeiten ins westliche Ausland betraf, waren
sie im Vergleich mit den SED-Mitgliedern keineswegs benachteiligt.
Als eine besonders wirksame Waffe zur Delegitimierung
der DDR erwies sich die »Stasikeule«, d.h. der Vorwurf, ehrenamtlich oder
besoldet für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Bereits der Verdacht
einer solchen Zusammenarbeit genügte, um suspendiert zu werden. Dabei spielte
es keine Rolle, aus welchen Motiven und zu welchem Zweck jemand mit dieser
staatlichen Stelle zusammengearbeitet hatte. Ob er Verbrechen aufklären, einen
Sabotageakt verhindern oder ob er sich bei den Behörden Liebkind machen wollte
und dafür Freunde und Bekannte bespitzelte, ob er dazu erpresst worden war oder
sich aus ideologischer Verblendung freiwillig als »inoffizieller Mitarbeiter«
(IM) zur Verfügung stellte, war alles eins. Es genügte der Nachweis einer
Bereitschaftserklärung aus der Gauck-Birthler-Behörde, den Verwaltern der
gigantischen aktenmäßigen Hinterlassenschaft der Staatssicherheit, einem seit
inzwischen fast zwanzig Jahren mit finanziellen Mitteln exzellent
ausgestattetem Amt.
Eine englische Kollegin empfand, wie sie mir in einem Brief mitteilte, dass
»die zornigen Aufforderungen an ehemalige MfS-Zuträger sich zu offenbaren,
verdammt nach einem neuen McCarthyismus riechen«. Sie
berichtete, dass Übersetzer, die für das Ministerium für Außenhandel tätig
waren, vor die PSK (Personal- und Sozialkommission) geladen und aufgefordert
wurden, sich zu rechtfertigen, warum sie eine solche Arbeit überhaupt angenommen
hätten.
Mein offener Brief löste einen Eklat aus. Einige der Kolleg/innen, die mir
öffentlich zustimmten, wurden gewarnt, dass eine solche Haltung ihren Verbleib
an der Universität nicht fördern würde, wie auch eine weitere Zusammenarbeit
mit mir sich für sie ungünstig auswirken könnte. Die Blütenträume von einer
wirklich demokratischen und selbstbestimmten Reform des Hochschulwesens waren
bereits Anfang 1990 ausgeträumt.
Seit 1992/93 gab es keine wahlweise obligatorischen Seminare mehr und damit
keine gemeinschaftliche, von Lehrkräften angeleitete studentische Forschung;
mein eigenes Forschungsprojekt Rasse/Klasse/Geschlecht existierte nur noch als
ein mit dem Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF)
verbundenes außeruniversitäres Projekt. Eine Zeit lang konnte ich das Projekt
in gewissem Umfang noch über Lehraufträge an der Uni betreiben. Im
Sommersemester 1994 wurden die Lehraufträge an der Anglistik plötzlich mit der
Begründung verweigert, dieses »Überangebot« an Lehrveranstaltungen könne zu
Stellenstreichungen führen. Erst nach Intervention der Frauenbeauftragten
wurden Lehraufträge wieder erteilt.
Auch die Shakespeare-Tage in Weimar veränderten sich nach 1990 von Grund
auf. Sie waren bis dahin ein intellektuelles Fest für alle an der englischen
Sprache und Kultur, an Shakespeare und am Englischunterricht Interessierten,
eine Zusammenkunft von Englischprofessor/innen, Englischlehrer/innen,
Übersetzer/ innen, Theaterleuten, Absolvent/innen und Studierenden, die die
Weimarer Hotels, Jugendherbergen, Gaststätten und Kaffeehäuser füllten und
überfüllten, über die Theateraufführungen diskutierten, in den Kolloquien und
Seminaren saßen und Fragen stellten, auch eigene Veranstaltungen anboten, durch
Weimar schlenderten, die Museen und die dort stattfindenden Ausstellungen
besuchten, kurz, für vier Tage das Leben der Stadt prägten. Auf der
Mitgliederversammlung der Shakespeare- Gesellschaft 1990 erfolgte die Fusion
der Ost- mit der West-Gesellschaft. Danach veränderte sich der Charakter der
Shakespeare-Tage völlig. Die fusionierte Gesellschaft hielt fortan
Fachkonferenzen ab, die nur Spezialisten interessierte.
In der Wendezeit im Oktober/November 1989 entstand aus den relativ
bescheidenen oppositionellen Vorwendeaktivitäten von Frauen plötzlich und
schneeballgleich eine höchst aktive, emanzipatorische und unabhängige
Frauenbewegung, der es einige wenige Jahre lang gelang, einer großen Zahl von
Frauen ihre eigenen politischen, sozialen und kulturellen Interessen bewusst zu
machen. Sie fiel allerdings nach wenigen Jahren in sich zusammen und verschwand
1997 von der politischen Bildfläche. Eine aus dieser Frauenbewegung
hervorgegangene Institution hat die Vereinigung überlebt: das oben bereits
genannte ZiF, das am 8.12.1989 an der
Humboldt-Universität gegründet wurde. Hundert Frauen, zu denen auch ich
gehörte, und fünf Männer nahmen an der konstituierenden Sitzung teil und
beschlossen, eine Ringvorlesung über Frauenforschung zu organisieren, ein
Programm für den internationalen Hochschulferienkurs anzubieten, übergreifende
Forschungsaspekte und -projekte zu diskutieren und gemeinsame Publikationen zu
organisieren.
