Betrachtungen zu einer Hauptstadt-Publikation
Der „Kulturatlas Berlin. Ein Stadtschicksal in Karten und Texten“ im November 2007 von Gerd Heinrich und Joachim Robert Moeschl herausgegeben, verspricht eine „facettenreiche Darstellung der Berliner Zentrallandschaft“, die auch den gebildeten Laien schnell, einfach und übersichtlich in wesentliche Sachverhalte und in herausragende historische Fragen einführt. Dass dabei nicht allen thematischen Wünschen Rechnung getragen werden konnte, versteht sich von selbst, auch angesichts der von den Autoren erwähnten begrenzten Mittel. Auf knapp 80 Seiten Text und Kartenmaterial ein umfassendes Bild der Berliner Geschichte und Kultur aufzuzeigen, ist nicht möglich und auch nicht notwendig. Wer mehr wissen möchte, findet am Schluss eine umfangreiche Literaturliste.
Aber schon diese Literaturliste weist eine gewisse „Westlastigkeit“ auf. Eine Aufnahme namhafter ostdeutscher Autoren wie den Mediävisten Eckhard Müller-Mertens mit seinen Beiträgen zum mittelalterlichen Berlin-Brandenburg, Annemarie Lange mit ihren Bänden zur Berliner Stadtgeschichte, Walter Schmidt mit Ergebnissen seiner Forschungen zur 1848er Revolution oder Laurenz Demps und Kurt Pätzold mit ihren Beiträgen zur Geschichte der NS-Zeit hätte das Literaturangebot nicht nur bereichert, es wäre nach 17 Jahren eines einheitlichen Berlins auch an der Zeit, den Osten nicht länger zu ignorieren. So bleibt aber alles beim Alten!
Nahezu kurios wirkt die „Westlastigkeit“ im Eingangsbeitrag zur Geomorphologie des Berliner Raumes, der sich quasi auf den Westteil Berlins beschränkt, obwohl bekanntlich am Ende der Eiszeit vor rund 10 000 Jahren keinerlei politische Grenzen bestanden. Im Übrigen hat wahrscheinlich selbst der gebildete Laie seine Mühe, die im Beitrag erwähnten Kryoturbationen, Solifluktionsmassen oder glazifluviatilen Einebnungflächen auf der gegenüberliegenden Karte zu orten.[1]
Auf die Typik der Berliner Eiszeitlandschaft, wo zwischen den Erhebungen des Barnim im Norden und des Teltow im Süden das von der Spree durchflossene Berliner Urstromtal verläuft, weist schon Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ hin.
Das Urstromtal zwischen den Spreeseen im Osten und den Havelseen im Westen ist ein geomorphologisches Ganzes. Der Standort der späteren „Urzelle“ Berlin-Cölln befindet sich sozusagen mitten in diesem Tal, das sich hier von 15 auf 4 Kilometer verengt, auf zwei von Spreearmen gebildeten Inseln.[2]
Warum erscheint im Untertitel des Kulturatlas der Begriff Stadtschicksal? Welche Bedeutung hat der Schicksalsbegriff für den roten Faden dieser Berlin-Publikation? Ist es nur eine Anleihe bei Walter Kiaulehns „Berlin – Schicksal einer Weltstadt“ (1984)? Soll damit die wechselvolle Geschichte dieser Stadt betont werden? Unter diesem Aspekt gibt es wohl keine Stadt der Welt, die ohne Schicksal über die historische Bühne gekommen ist.
Dass im 20. Jahrhundert von Berlin zwei Weltkriege ausgingen, fällt offenbar nicht unter die Deutungshoheit des Schicksalsbegriffs. Diese Vermutung kommt auf, wenn man in der Zeittafel[3] nachschaut: Im Jahr 1914 bricht der Erste Weltkrieg eben mal aus – nachdem die Preußische Staatsbibliothek eröffnet wurde. Unter der Jahreszahl 1939 liest man:
Zentralflughafen Tempelhof fertiggestellt. Einwohnerzahl bei Kriegsbeginn 4 354 000.
