Anneliese Braun

 

Zur „Notwendigkeit“ in Hannah Arendts Totalitarismusvorstellungen

 

Warum sich mit Hannah Arendt beschäftigen? Kurz gesagt, weil ihre Untersuchungen noch immer hochaktuell sind, haben wir doch auch heute noch totalitäre Tendenzen zu verzeichnen, die unter bestimmten Bedingungen auch wieder in totalitäre Herrschaft umschlagen können. Aus einer ursprünglichen Abwehrreaktion zu einer Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus heraus kam ich im Verlauf eigener Fragen nach den Ursachen der Implosion des Staatssozialismus zum Wiederlesen von Arendts Totalitarismus-Buch. In einigen der von Arendt diskutierten Ursachen für das Entstehen totalitärer Tendenzen entdeckte ich dabei Gemeinsamkeiten in einigen Fragestellungen; jedenfalls habe ich diese herausgelesen – indirekt, manchmal noch nicht genau fassbar, tastend. Ich vertrete die Auffassung, dass das Entstehen totalitärer Tendenzen mit zur Implosion des Staatssozialismus führte. Mit ihrem Umschlag in Stalinismus kann ich mich in diesem Rahmen nicht befassen. Mein Anliegen besteht darin, inwieweit Arendts Suche nach Ursachen für das Entstehen totalitärer Tendenzen weiterhelfen kann bei einer Ursachenanalyse für die Implosion des Staatssozialismus – die geeignet ist, Ausgangspunkte für emanzipatorische Alternativen zu liefern.

Hannah Arendt polarisiert! Aber sie polarisiert durch ihre schonungslose Analyse, die nach den Wurzeln von totalitärer Herrschaft suchte, die das 20. Jh. so brutal prägte – dabei sollte für Hannah Arendt am Ende die wissenschaftliche Erkenntnis den Ausschlag geben, ohne Ansehen von Freund oder Feind. Alles das auf dem Hintergrund von totalitären Tendenzen, die Hannah Arendt auch in den aktuellen Entwicklungen z. B. in USA erkannte und sich darum sorgte,  deren erneutes Umschlagen in totalitäre Herrschaft zu verhindern. Ich konzentriere mich darauf, eben diese  weiterführenden Ansätze herauszufischen, was nicht heißt, dass ich ihre Aussagen rundweg akzeptiere.

 

Vorweg eine kurze Interpretation zu Hannah Arendts Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Stalinismus

Hannah Arendt sah sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede, Gemeinsamkeiten vor allem in ihrer Anwendung sehr abstrakter Kriterien des Totalitarismus, wie des Diktats von „Gesetzen der Geschichte“ (von ihr dem Stalinismus zugeschrieben) oder der „Natur“ (von ihr dem Faschismus zuerkannt). Sie musste aber auch große Unterschiede anerkennen und zum Beleg ihrer theoretischen Überlegungen zog sie mal Nazideutschland und ein anderes Mal wieder Stalinismus heran. So entsteht sogar der Eindruck, dass bestimmte ihrer Kriterien gar nicht für beide geltend gemacht werden konnten, wie das Verhältnis von Herstellen und Handeln, jedenfalls wenn über grobschlächtige Gleichsetzung von „Herstellen“ mit „Geschichte machen“ hinausgegangen wird.

Jedoch bin ich mir auch nicht sicher, ob es sich bei den als „Gemeinsamkeiten“ von Faschismus und Stalinismus von Arendt benannten Prozessen, überhaupt um Gemeinsamkeiten in dem Sinne handelt, dass sie das Wesen dieser jeweiligen historischen Brüche wiedergeben. Damit will ich nichts rechtfertigen, frage aber, ob man – als Hilfsgriff – unterscheiden sollte zwischen „Totalitarismus“ (als ganzes System) und „totalitären Methoden“ (als Wege innerhalb des Systems) – wobei Totalitarismus bisher in einzelnen Staaten als System auftrat, aber nicht als absolutes, d. h. Weltsystem, was ein Horrorbild wäre.[1]

Eine totalitäre Herrschaft charakterisiert zwar Krisen des patriarchalischen Kapitalismus, aber sie ist ihm nicht fremd, sie vernichtet ihn nicht, sie formt ihn um in Richtung von Barbarei, aber beließ bisher (noch?) Entwicklungsmöglichkeiten für Kapitalismus – wie immer diese deformiert sein mögen und neue totalitäre Tendenzen in sich tragen.

Totalitarismus unter Bedingungen des sozialistischen Aufbaus hingegen schließt von vornherein und immer die Gefahr einer Vernichtung von Sozialismus wie von Entwicklungen in Richtung von Sozialismus ein und von seiner Intensität hängt es ab, ob nach seiner Überwindung überhaupt noch Kräfte vorhanden sind, welche Sozialismus aufbauen können (als emanzipatorische Gesellschaft). Totalitarismus ist in diesem Sinne ein Feind des Sozialismus/Kommunismus. Insofern verbietet sich eine Gleichsetzung in dem Sinne, dass von Totalitarismus im Kapitalismus und im Sozialismus gesprochen wird, von selbst. Ohne dass ich diese Zusammenhänge methodologisch verfolgen will und kann, spreche ich deshalb von „totalitären Methoden“ im Staatssozialismus. (Hierbei ist stillschweigend vorausgesetzt, dass innerhalb des Staatssozialismus sich prinzipiell Kräfte entwickeln konnten, welche durch eine „zweite Revolution“ emanzipatorische Möglichkeiten eröffnen. Ob das so war, ist umstritten.)

