Roswitha Berndt [Januar 2007]
Die mitteldeutsche Chemieindustrie und ihre Arbeiter im 20. Jahrhundert. Hermann-J. Rupieper(+)/Friederike Sattler/Georg Wagner-Kyora (Hrsg.), Mitte/deutscher Verlag Halle (Saale), 2005, 416 S.
[Diese Rezension ist erstmalig erschienen in: Sachsen-Anhalt. Journal für Natur- und Heimatfreunde, Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale), H.1/2007, S. 26-27.]
Der vorliegende Sammelband geht auf eine Tagung im November 2003 zurück, die in Halle, Schkopau und Leuna stattfand und vom Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Zusammenarbeit mit dem Projekt „Mitteldeutsche Industrieregion im Aufbruch" (MIA) und der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt ausgerichtet wurde. Ziel der Veranstaltung war es, neuere methodische Ansätze zur Unternehmens- und Arbeitergeschichte und ihrer möglichen theoretischen Verknüpfung nicht nur zu diskutieren, sondern sie anhand von Fallbeispielen vorrangig aus der Geschichte mitteldeutscher Chemieunternehmen im 20. Jahrhundert vorzustellen. Die Tagung fand so besonders bei Zeitzeugen ein lebhaftes Interesse und stellte sich an den authentischen Orten bewusst ihrer Kritik.
Der Band vereint 14 teils sehr heterogene Beiträge, deren Inhalt z. T. über den eigentlichen Titel hinausgeht. Er ist in zwei Abschnitte - Konzepte und Empirie - gegliedert, wobei auch die Abgrenzung in Beiträge zur Unternehmens- und Beiträge zur Arbeitergeschichte denkbar gewesen wäre.
Der erste Teil beinhaltet konzeptionelle Fragen zur bisherigen und möglichen neuen vielseitigen methodischen Herangehensweise an die Geschichte von Unternehmen und ihrer Belegschaften. Darüber hinaus wird der Einbeziehung solcher Kategorien wie Geschlecht und Generation insbesondere in der Forschung zur DDR-Geschichte verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet.
Am Beginn steht der Beitrag von Johannes Bähr über das Auf und Ab der unternehmensgeschichtlichen Forschung in Deutschland, ihren gegenwärtigen Stand und die aus seiner Sicht zu bevorzugenden unternehmenshistorischen Ansätze auch für die DDR-lndustriebetriebe. Er sieht sie insbesondere „in der Verbindung der Elemente der neuen lnstitutionenökonomik mit einem mikropolitischen ‘beziehungsgeschichtlichen‘ Modell" (S. 45), wodurch das „Innenleben" von DDR-Betrieben in seiner sozialen Vielfalt erschlossen und die Verbindung zur modernen Arbeitergeschichte hergestellt werden könnte.
Der zweite Beitrag von Anne Nieberding diskutiert die Chancen und Grenzen des Forschungsansatzes Unternehmenskultur als mögliche Annäherung von Unternehmens- und Arbeitergeschichte am Beispiel des Chemiewerkes BAYER-Leverkusen zur Kaiserzeit.
Dietmar Süss sieht in der Organisationssoziologie eine Fülle von Möglichkeiten auch für neue Sichten auf die Arbeitergeschichte. Verbunden mit dem Zauberwort „Mikropolitik im Unternehmen" (S. 80) könnte die immer noch stark klassenanalytisch bestimmte Forschung auf diesem Gebiet neue Akzente erhalten.
Der letzte konzeptionelle Beitrag von Helge Stadtland untersucht die Kategorien „Geschlecht" und „Generation" für die DDR-Geschichte, kann sich dabei auf erste Untersuchungen zu „reinen" Frauenbetrieben stützen und gibt so einen vorläufigen Überblick zur Frauenpolitik und Frauengeschichte in der DDR.
An diese anregenden theoretischen Überlegungen schließt sich der zweite empirische Teil des Bandes an, bezogen auf die mitteldeutsche Chemieindustrie und ihre Arbeiter im 20. Jahrhundert. Bei einigen dieser Aufsätze stehen solide Qualifizierungsschriften im Hintergrund, andere suchen erst nach innovativen Ansätzen zur praktischen Anwendbarkeit der als neu bekannten „Schnittfelder von Unternehmens- und Arbeitergeschichte" (S. 24).
Der tragende und umfangreichste Beitrag dieses Teils ist der von Friederike Sattler zu „Unternehmensstrategien und Politik", dargestellt an der Chemieindustrie Mitteldeutschlands. Dabei wird deutlich, dass keine andere Branche, beginnend mit ihrer Standortwahl, ihren Markt- und Wachstumsstrategien oder ihrer Personal- und Arbeitspolitik, so eng mit den verschiedenen politischen Regimen verbunden war. Nach 1933/39 ging das von der „schrittweisen lnteressenkonvergenz" (S. 160) bis zur Einbindung in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die zentrale Planwirtschaft der DDR ließ kaum Spielraum für eigene betriebliche Strategien, unterwarf die Führungspositionen politischen Auswahlkriterien und führte unter dem wachsenden Anpassungsdruck des Weltmarktes spätestens seit den 1980er Jahren zu reinen Krisenmanagement.