Die NS-Zeit, die faschistische Diktatur, wird in keinem zusammenfassenden Beitrag behandelt, und die Zeittafel gibt kaum Aufschluss über signifikante Ereignisse der Entstehung und Festigung der Naziherrschaft. Dass dem Ermächtigungsgesetz (in der Zeittafel unter dem schicksalhaften Stichwort „Machtergreifung“ positioniert) viele bürgerliche Politiker wie Theodor Heuss, Jakob Kaiser oder Ernst Lemmer zugestimmt haben, wird verschwiegen. Ebenso findet die finanzielle, politische und moralische Unterstützung der Nazis durch die Industrie, Großagrarier, Banken und Versicherungen keine Erwähnung. Erinnert sei hier pars pro toto an die „Adolf-Hitler-Spende“ der deutschen Industrieverbände vom Juni 1933.
Dass die rund 5000 nach dem Reichstagsbrand verhafteten Nazigegner fast ausschließlich Kommunisten waren, bleibt unerwähnt. Die KPD wird schon im Beitrag über die Jahre der Weimarer Republik durchweg mit der heute in Mode gekommenen Vokabel „linksradikal“ gekennzeichnet und ganz bewußt in einem Atemzug mit der „rechtsradikalen“ NSDAP genannt. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen. Beispiel 1:In der Zeittafel steht unter dem Jahr 1929: Radikale gewinnen bei der Wahl der Stadtverordneten: KPD 56, NSDAP 13. – Gewonnen haben bei dieser Wahl die Sozialdemokraten (SPD) mit 64 Abgeordnetensitzen vor den Kommunisten (KPD), und die Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) lag mit 16 Sitzen noch weit vor der NSDAP, die den 6. Platz von 10 ins Parlament einziehenden Parteien belegte.[4]
Übrigens: 1929 ließ der Berliner Polizeipräsident Zörgiebel (SPD) eine Maidemonstration (200 000 Teilnehmer) zusammenschießen. 31 Tote, Hunderte Verletzte und 1200 Verhaftungen. Es gab damals Proteste im In- und Ausland. Carl v. Ossietzky leitete seinerzeit den Untersuchungsausschuss, der die Verantwortung der Polizei für diesen „Blutmai“ nachwies.
Beispiel 2: Unter 1932 ist zu lesen, dass KPD und NSDAP den BVG-Streik gegen die SPD-Verwaltung organisieren. – Der BVG-Streik 1932 wurde von der RGO vorbereitet und geleitet. An der Urabstimmung beteiligten sich 85 Prozent der Verkehrsarbeiter. Dass sich neben den Kommunisten, Sozialdemokraten und freigewerkschaftlich Organisierten auch die nationalsozialistische Betriebsorganisation beteiligte, ist lediglich ein Beweis für die damals vorhandene gewerkschaftliche Organisationsstruktur, nicht aber für eine gemeinsame Leitungsverantwortung von Kommunisten und Nazis. Der Streik endete übrigens tragisch. Drei Arbeiter sind bei Polizeieinsätzen getötet worden, 2500 BVGer wurden entlassen.[5]
Der faschistische Terror, konzentriert in den Aktionen der Gestapo, findet sich in keiner Position der Zeittafel von 1933-1945 wieder. Ebenso kein Satz zum Widerstandskampf von Sozialdemokraten, Kommunisten, christlichen Gruppen und bürgerlich-demokratischen Kräften. Unter der Jahreszahl 1935 beispielsweise sucht man vergebens nach einem historischen Ereignis: Ein gemeinsamer Aufruf der SPD Bezirk Berlin-Brandenburg und der Roten Hilfe Berlin-Brandenburg zum „Kampf gegen faschistischen Terror“. In dem Dokument wird zur Einheitsfront aufgerufen; es enthält Zahlen von Massenverhaftungen, Folter und Mord in ganz Deutschland. Morde gab es laut Kulturatlas nur im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dem Wüten der Nazijustiz keine einzige Zeile zur Verfügung gestellt wird . Allein in den Jahren 1943/44 gab es in Deutschland 4118 Todesurteile durch die Wehrmachtsjustiz und nach Angaben des Reichsjustizministeriums 11 448 Todesurteile durch die zivile Justiz.