Totalitäre Methoden deformierten schließlich das ursprüngliche Ziel: den sozialistischen Aufbau. Sie verselbständigten sich, beraubten die Gesellschaft ihrer Zukunftsfähigkeit – Implosion. Vom Ergebnis her handelte es sich um einen in patriarchalischen Klassenbeziehungen – und damit im Reich der Notwendigkeit - gefangen gebliebenen proletarisch-avantgardistischen produktionszentrierten Frühsozialismus. Wobei es nicht klar ist, ob der Frühsozialismus Überlebenschancen hatte. Er hatte wohl seine ursprünglichen Aufgaben – die Industrialisierung und damit nachholende Modernisierung Russlands - weitgehend erfüllt. Es haperte „nur“ mit dem Kommunismus. .....

Eine radikale Sicht darauf ist wohl im Großen und Ganzen erst durch die Implosion des Staatssozialismus möglich geworden. Kritiker, die zugunsten emanzipatorischer Umwälzungen dachten,  Veränderungen aus dem Staatssozialismus heraus wollten, waren in aller Regel nicht konsequent genug (vgl. Bahro).  Das war aber wiederum eine Folge dessen, was wiederum Arendt – sich auf Kant berufend – feststellte, dass Unfreiheit im Handeln auch Unfreiheit im Denken bewirke.  In diesem Sinne war es nur verständlich, dass 1989 alternative Vorstellungen nicht sprudelten oder dass sie – wie die von Bahro – nicht verstanden wurden.

 

Einige für den Staatssozialismus bedenkenswerte Aussagen Hannah Arendts zu den Ursachen von totalitären Tendenzen

Arendt berücksichtigte in ihrer Kritik am Stalinismus im Totalitarismusbuch  die inneren Konsistenzbedingungen eines sozialistischen Aufbaus überhaupt nicht. Sie hat aber mit diesem Buch ihre Analyse des Totalitarismus nicht als abgeschlossen angesehen und weiter daran gearbeitet. Im Buch „Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ (Juli 1957), das weiterführende Überlegungen vor allem zu Ursachen von Totalitarismus umfasst, schätzte sie ein: „...Ich bin der Meinung, dass die Rückführung aller menschlichen Tätigkeiten auf das Arbeiten oder Herstellen und die Reduzierung aller politischen Verhältnisse auf das Herrschaftsverhältnis nicht nur nicht zu rechtfertigen sind, sondern in verhängnisvoller Weise den Raum des Öffentlichen und die Möglichkeiten des Menschen als eines für Politik begabten Wesens verkrüppelt und pervertiert haben.“[2] .....

In dieser Aussage sehe ich einen Schlüssel, der Arendts Sicht auf Hintergründe und Ursachen für Totalitarismus gewissermaßen bündelt. Wird sie näher analysiert, führt dies zur Folgerung, dass ein noch nicht vollzogener – aber herangereifter – Paradigmenwechsel das Entstehen von Totalitarismen begünstigt. Damit besteht neben anderem auch ein Zusammenhang zu Ursachen für die Implosion des Staatssozialismus.

Arendt sprach damit Veränderungen im Arbeiten, im Herstellen, in den Herrschaftsverhältnissen und im Raum des Öffentlichen an, die in ihrem Zusammenwirken das politische Handeln der Menschen verkrüppeln und pervertieren, ja tendenziell beseitigen können. (Unter politischem Handeln sowie der Ausbildung der Möglichkeiten der Menschen dazu verstand Arendt Freiheit oder Freisein der Menschen; aus heutiger Sicht interpretiere ich das als freiheitliche zivilgesellschaftliche Tätigkeiten und sehe eine Weiterführung in Richtung von „allgemein freiheitlichen zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten“. Das schließt Weiterführungen unter folgenden Aspekten ein:

. zivilgesellschaftliche Tätigkeiten von allen – mit entsprechender Kompetenz und „Muße“ im Marxschen Sinne.

. Umorientierung des Reiches der Notwendigkeit, weg von der Dominanz der Produktion (die sich derzeit in der Tendenz zur Totalität entwickelt), hin zur ganzheitlichen Reproduktion des Lebens, mit dem Ziel o. a. freiheitlicher Tätigkeiten und dem Ergebnis einer schließlichen Erhaltung von Lebensgrundlagen.

. Diese Umorientierung bedeutet gesellschaftliche Anerkennung sowohl der Arbeiten in der Produktion als auch der (bisher meist unbezahlten) unmittelbaren Reproduktionsarbeiten.

. Gleichheitliche Beiträge aller zum ganzheitlichen Reich der Notwendigkeit, wodurch alle gleichgestellt in allgemein freiheitliche Tätigkeiten eintreten können.

. Allgemein freiheitliche zivilgesellschaftliche Tätigkeiten erfordern, dass die „allgemeine Arbeit“ im Marxschen Sinne als Brotarbeit aufgehoben wird und ihre TrägerInnen auch ihren Beitrag zur Notwendigkeit leisten. Letzteres gibt ihnen die nötige Unabhängigkeit für allgemeine Tätigkeiten.

(Zivilgesellschaft im Sinne von Gramsci mit den eben genannten Weiterführungen.)

Im Sinne dieser gewissermaßen konkreten Utopie verwende ich „allgemeine freiheitliche zivilgesellschaftliche Tätigkeiten“.  Im Verhältnis zu Arendt  wäre dabei zweierlei zu tun: Erstens, die Begrenzungen der Arbeitsteilung aufheben, die Arendt an bestimmte Idealtypen von arbeitsteilig festgeschriebenen Menschen bindet. Zweitens, die sachlichen Abhängigkeiten überwinden, unter denen „Arbeiten“ zum Schicksal der Mehrzahl der Bevölkerung wurde.)

Indem Arendt in o. a. Aussage das Entstehen von totalitären Tendenzen mit Veränderungen im Arbeiten, Herstellen, Staat und mit zivilgesellschaftlichen Freiheiten in Verbindung sah, erklärte sie diese Veränderungen in der Endkonsequenz aus dem Druck der Notwendigkeit.

