>BERLINER SALON<
Am 16. September 2003 ist durch das Gesellschaftswissenschaftliche Forum e. V. der >Berliner Salon<, eine lockere Gesprächsrunde des Vereins, ins Leben gerufen worden. Die erste Zusammenkunft schloss mit dem Einverständnis der Teilnehmer, die Beratungen vierteljährlich durchzuführen.
Salongespräch am 14. Oktober 2010 im Nachbarschaftshaus „Am Berl" in
Berlin-Hohenschönhausen
Der Leiterin des Nachbarschaftshauses, Frau Martin Hellmich, galt eingangs
das erste Dankeschön, das Prof. Dr. Alfred Loesdau zu diesem „Berliner Salon"
offerierte. Aus gutem Grund: Sie hatte sich, nachdem uns das Museum Lichtenberg
als Treff an diesem Tage nicht zur Verfügung stand, sofort zur Durchführung des
Salons bereit erklärt und zudem dafür Sorge getragen, dass er u. a. im
Veranstaltungsprogramm des Nachbarschaftshauses rechtzeitig angekündigt wurde.
Donnerstag, 14. 10.
Berliner Salon:
15.00 Uhr
Toleranz - gestern und heute
Diskussionsrunde des Gesellschaftswissenschaftlichen Forum e. V.
anlässlich des Tages für Demokratie und Toleranz in Berlin-Lichtenberg
Im Rahmen dieser Veranstaltung stellt Prof. Dr. Gerhard Fischer die
aktualisierte Neuerscheinung seines Buches "Die Hugenotten in Berlin" vor.
Moderation: Prof. Dr. Alfred Loesdau und Dr. Werner Gahrig
Angesichts dessen, dass das Gros der zwölf Teilnehmer aus dem Wohngebiet, dem
„Ostseeviertel", kam, erwies es sich als sinnvoll, das
Gesellschaftswissenschaftliche Forum näher vorzustellen. Unter Hinweis auf
dessen mittlerweile zur Tradition gewordenen Gesprächskreise in Halle und Berlin
galt ein besonderer Willkommengruß Frau Dr. Hanna Behrend. Prof. Alfred Loesdau
würdigte nachdrücklich den Sachverhalt, dass sie den „Berliner Salon" bereits
vor Jahren „aus der Taufe gehoben habe" und wir uns glücklich schätzen können,
dass eine solche Form des Meinungsaustausches zu einem festen Bestandteil der
Öffentlichkeitsarbeit des Gesellschaftswissenschaftlichen Forums gehört.
Als das Thema „Toleranz – heute und morgen" vor Wochen für den „Berliner Salon"
festgelegt wurde, geschah dies, so Prof. Alfred Loesdau, unter dem Blickwinkel,
dass uns die aktualisierte Neuauflage des Buches von Prof. Dr. Gerhard Fischer
„Die Hugenotten in Berlin" sicherlich manches zu sagen habe. Wohl war bedacht
worden, mit dieser Thematik einen spezifischen Beitrag zum „Tag der Demokratie
und Toleranz" im Bezirk Lichtenberg beisteuern zu können. Nicht zu erahnen war,
dass die Thematik des „Berliner Salons" plötzlich in die außerordentlich
kontrovers geführte politische Debatte zu Fragen der Integration „hineingeriet".
Wenige Tage zuvor war das Buch von Thilo Sarazin „Deutschland schafft sich ab.
Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" erschienen, Bundespräsident Christian
Wulff hatte sich zur gewachsenen Bedeutung des Islams in Deutschland geäußert.
Damit waren Fragen im Rahmen eines „Berliner Salons" an Geschichte, Gegenwart
und Zukunft aufgeworfen, an deren Verständigung mitzuwirken, man sich eine
weitaus stärkere Interesse von Mitgliedern des Gesellschaftswissenschaftlichen
Forums erwünscht hätte und eine Teilnahme eigentlich erwarten konnte.
Dr. Werner Gahrig nahm zur Frage des Umgangs mit historischen Jubiläen Stellung.
Dabei beließ er es bewusst auf zwei Jubiläen in diesem Jahr. Während der 20.
Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung beinahe zum Überdrussst freilich durch
bestimmte politische Kräfte gewollt – gefeiert wird, wird dem 325. Jahrestag des
Edikts von Potsdam regierungsoffiziell in keiner Weise gedacht. Auf dieses
"Chur-Brandenburgische Edikt", am 29. Oktober 1685 vom brandenburgischen
Kurfürsten im Potsdamer Schloss unterzeichnet, das den Zuzug von 18 000
französischen Glaubensflüchtlingen in die Mark möglich machte, wird auch nicht
in der aktuellen politischen Integrationsdebatte erinnert. Dieses Beispiel
versinnbildlicht eine Indoktrination bestimmter politischer Kreise, die nicht
nur das deutsche Geschichtsbild „verzerrt", sondern eine Parallele zur
„SED-Propaganda" aufzeigt, die zu überwinden wir geglaubt haben. Diesen Kreisen
sei auftragen: Die Uckermark verdankt ihren ökonomischen und kulturellen
Aufstieg nach dem Dreißigjährigen Krieg vornehmlich der Ansiedlung von etwa 1
800 Hugenotten. Diese Region ist indessen nach der deutschen Wiedervereinigung
zu einer Auswanderungsregion geworden.
Es muss, so Dr. Gahrig, zu denken geben, dass sich seiner Kenntnis nach, im 325.
Jubiläumsjahr des Edikts von Potsdam allein die Französisch-reformierten
Gemeinden um die Bewahrung und den Fortbestand des hugenottischen Erbes bemühen.
Als Bespiele nannte er die 300-Jahrfeier der reformierten Kirche in Hohenbruch
(Kreis Kremmen, nördlich von Oranienburg) und die Eröffnung einer kleinen
Dauerausstellung zu Theodor Fontane auf dem Friedhof in der Liesenstraße). Die
Pflege hugenottischer Erinnerungskultur ist aber ein gesellschaftspolitischer
Auftrag. Aus dieser Sicht verdient Prof. Dr. Gerhard Fischer höchste
Anerkennung, zum 325. Jahrestag des Edikts von Potsdam die aktualisierte
Neuauflage seines Buches im Verlag Hentrich & Hentrich veröffentlicht zu haben.
[Dessen Inhaberin, Frau Dr. Nora Pester, gesellte sich im Laufe der
Veranstaltung zum „Salon"]
Prof. Dr. Gerhard Fischer stellte sodann den Werdegang seiner Neuauflage und
deren thematische Schwerpunkte vor.
In der anschließenden Diskussion tat sich u. a. auf, dass – zur Überraschung der
meisten Teilnehmer – auch der Bezirk Lichtenberg in vielfältiger Weise mit der
Ansiedlung und dem Wirken von Hugenotten verbunden ist.
Vor allem aber trug sie dazu bei, deutlich werden zu lassen, dass uns das
hugenottische Erbe mehr zu sagen hat, als das allgemein hin bekannt zu sein
scheint.
Einmal mehr hat sich die Nützlichkeit des „Berliner Forums" bestätigt.
Es wird auf jeden Fall im I. Quartal 2011 seine Fortsetzung finden.
Werner Gahrig
Gesprächskreis bei Hanna Behrend am 23. Oktober 2010
10 TeilnehmerInnen
Verlesung des Beitrags von Madeleine Porr, die aus Krankheitsgründen nicht anwesend sein konnte.
[Liebe Hanna, ich bedauere von ganzem Herzen, dass ich heute aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich in der Salon-Runde anwesend sein kann, und wünsche Euch wieder einen fruchtbaren Austausch. Wie versprochen hier zumindest einige meiner Gedanken in Stichwortform zu der Frage, die heute im Raum steht: "Welche Erfahrungen aus dem persönlichen Engagement für den allgemeinen Paradigmenwechsel haben sich für (m)eine Weiterarbeit als besonders wichtig und nützlich herausgestellt?"Meine Erfahrungen aus den verschiedensten Diskussionen, Prozessen und Aktionen haben mir vor allem gezeigt, dass die Thematisierung und die Reflexion der folgenden drei Bereiche unerlässlich sind, damit der konstruktive Kern von Engagement (an welchen Stellen des Paradigmenwechsels auch immer) nicht erstickt wird:
1. der Umgang mit sich selbst im Hinblick auf das Engagement
Stichwort:
- vom "Veränderung selbst leben" zum Ausbrennen/"Burn out" (gedankliche und
praktische Selbstausbeutung im Engagement)
- Reflexion der persönlichen Beweggründe
2. der Umgang derjenigen miteinander, die im Rahmen ihres sich überschneidenden Engagements diskutieren und/oder sich organisieren und/oder praktisch arbeiten (wollen)
Stichworte:
- Neugier auf und Respekt für andere Herangehensweisen;
- integratives Denken, d.h. Versuch, die verschiedenen Qualitäten zu sehen und
nutzbringend einzuweben;
- klare Haltung gegenüber denjenigen, die mit ihren persönlichen
Befindlichkeiten die Diskussion bzw. Organisation zu beherrschen suchen
3. der Umgang mit der "Außenwelt" bzw. den Paradigmen, an denen man Anstoß nimmt
Stichworte:
- Ver"institutionalisierung" in einem System, das man ja verändern will,
vs. Unorganisiertheit;
- Freiheit der Andersdenkenden bzw. Recht der anderen auf das Denken in ihren
"alten" Kategorien, also sich anregen und bereichern lassen von den "anderen"
Argumenten, ohne sie zu be- bzw. zu verurteilen
- "von unten machen" vs. (?) "von oben denken" --> aufhören, in (alten)
gegensätzlichen Polen zu denken; in die Synthese gehen
Dies wäre die Essenz meines Beitrags zur heutigen Diskussion gewesen. Ich freue mich darauf, auch die Erfahrungen der anderen von Dir zu hören.