Selbst das Verbrechen an den Juden, ihre systematische, fabrikmäßig betriebene Ausrottung, wird nur punktuell in verknappten Stichworten in der Zeittafel untergebracht. Die Pogromnacht vom 9. November 1938 erscheint unter dem lapidaren Stichwort „Judenverfolgung“. Brennende Synagogen, Plünderungen und Morde – Fehlanzeige. Erwähnt wird, dass 65 000 „jüdische Mitbürger“ die Stadt verließen. Die Juden waren in der Mehrzahl deutsche Bürger, sie werden hier, wie heute scheinheilig die Türken und Araber, als Mitbürger bezeichnet.
Die „Endlösung der Judenfrage“ auf der Wannseekonferenz 1942 wird unkommentiert in einem Zug mit „Feldküchenessen in Berliner Gaststätten“ genannt. Bereits seit 1941 wurden systematische Schritte zu dem Plan unternommen, Berlin „judenfrei“ zu machen. Von den 1941 noch in Berlin lebenden 54 866 jüdischen Bürgern arbeiteten 20 000 in der Rüstungsindustrie (Zwangsarbeit). Ab Oktober 1941 begannen die Nazibehörden in Berlin mit der Deportation vom Bahnhof Grunewald in die Vernichtungslager, und ab Juni 1942 begannen die „Alterstransporte“ nach Theresienstadt. – Vor dem Hintergrund dieser Vernichtungsstrategie erscheint die kommentarlose Notiz zur „Endlösung“ im Zusammenhang mit einem Propaganda-Happening der Berliner Gastronomie für die Verbundenheit mit der Wehrmacht gelinde gesagt unglaublich.
Auch solche für einen Kulturatlas durchaus relevante Tatsachen wie die Bücherverbrennung 1933 auf dem Opernplatz und die Vernichtung von über 4000 als „entartet“ abgestempelter Kunstwerke auf dem Hof der Berliner Hauptfeuerwache im Jahr 1939 sucht man in der Zeittafel vergebens.
Aufrüstung, Kriegsvorbereitung, Annexionen im Vorfeld des Krieges – in der Zeittafel findet sich dazu keine einzige Annotation. In der Reichshauptstadt Berlin war die Zentrale der Macht, wo alle gesetzgeberischen, politischen und militärischen Maßnahmen beschlossen wurden. Von hier aus wurden der Krieg, die Unterwerfung der Völker besonders Osteuropas, die Vernichtung der Juden geplant, vorbereitet und in die Tat umgesetzt. So absurd es scheint, das gehört durchaus in einen Kulturatlas über das Stadtschicksal Berlins.
Der Beitrag „Die Kämpfe in Berlin im April 1945“[6] versucht, die militärischen Operationen der sowjetischen und polnischen Armeeverbände in den letzten Kriegstagen zusammenzufassen, was sich in so gedrängter Form als schwierig, wenn nicht unmöglich erweist. Die Reduzierung der letzten Kriegstage auf die militärischen Operationen, wo die US-Armee einer Entscheidung von General Eisenhower gemäß „die Eroberung der Reichshauptstadt den Sowjets“ überließ, soll hier nicht kommentiert werden. Es ging darum, den Aggressor militärisch auf seinem eigenen Territorium zu schlagen.