Arendt fasste die Notwendigkeit als politisches Problem. Damit stellte sie sich auf den Standpunkt der Praxis totalitärer Herrschaft.

Notwendigkeit“ fasste Arendt dabei unter verschiedenen Aspekten: im Verhältnis zur Freiheit, d. h. als Ausschluss von Freiheiten; als Zwang der Gesetze der Geschichte und der Natur,  der politisch durch Zwingen realisiert wird sowie aus der Sicht des „eisernen Gesetzes“ des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Freiheit und Notwendigkeit hatte Arendt jedoch jeweils an bestimmte Bevölkerungsgruppen geknüpft, da sie den Oikos-Bezug im Grunde genommen nie aufgab und Oikos bedeutete für sie das Reich der Notwendigkeit, in das sie sogar die Herrschaftsausübung hineindefinierte, obwohl dies selbst der Praxis in der Antike widersprach. Zur Freiheit gehörte bei Arendt ausdrücklich eine Lösung für die Sicherung des Notwendigen für die „Elenden“, d. h. die Abhängigen.[3] Was Arendt als „Notwendigkeit“ fasst, ist also nicht immer eindeutig und ist politisch überfrachtet, vor allem fehlt fast immer ein Bezug zur ökonomischen Notwendigkeit.

Ein zunehmender Druck der Notwendigkeit muss nicht unbedingt zur „überbordenden Notwendigkeit“ werden, denn Notwendigkeiten können auch durch starke zivilgesellschaftliche Aktivitäten abgebaut werden, was voraussetzt, dass Wechselbeziehungen zwischen Notwendigkeiten und Freiheiten erfolgen und diese nicht festgefahren sind. (beispielsweise Roosevelts New Deal).  Versagt die Zivilgesellschaft – oder ist sie bereits dezimiert, wie im Gefolge einer Unterdrückung von nicht zum jeweiligen Mainstream angehörenden Richtungen – kommt es zur totalitären Herrschaft, welche die “überbordende Notwendigkeit” kanalisiert. Dadurch verändert sich die Notwendigkeit selbst, sie bekommt deformierte und pervertierte Züge.

Auch wenn Arendt die Notwendigkeit nicht umfassend erklärte, bleibt jedoch, dass es ein Problem der Notwendigkeit gibt. Notwendigkeit bleibt, weil sich dahinter ein herangereifter Paradigmenwechsel innerhalb der Notwendigkeit und im Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit verbirgt, den Totalitarismen verweigern.

Arendt spielt dabei auf Brüche gegenüber klassischen bürgerlichen Verhältnissen an, besonders die fehlenden zivilgesellschaftlichen Beziehungen, die dominierende Macht einer historisch neuen (totalitären) Staatsform und dessen Produktionszentriertheit, dessen Kehrseite die ignorierten sowie eingeschränkten  und umdefinierten Warenbeziehungen bilden.

Hinsichtlich des Paradigmenwechsel und seiner Bewältigung treffen sich wiederum viele von Arendts Überlegungen zur Notwendigkeit mit Fragen nach Ursachen für die Implosion des Staatssozialismus. Ihr Suchen richtet sich auf eine Wiederkehr der „traditionellen“ Ideale von Freiheit, von politischem Handeln und Freisein in Kontemplation, Reden und Denken – und deren Bewahren vor der Gefahr des Totalitarismus. (Auf den ersten Blick ein rückwärtsgerichtetes Modell.) Ihre Überlegungen enthalten aber indirekt Probleme und Schwierigkeiten eines Herauskommens aus kapitalistischen, und z. T. – allerdings sehr eingeschränkt - auch aus patriarchalischen Verhältnissen.

Aus dieser Sicht interpretiere ich Arendts Positionen zur Notwendigkeit in folgenden drei Problemkomplexen:

Erstens: Totalitäre Tendenzen entstehen aus den kapitalistischen Warenbeziehungen selbst, die paradoxerweise das Reich der Notwendigkeit ausdehnen, je mehr Potenzen für Freiheitsräume sich entwickeln. Bei einer „überbordenden Notwendigkeit“ (Arendt) können totalitäre Tendenzen in Totalitarismus umschlagen.

Zweitens: Totalitarismus als faktisch absolute Organisation der Notwendigkeit, die keine Zukunftsfähigkeit schafft, weil sie stets zusätzliche Notwendigkeit reproduziert.

Drittens: Paradigmenwechsel zwecks Verhinderung von neuem Totalitarismus: Er betrifft die Position der Produktion zwischen tendenzieller Totalisierung, d. h. einem absoluten Zwang der Notwendigkeit oder einer (Um)Orientierung an zivilgesellschaftlicher Freiheit.

 

Zu erstens: Totalitäre Tendenzen entstehen aus den „gewöhnlichen“ kapitalistischen Warenbeziehungen selbst. Totalitäre Tendenzen entwickeln sich überall. Arendt: So wie in der heutigen Welt totalitäre Tendenzen überall und nicht nur in totalitär regierten Ländern zu finden sind.[4] Totalitarismus steckt als Möglichkeit in allen patriarchalisch kapitalistischen Entwicklungen seit Entstehung des Imperialismus (Ende des 19./Anfang des 20. Jh.). Diese Möglichkeit existiert sowohl als politische Möglichkeit – Primat der Politik – (siehe Faschismus) als auch als ökonomische – Primat der Ökonomie (siehe derzeitige Totalisierung der Kommerzialisierung der Lebenstätigkeiten – mit ihren Folgen).