Mit herzlichsten Grüßen,
Madeleine]
Im Sinne dieses, die subjektiv-individuelle Seite zwischenmenschlicher Kommunikation hervorhebenden Beitrags begann die Diskussion mit der Vorstellung der Anwesenden, die die Darstellung ihrer Vita dazu nutzten, ihre Aktivitäten zu bewerten.
Ein Schwerpunkt war aus ehrenamtlicher Arbeit einer Teilnehmerin hervorgegangene berufliche Tätigkeit in der Ausländerarbeit und die daraus resultierenden Konflikte mit der regierungsoffiziellen Ausländerpolitik, die schließlich zur Beendigung dieser Tätigkeit führten. Dennoch konnte sie in gewissem Maße auch die eigenen Vorstellungen verwirklichen.
Der Konflikt zwischen den eigenen Überzeugungen und anders motivierten Auftraggebern, führte in einem anderen Fall zur Überzeugung, dass nur eine akurate Recherche-Arbeit die erforderlichen Informationen biete, die urteilsfähig machen und damit den Menschen dienten.
In einem längeren Exkurs diskutierte die Gruppe die Ereignisse um Stuttgart 21, worüber die Meinungen divergierten. Einige TeilnehmerInnen waren der Ansicht, dass es sich hier um eine neue, positive Entwicklung handle, die den Menschen die erforderliche Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit verschafften, andere meinten, die massenhafte Überflutung mit Informationen würde das Urteilsvermögen nicht befördern.
Eine Teilnehmerin, berichtete über ihre bunte Nachwendeberufskarriere und kam zu dem Schluss, es liege im Vermögen des Individuums, unter jedem Staat sich wissensmäßig und beruflich zu entwickeln. Der wachsenden Zahl orientierungs- und antriebsloser Menschen sei unter keinem Staat zu helfen. Dem wurde durch Verweis auf die Leistung der DDR, die das Bildungsprivileg überwunden habe, widersprochen.
Die immer weniger transparente und immer unklarere Arbeit der Behörden, die mit Weiterbildung und Betreuungs- bzw. Beratungsarbeit zu tun haben wurde als belastend empfunden; positiv wurde hervorgehoben, dass es neuerdings eine Qualifizierung für Weiterbildungslehrkräfte gibt.
Zweimal in ihrem Leben habe sie, sagte eine weitere Teilnehmerin, das Gefühl der Freiheit und Motivation gehabt: nach 1945 und um die Wendezeit, 1989-1992. Keine Struktur habe ihr jedoch nachhaltig die Möglichkeit geboten, sich in Freiheit den ihr wichtigen wissenschaftlichen Aufgaben zu widmen; so arbeite sie jetzt freiberuflich daran den notwendigen Paradigmenwechsel zu definieren.
Es war zeitlich nicht mehr möglich, die Beiträge der übrigen sechs Teilnehmerinnen entgegenzunehmen. Am Schluss entspann sich eine lebhafte Debatte zum Thema der Leistungen der DDR im Bildungswesen und in der Frauenbefreiungsfrage, die mehrheitlich positiv bewertet wurden. Die Frage, ob sie eine Diktatur wie das NS-Regime sei, wurde zurückgewiesen.
Es wurde beschlossen, Anfang des Jahres 2011 die nächste Zusammenkunft zu organisieren und dann (1) die restlichen Vorstellungen vorzunehmen und (2) das Buchprojekt „Generation Aufbruch" von Hanna Behrend vorzustellen.
Ich schlage als nächsten Termin Sonnabend, 15 Januar 2011, 17 Uhr bei mir, Hanns-Eisler-Straße 12.10409 Berlin, 8. Stock vor.