Der 1972 verfasste, in Auszügen wiedergegebene Beitrag endet mit dem 2. Mai 1945. An diesem Tag erteilte General Weidling, Befehlshaber des Verteidigungsbereichs Berlin, „im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen“, wie es in dem entsprechenden Dokument heißt, den Befehl, den Kampf einzustellen. Er informierte in diesem Befehl über den Selbstmord Hitlers und formulierte die zu späte Erkenntnis: „Jeder, der jetzt noch im Kampf um Berlin fällt, bringt seine Opfer umsonst“. Diese bedeutsamen Informationen verschweigt der Beitrag.[7]
Die bedingungslose Kapitulation wurde am 8. Mai 1945 (9. Mai Moskauer Zeit) in Berlin-Karlshorst in der ehemaligen Festungspionierschule von Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet. Gegengezeichnet vom sowjetischen Marschall Shukow, vom britischen Luftmarschall Tedder, vom französischen General Lattre-Tassigny und vom US-General Spaatz.
Der 8. Mai erscheint auch nicht als Datum in der Zeittafel des Kulturatlas. In der alten Bundesrepublik Deutschland war der 8. Mai lange Zeit der Tag der Kapitulation. Erst Richard v. Weizsäcker versuchte, 40 Jahre nach dem Krieg den 8. Mai als Tag der Befreiung ins (west)deutsche Geschichtsbewusstsein zu rufen. Er betonte damals auch, dass man den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 getrennt betrachten dürfe. Auch in der DDR dauerte es einige Jahre, bis man den 8.Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus beging. Er war dann bis 1967 (der Einführung der 5-Tage-Arbeitswoche) arbeitsfreier Feiertag. Gedenktag ist er bis 1989 geblieben.
In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der 8. Mai in Deutschland dann immer öfter wertneutral als Tag des Kriegsendes bezeichnet. Seit 2004, dem 60. Jahrestag der Landung der Westalliierten in der Normandie, wird der so bezeichnete D-Day zunehmend zum Tag der Befreiung deklariert. Das entspricht dem seit einigen Jahren kräftig wiederbelebten Geschichtsklischee: Vom Westen die Befreier, vom Osten die Besatzer.[8] Im Jahre 2007 fand der 8. Mai in Deutschland offiziell keine Beachtung mehr. Dieser Linie folgt leider auch der Kulturatlas.
Nach der Herstellung der deutschen Einheit bestand - und besteht nach 17 Jahren erst recht - die Chance, Geist und Sprache des Kalten Krieges abzulegen. Diese Chance ist im Berliner Kulturatlas vertan worden.
In den Beiträgen „Sektorenstadt Berlin“ „Bedrohte Insel im Kalten Krieg“ und in dem Kommentar „Berlin nach der Wiedervereinigung“ ist eine einseitige Fokussierung auf das „Stadtschicksal“ Westberlin nicht zu übersehen. Dem Ganzen liegt ein Ton zugrunde, der die Einzigartigkeit der Geschichte dieser Teilstadt hervorhebt und zum Teil auf falsche Weise dramatisiert.
Einmalig ist der historische Tatbestand geteilter Städte gewiss nicht. Jerusalem und Nikosia sind dafür noch heute Beispiele. Angesichts des Schicksals von Warschau und Leningrad, wo im eingeschlossenen Ghetto bzw. durch die militärische Blockade der deutschen Wehrmacht Millionen Menschen sterben mussten, ist eigentlich Zurückhaltung geboten!
Allen Ungenauigkeiten, Halbwahrheiten und auch offensichtlichen Unwahrheiten in der Darstellung der Berliner Nachkriegsgeschichte im Einzelnen nachzugehen, ist nicht möglich. Völlig unerwähnt bleibt, dass es bereits auf der Krimkonferenz in Jalta (Februar 1945) eine einmütige Erklärung der drei beteiligten Alliierten Sowjetunion, USA und Großbritannien gab, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören und Sorge dafür zu tragen, dass Deutschland nie wieder imstande ist, den Weltfrieden zu stören. Dafür notwendige Maßnahmen wurden ebenfalls genannt, u.a. die Bestrafung der Kriegsverbrecher, die Beseitigung der Rüstungsindustrie, die Ausschaltung nationalsozialistischer Einflüsse aus den öffentlichen Dienststellen, dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben des deutschen Volkes.