Zur „Belegschaft der Bitterfelder elektrochemischen Werke" zwischen 1914—45 äußert sich Dirk Hackenstolz in einem kurzen Beitrag, während Susan Becker und Friederike Sattler in ihrem gemeinsamen Aufsatz zu „Ludwigshafen als Modell für Leuna?" die betriebliche Sozialpolitik für die pfälzischen Stammwerke Ludwigshafen/Oppau und für Leuna vergleichend aufgreifen. Es zeigte sich bald, dass der bloße Transfer bisher erprobter sozialpolitischer Maßnahmen, mit harter Hand antigewerkschaftlich vorzugehen, angesichts der radikalisierten Atmosphäre in Mitteldeutschland besonders zwischen August 1917 und März 1921 nicht möglich war. Selbst das flexible Reagieren der Werkleitung durch Zulassung von Arbeitsausschüssen und einem provisorischen Betriebsrat dämmte die Streiks nicht ein. Das „Ludwigshafener Modell" des „Herr-im-Hause"-Standpunkts konnte erst nach der drakonischen Abrechnung mit den an den Märzkämpfen Beteiligten auch in Leuna eingeführt werden, und die Belegschaft profitierte ab Mitte der 1920er Jahre von den Wohlfahrtseinrichtungen der BASF.
Der nächste, englisch sprachige Beitrag von Helmut Walser Smith plädiert für eine stärkere Betrachtung der demographischen Wanderungsbewegungen in der Arbeitergeschichte und untersucht am Beispiel der Farbenfabrik Wolfen das Verhalten und den Widerstand von Fremd- und Zwangsarbeitern zwischen 1940 und
1945.
Von den restlichen sechs Beiträgen beschäftigen sich einige mit der „Lebenswelt Betrieb" nach 1945 am Beispiel von Chemiewerken Mitteldeutschlands und suchen so nach neuen Zugängen zur Arbeitergeschichte, was speziell für die Erwerbsarbeit von Frauen gelingt.
Albrecht Wiesener stellt in seinem Aufsatz ‚Taktieren und Aushandeln; Erziehen und Ausgrenzen" die Situation der Leuna-Arbeiter während des Chemieprogramms zwischen 1958 und 1963 zur Diskussion. Die politisch bewusst inszenierte Brigadebewegung war nach Meinung des Verfassers nicht in der Lage, die verschiedenen Formen von Konfliktverhalten zu kanalisieren und so zu einem „Allheilmittel" betrieblicher Konsensstrategie zu werden.
Renate Huertgen fragt in ihrem Beitrag „Der DDR-Betrieb als konflikt- und herrschaftsfreie Zone?" nach dem Wandel im Konfliktverhalten von Chemiearbeitern über 40 Jahre DDR und charakterisiert besonders die Austragung von Konflikten in den 1970/80er Jahren. Zu dieser Zeit hatten beide Antipoden gelernt: der betriebliche Überwachungsapparat bediente sich verstärkt „informeller Mitarbeiter", die Beschäftigten arrangierten sich mit den Verhältnissen und wählten vielfach den Weg individueller entpolitisierter Eingaben.
Francesca Weil behandelt „Betriebliches Sozialverhalten von Frauen" an zwei Beispielen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Ihr Fazit: Die Betriebstrategien und ökonomischen Erfordernisse führten bei hoher Frauen-Erwerbsquote durchaus zu einem höheren Selbstbewusstsein der Frauen im Arbeitsalltag, verlangten ihnen aber die Unterordnung ihrer individuellen Lebensansprüche und Bedürfnisse ab.
Annegret Schuele verbindet in ihrem mit dem Titel „Wir waren schon wieder eine andere Generation als die Frauen dort" versehenen Beitrag „Generation und Geschlecht" zu einem geschlechterspezifischen Generationenkonzept, das am Beispiel des VEB Baumwollspinnerei Leipzig Theorie und Empirie in Einheit abhandelt. Besonders in diesem Beitrag sieht die Rezensentin wichtige Ansätze für eine differenzierte Sicht auf die Bildung, Erfahrung und Betriebsbindung unterschiedlicher Frauengenerationen der DDR.
Georg Wagner-Kyora fragt unter dem Gesichtspunkt „wenn man die Ohren in der Masse aufmacht und in ihr Bewusstsein blickt..." nach dem „Selbstverständnis von Generationen in IM-Berichten" und sucht in Anlehnung an P. Bourdieu den kulturwissenschaftlichen Zugang zur Arbeitergeschichte. Er wählt dafür den „bemerkenswert dichten Quellenbestand" an IM-Berichten über die Buna-Werke Schkopau (S. 359) aus den 1950/60er Jahren und den 1980er Jahren und will so „Hinweise für einen Generationenzusammenhang von Sinndeutungen über Karbid-Arbeiter aus der Perspektive ihrer Chefs" (und gleichzeitigen informellen Mitarbeiter) herausarbeiten (S. 349).
Der letzte Beitrag von Claus Christ greift mit „Umweltschutz und Umweltprobleme" ein in der unternehmenshistorischen Forschung stark vernachlässigtes Thema auf. Ausgehend von den umweltrelevanten Auswirkungen chemischer Produktionsprozesse generell geht er auf die konkreten, die Umwelt belastenden Probleme der mitteldeutschen Chemiewerke ein. Es blieb der Widerspruch zwischen den theoretisch formulierten Ansprüchen zur Schonung der Natur und den jeweiligen betrieblichen Realitäten.
Insgesamt behandelt der Band Themenfelder und Fragen, die bisher in den beiden zu Diskussion stehenden Forschungsbereichen kaum eine Rolle spielten. Das gilt besonders für neue Sichten auf und innovative Ansätze zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, hier dargestellt am Betriebsalltag. Weitere, auf solider Quellengrundlage beruhende Untersuchungen werden zeigen, ob diese Überlegungen tragen.