Ausgehend von Hobson, Hilferding und Lenin waren es vor allem Veränderungen im Wirkungsmechanismus der Warenbeziehungen, aus denen totalitäre Tendenzen entsprangen: das Entstehen von Monopolen, Monopolmacht, Monopolpreisen und Monopolprofiten;  die Verschiebung der Konkurrenz um den Zuwachs hin zur Konkurrenz um den Bestand (Neuaufteilung der Welt und die damit einhergehenden Weltkriege); mit den beginnenden absoluten Grenzen für die Expansion fangen für die Kapitalverwertung überflüssige Ressourcen an, anhaltend zu werden (nicht mehr hpts. in konjunkturellen Krisen; Entstehung von Staatsmonopolen und Staatsmonopolismus (zuerst in der Kriegswirtschaft des ersten Weltkriegs in Deutschland);  eine beginnende Deklassierung bei fast allen Bevölkerungsgruppen. Die Warenbeziehungen besitzen zu dieser Zeit jedoch grundsätzlich noch Entwicklungschancen und –potenzen (wie zugunsten der Massenproduktion wegen der noch nicht erreichten Sättigung mit notwendigen Mitteln zum Leben). Die neuen Tendenzen beginnen mit ihrem z. T. totalitären Charakter, gegen die klassischen Grundlagen der Warenbeziehungen zu wirken (wie hinsichtlich der Verkaufbarkeit der Ware Arbeitskraft, hinsichtlich der Einschränkungen der Freiheit beim Verkauf der Ware Arbeitskraft ....). Damit entziehen sie Freiheiten, die für ein Funktionieren von Warenbeziehungen erforderlich sind – und staatsbürgerliche Freiheiten. Die entstehenden Widersprüche wurden in den meisten Staaten noch verkraftet (u. a. wegen einer relativ starken Zivilgesellschaft). Nur in Staaten mit besonders zugespitzten krisenhaften Bedingungen  wie - aus jeweils unterschiedlichen Gründen – in Russland (mit dem Stalinismus) und in Deutschland entwickeln sich totalitäre Tendenzen zu totalen Herrschaften. Der Totalitarismus beseitigte mehr oder weniger Grundbedingungen der Warenbeziehungen – und damit Grundbedingungen des klassischen Kapitalismus. Er schuf aber nicht etwas zukunftsfähiges Neues dafür, sondern wurde zum Krisenmanager. Die  Form der „Volksgemeinschaft“  in Nazideutschland bildete sich als ein gemeinsames Zusammengehen gegen die Krisen. Die politischen Wege der totalitären Herrschaft waren aber irrational und sie verselbständigten sich. Letztendlich wurden keine neuen Wege eröffnet, sondern Umverteilung entwickelte sich zum eigentlichen Weg. Durch das Naziregime wurde der Druck der Notwendigkeit gewissermaßen verwaltet, er wurde durch „Umverteilung“ auf „Andere“ (wie Enteignung und Liquidierung der Juden, Liquidierung von „unwertem Leben“ usw. sowie auf Kosten von Bevölkerungsteilen in den im Krieg besetzten Ländern ...) für die zur „Volksgemeinschaft“ gehörenden gemildert – d. h. nach politischen Gesichtspunkten umverteilt. Es wurde also versucht, mit Hilfe von totalitären Eingriffen in die Notwendigkeit Spielräume für die Bourgeoisie – und für die eigene Herrschaft der Nazibewegung – zu gewinnen.

Die Beschäftigung damit betrifft jedoch nicht  nur die Aufarbeitung der Vergangenheit.  Sie reicht bis in die Interpretation der Gegenwart und der Suche nach emanzipatorischen Lösungen für die aufgestauten Reproduktionskrisen. Als aktuelle Gefahr eines neuen Totalitarismus zeigt sich auch heute eine erneute Veränderung in den ehemals klassischen Warenbeziehungen: die tendenziell totale Kommerzialisierung aller Lebenstätigkeiten. Diese verwandelt faktisch die ursprünglich ganzheitliche Reproduktion des Lebens in der Tendenz in ein einziges Reich der Produktion (und Realisierung) von Profit – und damit in ein einziges Reich der Notwendigkeit, der Notwendigkeit profitabler Verwertung aller Ressourcen. Wir sind Zeugen, wie dadurch die unmittelbare Lebenssphären der Reproduktion der Gattung, der Naturressourcen und –kräfte, der freien menschlichen Beziehungen, besonders der zivilgesellschaftlichen Freiheiten zerstört werden.  Wir sehen uns konfrontiert mit den Begleiterscheinungen von Gruppen- und Staatsterrorismus, von Demoralisierung der für die Kapitalverwertung „Überflüssigen“ und ihres Missbrauchs für Gewaltaktionen gegen Andere und Andersdenkende, der tendenziellen Verwandlung von Lebenszeit in Arbeitszeit für diejenigen, die noch in den Arbeits- und Verwertungsprozess des Kapitals einbezogen bleiben. .... Die Gefahr dieses aktuellen Totalitarismus unterscheidet sich von seinen historischen Vorgängern, indem er auf dem Primat der Ökonomie beruht. Dadurch kann bei ihm der Eindruck eines unvermeidlichen, gewissermaßen naturbedingten Prozesses entstehen. Aber seine Folgen sind nicht weniger gefährlich als bei einem auf dem Primat der Politik beruhenden Totalitarismus. Er führt ja auch tatsächlich zu politischen Totalisierungstendenzen, sogar zur Entmachtung der Politik durch die PolitikerInnen selbst, die immer mehr zu bloßen Verwaltern von Budgets und zu Handlangern von Lobbyisten werden – also nicht nur Zivilgesellschaft, sondern auch Politik zunehmend faktisch kommerzialisiert und damit zu einem Bestandteil der Ökonomie werden. Hier läuft ein Horrorszenario ab, das die Befürchtungen und Warnungen von Hannah Arendt leider bestätigt. Es rückt auch ihre Orientierung auf Freiheit als Ausweg wieder in den Vordergrund, aber eine anders definierte. Die Frage nach den totalitären Tendenzen und ihren Ursachen darf also nicht unterschätzt werden, sie ist kein allein historisches Phänomen.