Die Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945) bestätigte diese Willenserklärung noch einmal deutlich. Das Potsdamer Abkommen sah auch die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vor, nachdem Pläne, vor allem der USA, zur Zerstückelung Deutschlands (besonders krasses Beispiel war der sog. Morgenthau-Plan) ausgeräumt werden konnten.[9]
Da Berlin der Sitz des Inter-Alliierten Kontrollrats der vier Siegermächte in Deutschland war, (Frankreich trat dem Potsdamer Abkommen im August 1945 bei) wurde eine Viermächteverwaltung für Berlin festgelegt. Die Alliierten legten also nicht, wie auf S.42 behauptet wird, die „Einteilung Berlins in Westsektoren und Ostsektor (Sowjetsektor)“ fest, sondern in vier Sektoren, den amerikanischen, britischen, sowjetischen und französischen Sektor. Die Ost-West-Teilung wurde erst nach der von den Westalliierten 1948 einseitig durchgeführten Währungsreform zur historischen Tatsache.
Den Ausbruch des Kalten Krieges, der sowohl einen Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Siegermächten als auch die damit wiederherzustellende Einheit Deutschlands verhinderte, einseitig den „Sowjets“ anzulasten, entspricht nicht der historischen Wahrheit. Aber dieser Tenor beherrscht die gesamte Darstellung Nachkriegs-Berlins im Kulturatlas. Die Entwicklung nach dem Kriege, die aus den ehemaligen Verbündeten Gegner machte, die sich in zwei Militärblöcken – NATO und Warschauer Vertag - gegenüberstanden, führte zu der komplizierten Konstellation und Rolle des geteilten Berlin, weil hier die unmittelbarste und empfindlichste Nahtstelle der beiden Militärblöcke verlief. Die einseitige Sicht auf die bedrohte Insel Westberlin „inmitten der zweiten deutschen Diktatur“ (welche die erste ist, kann der aufmerksame Leser nicht ausmachen, da diese im Atlas nirgends genannt wird) lässt diese historischen Zusammenhänge außer Acht.
Dass Westberlin in dieser Konstellation ein exponierter Standort westlicher Geheimdienste war, wird aus diesem Bedrohungsszenario ausgespart. Der zum Beitrag Kalter Krieg gehörende Kartenteil bestätigt das bildhaft. In der Hochzeit der Konfrontation existierten in Westberlin bereits über 40 Geheimdienstzentralen. Auch die Anschläge auf das Berliner Verkehrsnetz (Reichsbahn) und der Bau des Altglienicker Spionagetunnels sind, von Westberlin ausgehend, aktenkundig. Sie finden nirgendwo im Atlas Erwähnung.
Die Karte „Roter Militärring um Berlin“ [10] erinnert fatal an die plakative Propaganda aus der Zeit der beiden Weltkriege. Im Kleingedruckten, das dem aufmerksamen Leser hoffentlich nicht entgeht, ist dann allerdings von „überzogener Darstellung“ die Rede. Auf vergleichbare NATO-Karten wird verzichtet, ebenso auf eine Karte, die Aufschluss geben könnte über die Standorte der Geheimdienstzentralen, Militärflughäfen, Manövergelände, Abhörzentralen und Truppenkontingente der Westalliierten auf dem Westberliner Territorium.
Westliche Politiker erfanden für Westberlin Bezeichnungen, die wahrscheinlich nur noch den älteren Berlinern in Ost und West bekannt sind: „Pfahl im Fleische des sowjetischen Besatzungsbereichs“, „billigste Atombombe“ oder einfach „Frontstadt“.