Zwischen dem ZiF und dem Arbeitskreis
wissenschaftlich und künstlerisch tätiger Frauen im FFBIZ (Frauenforschungs-,
-bildungs- und Informationszentrum) in Berlin kam es zu einer
freundschaftlichen Kooperation, die allerdings die ersten Nachwendejahre nicht
überlebte.
Das ZiF organisierte damals auch sogenannte Ostfem-Konferenzen. Seine Bemühungen zugunsten von
ostdeutschen Wissenschaftlerinnen, die abgewickelt werden sollten, bzw. denen
die verdiente Professur verweigert wurde, sowie für die Freigabe der
stornierten Promotionsstipendien beim Senat und bei der Universitätspräsidentin
waren allerdings erfolglos.
Während an unserer Sektion die Zerstörung der alten Strukturen und der
Personalumbau relativ langsam vor sich ging, fand der Elitenaustausch an
Sektionen, die in DDR-Zeiten von größerer politischer Relevanz waren, in einem
ganz anderen Tempo statt. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät wurde
1991 ein 74-jähriger Professor – Fachmann für Ökometrie,
ein ehemaliger SS-Sturmbannführer und stellv. Kommandeur einer
SS-Panzergrenadier-Division – Leiter der Struktur- und Berufungskommission. Er
sorgte dafür, dass von den 1989 beschäftigten 180 Lehrkräften der Fakultät am
Ende nur noch zehn übrig blieben.
Bis heute besetzen Ostdeutsche einer potsdamer
Studie zufolge von den Führungspositionen in der Bundesrepublik nicht mehr als
2,5 % in der Verwaltung, 0,4 % in der Wirtschaft, 8,4 % in
Wirtschaftsverbänden, 12,4 % in den Gewerkschaften, 11,8 % in den Massenmedien,
12,1 % in der Kultur, 7,3 % in der Wissenschaft, 0 % in der Justiz und beim
Militär.
Der Elitenaustausch in Ostdeutschland veranlasste die Ausgesonderten, soweit
sie nicht aus unbefristeten in befristete Stellen genötigt oder ganz aus der
Wissenschaft hinausgedrängt wurden und in andere Arbeitsbereiche wechseln mussten,
sondern in den Vorruhestand oder Ruhestand gehen konnten, zur Schaffung einer
zweiten Kultur der Wissenschaft außerhalb der Hochschulen und
Forschungsinstitutionen, in Vereinen und Arbeitskreisen. Auf diese Weise
entstand in den letzten zwanzig Jahren eine beachtliche, im wesentlichen
gesellschafts-, kunst- und geisteswissenschaftliche Literatur, die zwar vom Mainstream ignoriert, aber von den Fachleuten, oft
stillschweigend, zur Kenntnis genommen wird.
Mit der Abschaffung der wöchentlichen Bereichsbesprechungen, auf denen
Fragen der Arbeitsplanung und -verteilung, der Promotionen und Habilitationen,
der Mitarbeiterbesoldung, Prämien und andere Personalfragen behandelt wurden,
verstärkte sich einerseits die Vereinzelung der wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen,
andererseits verfestigten sich die hierarchischen Strukturen an der
Universität. Die Transparenz wich der Geheimhaltung und dem gegenseitigen
Misstrauen. Die alte Bürokratie wurde durch eine noch umfangreichere und
weniger durchschaubare ersetzt. Die sicheren Arbeitsplätze für die
Absolvent/innen fielen weg. Auf der anderen Seite standen Mitarbeiter/innen und
Studierenden nun die lange entbehrten Bürgerrechte zu: uneingeschränkte
Reisemöglichkeiten in das westliche Ausland, selbstbestimmter Hochschul- und
Fachwechsel, Wegfall des Drucks, sich den politischen Anforderungen des
SED-Regimes anzupassen, ein nicht zu unterschätzender Fortschritt, der
besonders von den jüngeren DDR-Generationen gewürdigt wurde, die das Ende der
ständigen Reglementierung und Gängelung als Befreiung empfanden. Diese Politik
war dafür verantwortlich, dass sich vor allem diese Jüngeren immer mehr von den
sozialistischen Visionen, die ihre Väter und Mütter einst mit der DDR verbunden
hatten, entfremdet hatten.
[Dieser Beitrag ist erstmalig im "Argument" Berlin,
Nr. 284/2009, erschienen]