 

Zu zweitens: Totalitarismus als tendenziell absolute Organisation der Notwendigkeit.

Arendt zum Verhältnis von Totalitarismus und Notwendigkeit:

Arendt  erklärte: ... dass die außerordentliche Gefahr der totalen Herrschaft für die Zukunft der Menschheit ...darin besteht, ... dass ... sie jede Form der Spontaneität, d. h. das Element des Handelns und der Freiheit in allen Tätigkeiten zu ertöten droht ... und uns damit jenen automatischen Prozessen zu überantworten strebt, ... denen der Mensch ohnehin unterworfen ist.[5] Weiter Arendt: ... und dieser von Menschen selbst erzeugte Automatismus ist für die Welt nicht weniger verderblich als der Automatismus der Naturprozesse für das Leben der einzelnen.[6] Mit den „automatischen Prozessen“ meinte Arendt m. E. das Reich der Notwendigkeit. Ihre Aussagen zielten darauf, dass die totale Herrschaft die „Organisation der Notwendigkeit“ ist!

Arendt ging davon aus, dass mit dem Primat der Politik „Gesetze der Geschichte“ oder der „Natur“ durchgesetzt werden sollen.[7] Und sie wandte sich gegen Verabsolutierungen von Determinismus und Deduzieren. (Letzteres zu Recht.) Aber das Ganze ist ein Missverständnis, denn totale Herrschaft realisiert keine objektiven Gesetze (das gibt sie bestenfalls vor), sie handelt nach politischen Kriterien.

In diesen Ausführungen war „Notwendigkeit“ für Arendt nur ein anderer Ausdruck für Determinismus, der von totaler Herrschaft mit Zwang realisiert werden soll. An die Stelle der Macht des Schicksals tritt – entgegen Friedrich Engels - die Macht der objektiven Gesetze.

Der Bezug von Arendt auf eine „höhere Notwendigkeit“ und auf die „Gesetze von Geschichte und Natur“ erklärt aber die Macht der Notwendigkeit lediglich aus der totalitären Herrschaft, dreht sich also im Kreis.

Aus Arendts Aussagen über das Ertöten von Freiheit in allen Tätigkeiten[8], ließen sich hingegen Aussagen über das Verhältnis von Totalitarismus und Notwendigkeit ableiten. Danach würde die Orientierung an der Notwendigkeit totalitär, wenn alles in Notwendigkeit verwandelt wird (also auch die potenziellen freiheitlichen Spielräume) und alle zunehmend und schließlich überwiegend im Sinne der Notwendigkeit tätig sind oder sein sollen. Die Berufung auf die Notwendigkeit „begründet“ und rechtfertigt die Forderungen der Partei und des Staates, sie soll die Menschen motivieren, wo ökonomische Anreize unentwickelt sind. Eine überwiegende oder gar ausschließliche Orientierung an der Notwendigkeit resultiert aus einer einseitigen politischen Machtausübung (Primat der Politik), die immer totalitäre Züge trägt, aber ihrem Wesen nach totalitär wird, wenn die überwiegenden Bereiche der Arbeit und der unmittelbaren Reproduktion des Lebens in die Orientierung und Kontrolle durch die Politik einbezogen werden (UdSSR etwa ab 1930). Da politische Machtausübung ökonomischen Erfordernissen nicht adäquat ist, der Staat für eine nachhaltige Orientierung der Ökonomie ungeeignet ist und Entwicklungstriebkräften – außerhalb der beschränkten und deformierten politischen Antriebe – fehlen, kommt es tatsächlich zur Zunahme des Druckes der Notwendigkeit und zur Ausweitung der Herrschaft der Notwendigkeit. Lenin begründete mit seiner Imperialismustheorie das Modell eines Staatssozialismus. Hierbei stützte er sich auf den von der proletarischen Revolution gebotenen Primat der Politik über die Ökonomie, der von der Sowjetmacht zu realisieren war, weil diese als neuer Staatstyp dem höchsten Grad der Vergesellschaftung entsprechen sollte. Der sowjetische Staat vertrat zwar in Gestalt der Führung durch die KPdSU gewolltermaßen die Mehrheit der Bevölkerung, aber er band seine Potenzen überwiegend oder musste sie binden an den Kampf um den Machterhalt, sodass er gesellschaftliche Bereiche faktisch mit übernahm, die in kapitalistischen Gesellschaften in relativer Unabhängigkeit – allerdings in Wechselbeziehungen – zu ihm bestanden, wie Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Dadurch beschnitt der Staat von vornherein selbstorganisatorische und freiheitliche Entwicklungspotenzen aus der Masse der Werktätigen heraus, regulierte deren Aktivitäten hin zu einem tendenziellen Mittelmaß und wurde schließlich auf die klassischen staatlichen Funktionen der Zentralisierung von Mitteln und Entscheidungen und ihrer Umverteilung zurückgeworfen. Diese klassischen staatlichen Funktionen konnten – in Wechselwirkung mit dem Enthusiasmus, der Bewusstheit und der Opferbereitschaft von für sich selbst und für die Gesellschaft arbeitenden Werktätigen – die Industrialisierung erfolgreich lösen, sie versagten beim Suchen nach einem Übergang zu kommunistischen Wegen. Indem der Sowjetstaat Funktionen an sich gezogen hatte, die er als Staat gar nicht sinnvoll realisieren konnte, versperrte er sich Wege zu einem allmählichen Absterben des Staates und verlor an gesellschaftlicher Wirksamkeit im Sinne von Zukunftssicherung. Tatsächlich galt es, den Druck der Notwendigkeit zurückzudrängen, zugunsten von mehr Freiheitsspielräumen. Anstelle auf den Staat wäre eigentlich auf die Zivilgesellschaft zu orientieren, um Lösungen zu erreichen. Diese könnte den Weg für Selbstorganisation öffnen, die den Staat ergänzt und ihn irgendwann ersetzt.