Diese Vokabeln aus dem Spruchbeutel Kalter-Kriegs-Rhetorik finden keine Erwähnung; sie passen nicht in das Bild der permanenten Bedrohung des Westens durch den Osten. So wird auch die komplizierte Lage Ostberlins unter den Bedingungen der bis 1961 offenen Sektorengrenzen mit keinem Satz bedacht. Es findet sich keine einzige Zeile zum Wechselkurs der DM zur DDR-Währung. Dieser Wechselkurs wurde bekanntlich täglich neu festgelegt und bewegte sich im Schnitt um das Verhältnis 1:4, was den Westberlinern den Vorteil verschaffte, im Osten billig einzukaufen (bevorzugt Fleisch- und Wurstwaren, Bett- und Tischwäsche, Porzellan), Dienstleistungen (z.B. Friseur) zu nutzen und Kulturveranstaltungen zu besuchen, was die Kunstinteressierten wegen der hohen Qualität beispielsweise der Theaterinszenierungen auch gern taten und weidlich nutzten.
Keine Erläuterung findet auch die Tatsache, dass bis zum Mauerbau viele Ostberliner im Westen ein Arbeitsverhältnis hatten – vom hoch qualifizierten Fachmann bis zum so genannten Scheuerlappengeschwader. Sie wurden mit mehr oder weniger hohem Anteil in DM entlohnt und hatten bei billigen Mieten und anderen Lebenshaltungskosten in Ostberlin ein gutes Leben.
Vor und nach dem Mauerbau hatte in Ostberlin/Hauptstadt der DDR offensichtlich kein gesellschaftliches Leben stattgefunden, das die Menschen gestalteten, an dem sie teilhatten in Freud und Leid, wie es überall auf der Welt so ist. Diese tabula rasa ist so absolut, dass nicht einmal die „Stasi“ in ihrer alles beschnüffelnden Tätigkeit erwähnt wird.
Nahezu jede Aufbauleistung des Ostens wird verbal herabgewürdigt. Während in Westberlin Großsiedlungen wie das Märkische Viertel entstehen, werden sie im Osten „auf Kosten der Republik“ errichtet. Wer bezahlte das Märkische Viertel? hätte Bertolt Brecht da wohl seinen lesenden Arbeiter fragen lassen. Als Beispiel für Großsiedlungen in Ostberlin 1969 wird Marzahn-Hellersdorf genannt, obwohl Hellersdorf erst in den 80er Jahren als Wohngebiet projektiert und gebaut wurde. Auch die im Krieg zerstörte Volksbühne erfährt ihre Wiederherstellung „vereinfacht“ und natürlich „klobiger“. Die Freie Volksbühne in Westberlin hingegen ist ganz im „demokratischen Sinn“ erbaut worden! Und so weiter und so fort. Abgerundet wird das Ganze mit drei Mauerbildern und einem zur Klischeevorstellung vom Osten gehörenden Foto eines FDJ-Aufmarschs auf der letzten Seite des Kulturatlas.
Neben diesen offensichtlich ideologisch gefärbten Peinlichkeiten beweist eine Reihe sachlicher Fehler, dass nach wie vor auch simple Ignoranz die Feder führte. In einer Liste der aus spätmittelalterlichen Dorfkernen entstandenen Berliner Stadtgebiete[11] stimmt für die Ostberliner Bezirke bzw. die zu ihnen gehörenden Ortsteile fast keine Angabe, schon gar nicht, wenn man die Berliner Verwaltungsreform von 1998 zugrunde legt. Das sollte man aber von einer 2007 herausgegebenen Berlin-Publikation erwarten dürfen.
Ein Atlas lebt von Karten und Bildern. Diesem Anspruch wird der Berliner Kulturatlas auch gerecht. Trotzdem gibt es Defizite, nicht nur bezogen auf die persönlichen Erwartungen der Autorin, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht.