In Bezug auf den sozialistischen Aufbau resultieren totalitäre Methoden aus den bisher erfolglosen Versuchen, die Grenzen patriarchalisch kapitalistischer Klassengesellschaften zu überschreiten – was Kommunismus bzw. eine Entwicklung in dessen Richtung erfordern würde. Die tatsächliche Entwicklung verlief aber bisher in der Richtung, soziale Gerechtigkeit zugunsten der bisher Ausgebeuteten herstellen zu wollen, ohne diese Grenzen zu überschreiten – aus welchen Gründen auch immer (besonders eine chinesische Mauer zwischen erster und zweiter Phase des Kommunismus zu bauen, d. h. zweite Phase als Illusion zu sehen, daher fehlende Entwicklungstriebkräfte).

Es steckt also dahinter das Erfordernis eines Paradigmenwechsels, der von totalitären Systemen verweigert wird – wie sehr sie auch aktuellen Problemen und Stimmungen verpflichtet sind und diese beschwören - , die anstelle dessen Politik und Organisation einsetzen. (UdSSR z. B. wollte eine Klassenherrschaft der Arbeiterklasse, vertreten durch Partei und Nomenklatura, eine Umkehrung bisheriger Klassenherrschaften, aber im Rahmen patriarchalischer Klassenverhältnisse bleibend, die als noch nicht überwindbar betrachtet wurden.)  M. E. beziehen sich Hannah Arendts Überlegungen gerade auf diesen Paradigmenwechsel, sobald sie sich mit den Ursachen des Totalitarismus beschäftigt.

Arendt hat hierbei die Unfreiheit und die neue totalitäre Staatsform selbst angesprochen. Die Warenbeziehungen weniger, da sie praktisch weitgehend an die totalitäre Staatsform abgegeben wurden, ihre Wirkungsbedingungen wurden weitgehend durch den Totalitarismus vernichtet oder ihm untergeordnet, gewissermaßen eine totalitäre Antwort auf die mit dem Imperialismus veränderten Wirkungsbedingungen der Warenbeziehungen. Tatsächlich zeigte sich aber, dass sie sich nicht überlisten lassen.

 

Zu drittens: Führt die Entwicklung der Produktion (von Mitteln zum Leben) zwangsläufig zum absoluten Druck der Notwendigkeit oder kann sie an zivilgesellschaftlichen Freiheiten umorientiert werden? Hannah Arendts Verwechslung der Marxschen Theorie mit dem „Zwang der Notwendigkeit“

Arendt erklärte schließlich, dass der „Zwang der Notwendigkeit“ dem „eisernen Gesetz“ des gesellschaftlichen Produktionsprozesses entspreche.[9] Marx habe mit seinem Ansatz das Denken dem Zwang der Notwendigkeit unterworfen. Er verwechselte Herstellen und Handeln[10], d. h. er habe Handeln im Sinne eines herstellenden Verfahrens begriffen. Arendt kritisierte Marx, dass dieser die traditionelle Hierarchie zwischen Denken und Tun, zwischen dem Interpretieren und dem Verändern der Welt, umgestoßen und umgekehrt habe.  ... Das politische Handeln, die traditionell höchste Fähigkeit des Menschen innerhalb der Vita activa, erscheine dabei bei Marx nur noch als eine Funktion der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, ... [11]. Wenn im Herstellen der Zweck in der Tat die Mittel rechtfertigt, ... so könnte man paradoxerweise sagen, dass im Handeln das Mittel den Zweck setzt und erzwingt.[12]

Arendt: Dieses Misstrauen gegen das Herstellen nun ist sachlich aus zwei Gründen gerechtfertigt, die sich beide unmittelbar aus der Natur der Tätigkeit ergeben. Es gehört erstens zu ihrem Wesen, dass sie ohne Gewalttätigkeit niemals möglich ist: ... Dem Herstellen ist zweitens eigentümlich, dass es immer in der Zweck-Mittel-Kategorie erfolgt, die überhaupt den ihr einzigen legitimen Ort in der Sphäre des Herstellens und Fabrizierens hat ...gibt es einen klar erkennbaren Zweck, das Endprodukt.[13] Arendt betonte dann, dass das Werk als Endzweck des Herstellens alle Mittel rechtfertigt.[14] Arendt beklagte: Es sei die Überwältigung und Durchdringung des politischen Bereichs durch Kategorien und die Mentalität, die dem Herstellen eigentümlich sind, eingetreten. Das Politische ... verlor seine Eigenständigkeit, und der öffentlich-politisch organisatorische Raum, in dem Menschen handeln und miteinander sprechen, die fertige Welt also, verfiel den gleichen Kategorien, die unerlässlich sind, um sie erst einmal hervorzubringen.[15] Arendt stellte fest, .... dass die Denkkategorien des Herstellens für uns so überwältigend maßgebend geworden sind, dass wir meinen, sie seien schlechthin allgemeingültig.[16] Arendt: Alle Theorien, in welchen Handeln als Geschichte-Machen, und also als Herstellen, verstanden wird, führen letztlich zu der in Marx’ Werk so klar ersichtlichen Konsequenz, in einer so oder anders beschaffenen, endgültig festgelegten Gesellschaftsordnung das Handeln, und damit das eigentlich Politische im Menschen, abzuschaffen. Die totalen Herrschaftssysteme, die Tyranneien und Diktaturen unseres Jhs., sind gerade deshalb so zerstörerisch, weil sie aus dieser Gesinnung entstanden sind und dies letztlich bezwecken.[17]

Arendt beschrieb damit zwar tatsächliche Entwicklungstendenzen, die sich derzeit im Zuge tendenziell totaler Kommerzialisierung noch eindeutiger abzeichnen. Aber ihre Adressierung der Kritik an die Marxsche Theorie ist ein völliges Missverständnis. Sie hätte die kapitalistische Wirklichkeit kritisieren müssen. Ihrem Vorwurf an Marx  lag selbst eine Verwechslung von (einem überholten) Idealtyp und Wirklichkeit zugrunde. Marx hat weiter nichts getan, als die tatsächliche Tendenz der verallgemeinerten und auf Kapitalverwertung orientierten Warenwirtschaft auszudrücken, alle Lebenstätigkeiten in Ware und die Tätigkeiten zu ihrer unmittelbaren Reproduktion in Arbeit zu verwandeln – wie sich aktuell eindeutig zeigt, wo auch politisches Handeln faktisch fast völlig zu Arbeit geworden ist. In dieser Frage wäre also eher Marx’ Weitsicht hervorzuheben.

Arendt kam zu diesem Missverständnis, weil sie Warenbeziehungen und Arbeiten verwechselte. Sie beharrte auf dem Kategorienschema von vita activa und vita contemplativa, das aber am besten geeignet war, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse widerzuspiegeln. Arendt erkannte zwar an, dass Marx – wie Kiekegaard und Nietzsche auf ihren jeweiligen Gebieten – einen „Traditionsbruch“ vollzog, sah diesen aber nicht in der Entstehung sachlicher Abhängigkeitsverhältnisse und der sich damit verändernden Rolle der Ware. Um arbeiten zu können, musste jetzt bekanntlich erst die Warenschranke übersprungen werden.

Mit der industriellen Revolution wurde die Ware – mit der Verallgemeinerung von Warenbeziehungen – zur dynamischen Auslöserin gesellschaftlicher Umwälzungen und nicht die Arbeit. Die Arbeitskraft wurde in diesem Prozess selbst zur Ware. Arbeit musste die Warenhürde nehmen, um geleistet und als gesellschaftlich notwendig anerkannt zu werden. War die Ersetzung ehemals persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse durch sachliche, mit freiheitlichen Folgen für die Arbeitenden verbunden (wie Freizügigkeit, Beschränkung des Arbeitstages ....), schufen die Warenbeziehungen zugleich eine neue Art von Abhängigkeit: eine unsichtbare, abhängig von einem ökonomischen Organismus, der anscheinend blind Arbeitskräfte anzog oder abstieß. ...  Der Mensch könnte mit der industriellen Revolution als ein Waren produzierendes und verkaufendes Tier  charakterisiert werden.

Hannah Arendt missverstand des weiteren Marx’ Erkenntnisse, indem sie feststellte: Es handelt sich um den Widerspruch zwischen einer durchaus verabsolutierenden Verherrlichung des Arbeitens und des Handelns im Gegensatz zu Kontemplation, Denken und Reden und dem Ideal einer nahezu arbeits-losen und ganz und gar unpolitischen, d. h. handelnsunfähigen Gesellschaft.[18] Wenn Marx in der Aneignung von unbezahlter Arbeit (Mehrarbeit) die Quelle des Mehrwerts und damit des Profits erkannte, verherrlichte er damit keineswegs die Arbeit, sondern drängte auf soziale Gerechtigkeit. Zudem geht es um die konkrete Utopie, dass notwendige Tätigkeiten und Kontemplation, Denken und Reden nicht mehr jeweils an bestimmte Bevölkerungsgruppen gebunden bleiben, sondern die alte Arbeitsteilung beseitigt und alle gleiche Teilhabemöglichkeiten erhalten. Was bleibt aber dann als möglicherweise rationaler Kern aus Arendts Kritik bestehen?

Arendt erkannte mit ihrem beharrenden Misstrauen gegen das Herstellen ein aktuelles Problem,  das sie nicht klar formulierte – das der Ablösung eines produktionszentrierten Herangehens durch Orientierung auf ganzheitliche Reproduktion des Lebens. Eigentlich bleibt die Notwendigkeit eines neuen, nicht-produktionszentrierten Ansatzes, bei dem das „Politische“ insofern wieder zur Geltung kommt, als es als Element allgemeiner zivilgesellschaftlichen freiheitlichen Handelns (also anders und weiterführend als nur ein „politisches Handeln“) erneuert wird. Diese Erneuerung folgt übrigens direkt aus einer Analyse totalitärer Systeme, indem diese durch ihre faktische Orientierung auf die Notwendigkeit die Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Gesellschaften aufs Spiel setzen.

Suchend nach dem „rationalen Kern“ ihrer Aussage, würde ich das Übergewicht des „Herstellens“ als Dominanz der Produktion von Mitteln zum Leben über die unmittelbare Reproduktion des Lebens deuten. Nicht das ist an Marx zu kritisieren, dass er durch die Analyse der kapitalistischen Warenverhältnisse angeblich einer Totalisierung Vorschub leistete, sondern dass er auch die Emanzipation der Abhängigen auf diesen produktionszentrierten Ansatz stellte, der doch eigentlich umgestülpt werden müsste.

Das Problem Hannah Arendts, dass „Herstellen“ als  „Notwendigkeit“ zu totalitären Tendenzen führt, würde also vermieden, indem die Produktionszentriertheit durch Orientierung auf ganzheitliche Reproduktion des Lebens überwunden wird. Das ist eine vielfach fehlinterpretierte oder auch nicht erkannte Aufgabe, deren Lösung aber geeignet wäre, emanzipatorische Potenzen freizusetzen. Sie wäre insofern eine direkte Schlussfolgerung aus der Unfähigkeit des Staatssozialismus – nicht zuletzt im Gefolge des Stalinismus – Zukunftsfähigkeit hervorzubringen.

Totalitäre Tendenzen zu verhindern, schließt deshalb ein, die Produktionszentriertheit des Herangehens zu überwinden. Hierbei ist seit etwa den 70er Jahren des 20. Jh. eine Wende eingetreten, welche mit der tatsächlichen oder wenigstens potenziellen Sättigung mit notwendigen Mitteln zum Leben die klassischen Warenbeziehungen in ihrer Funktion erfüllt sieht. Das öffnet den Weg dafür, die Produktion der unmittelbaren Reproduktion des Lebens zu unterstellen und damit allgemein gleichheitliche Beiträge zur ganzheitlichen notwendigen Reproduktion des Lebens und allgemein freiheitliche zivilgesellschaftliche Aktivitäten durch Selbstorganisation zu entwickeln. Diese Wege könnten globale Reproduktionskrisen allmählich lösen und damit den Konflikten den Boden entziehen, die auch heute noch zu totalitären Tendenzen führen. Leider sind die Konsequenzen aus dieser Wende bisher kaum gezogen worden.

Totalitarismus zu verhindern, bedeutet also nicht – wie nach Arendt – Wiederherstellung eines Übergewichts des Handelns über das Tun, sondern eine ständig erneute Harmonisierung zwischen gleichheitlichen Beiträgen zur ganzheitlich gefassten Notwendigkeit und allgemein freiheitlichen zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten. Damit kommen Arendts Vorstellungen über die Rolle der öffentlichen Freiheit bei der Verhinderung von totalitären Tendenzen voll zu ihrem Recht. Arendt sah die Wiederherstellung eines Übergewichts des „Handelns“ über das „Tun“ („Herstellen“) sowie die Lösung des Problems der Notwendigkeit (sie hofft auf neue Technologien als Weg zur Lösung dieses Problems) als Weg zu Freiheit. Arendt betonte, dass „jeder Versuch, die  soziale Frage mit politischen Mitteln zu lösen, in den Terror führt und dass es der Terror ist, der die Revolutionen in ihren Untergang schickt.“ (wie die Zeugnisse vergangener Revolutionen beweisen).[19] Arendt: Was wir zu verstehen versuchen müssen, ist nicht einfach der theoretische Gemeinplatz, dass Befreiung die Voraussetzung für Freiheit ist, sondern die praktische Wahrheit, dass Befreiung von Notwendigkeit – wegen ihrer Dringlichkeit – immer dem Errichten des Gebäudes der Freiheit vorausgeht.[20]  Es geht um die Verringerung der Notwendigkeit und die Reproduktion von Freiheit über stets erneutes freiheitliches Handeln (unter o. a. Paradigmenwechsel).

These: Anstelle von Übergewicht  „Orientierung“ zu setzen und anstelle von „Kontemplation, Reden und Denken“ die „unmittelbaren Reproduktionstätigkeiten“ setzen, welche die Produktion umorientieren und orientieren. In dieser Umorientierung sind auch die Lebensnotwendigkeiten enthalten, die Arendt aus dem öffentlichen Raum in das Private, in den Oikos verbannte. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel und er lässt Menschen als Ziel aller Tätigkeiten  erscheinen,  d. h. gleiche Entfaltung der Fähigkeiten, Lebensgrundlagen. ... Aus dieser Umorientierung ergibt sich eine andere Notwendigkeit: eine ganzheitliche Notwendigkeit (sowohl Produktion der Mittel zum Leben als auch unmittelbare Reproduktion des Lebens im Sinne der Reproduktion der Gattung im weiteren Sinne sowie der natürlichen Lebensgrundlagen), die allgemein gleichheitliche Beiträge voraussetzt und eine Freiheit im Sinne von allgemeinen zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten, die in Wechselbeziehungen zu allgemein gleichheitlichen notwendigen Beiträgen steht, durch welche alle gleichgestellt in den Freiheitsraum eintreten können, aber auch unabhängig – keine wissenschaftliche Brotarbeit z. B. mehr. Anstelle der Dominanz des „Herstellens“ (oder des „Handelns“ als Idealtyp bei Arendt) tritt eine pluralistische Austarierung mit dem Ziel der jeweils bestmöglichen Reproduktion des Lebens....

Jedes Abtrotzen von Freiräumen gegen totalitäre Tendenzen ist Vorbereitung dieses Paradigmenwechsels. Kann sich dabei Zivilgesellschaft ohne weiteres an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen oder ist dazu ebenfalls ein Paradigmenwechsel erforderlich, der eine andere, alternative Zivilgesellschaft meint? Letzteres gilt nach allem Gesagten.

 



[1] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 3. Aufl., München 1986 (Originalausgabe 1951), S. 714.

[2] Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, hg. V. Ursula Ludz, deutsche Erstausgabe München/Zürich 1994 (Originalausgabe 1968), S. 380.

[3] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, a. a. O., S. 244.

[4] Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, a. a. O., S. 702.

[5] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, a. a. O., S.223.

[6] Ebenda, S. 225.

[7] Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, a. a. O., S. 711f.

[8] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, a. a. O.., S. 223.

[9] Ebenda, S. 42.

[10] Ebenda, S. 98.

[11] Ebenda, S. 104.

[12] Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, a. a. O., S. 713.

[13] Siehe Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, a. a. O., S. 291.

[14] Siehe ebenda, S. 292.

[15] Siehe ebenda.

[16] Siehe ebenda, S. 293.

[17] Siehe ebenda, S. 109.

[18] Siehe ebenda, S. 33.

[19] Siehe ebenda, S. 249.

[20] Siehe ebenda.

STARTSEITE