Dem Beitrag zur Industriemetropole Berlin[12] wird eine Industriestandortkarte Westberlins von 1959 beigefügt. Der Osten als Industriestandort bleibt ausgespart, auch bezogen auf Zahlen zu Beschäftigten nach Arbeitsplätzen. Anstelle der in einer Postkarten-Galerie[13] gezeigten Kaiserin Auguste Victoria auf der Parade oder der Abbildung der Preußischen Hauptkadettenanstalt könnte man sich durchaus eine der vielen interessanten Bilder aus der Frühzeit der Berliner Industrialisierung vorstellen, z.B. die erste Berliner Gasanstalt, 1825 in Stahl gestochen von I. H. Hintze oder das erste Dampfschiff auf den Berliner Gewässern, aquarelliert 1820 von F. A. Calau, um nur zwei sehr frühe Beispiele zu nennen.
Bei Betrachtung der erwähnten Postkarten-Galerie fällt die Dominanz der Kaiserzeit auf, die zu Ungunsten früherer oder späterer Zeitabschnitte in kolorierter Schönfärberei präsentiert wird. Man vermisst das Berliner Kolorit, etwa die frühen Stahlstiche Daniel Chodowieckis, die Veduten von Eduard Gaertner, der Berliner Leben in Gassen und Winkeln jenseits der Präsentiermeilen zeigt. Man vermisst das typisch Berlinische, mit den Menschen aus dem Volke, wie es Theodor Hosemann und Heinrich Zille festgehalten haben. Man sucht nach Hans Baluschek und Otto Nagel, nach Max Liebermann und Oskar Kokoschka. So aber konzentriert sich in der Postkartensammlung der Blick auf immerhin acht Seiten auf einige bekannte Plätze und Gebäude, auf Pickelhauben und fein gewandete Damen und Herren. Die Weimarer Republik wird auf das Klischee der „Goldenen Zwanziger“ reduziert und natürlich darf der Wannsee als Planschbecken der Berliner nicht fehlen.
Last but not least – das Schloss. Mit vier Postkarten, wenn man die Familie des Kaisers in den Schlossräumen dazu rechnet, zwei Gemälden von Eduard Gaertner (nicht Gärtner!) und einem Extra-Beitrag ist es so würdig vertreten, wie es dies kaum verdient. Der Beitrag „Berliner Stadtschloß“ ist dann auch eine Art Schlussapotheose des Kulturatlas, der wohl als mahnender Appell zum „Wiederaufbau“ gelesen werden soll. Was auch immer aus dem Projekt werden mag, eines ist sicher: einen Wiederaufbau etwa nach dem Muster der Dresdner Frauenkirche wird es bestimmt nicht geben. Das schlösse ein, den alten Zustand bis zum letzten Zimmer wiederherzustellen. Das ist nicht möglich und würde auch dem neuen Nutzungskonzept als Humboldt-Forum entgegenstehen. Allenfalls entsteht hier mal ein modernes Mehrzweckgebäude, innen heutig und entstaubt, mit einer rekonstruierten Fassade als historisierender Hülle.
Auf keiner der Postkarten, die eine Schlossansicht zeigen, steht „Stadtschloß“, und damit hat es seine Richtigkeit. Die Postkartenhersteller der Kaiserzeit waren eben korrekte Leute. Selbst auf der ältesten abgebildeten Karte von 1897 steht schlicht „Schloß“. Bis 1918 war das Gebäude ein Hohenzollern-Schloss. Danach war es das Berliner Schloss. Nun, da es gar nicht mehr existiert, wird es Stadtschloss genannt. Aber das nur am Rande.
Um die These mitzutragen, dass Berlins Schloss „über fünfhundert Jahre den Mittelpunkt von Stadt und Staat bildete“[14] braucht man schon ein sehr monolithisches Geschichtsverständnis.
[1] S.5.
[2] Siehe Roland Bauer/Erik Kühns (Ltg.): Berlin, 800 Jahre Geschichte in Wort und Bild, Berlin 1980, S.10f.
[3] S.74f.
[4] Tabelle mit den Wahlergebnissen siehe: Ingo Materna (Ltg.): Geschichte Berlins von den Anfängen bis 1945, Berlin 1987, S.619.
[5] Siehe ebenda, S.615.
[6] S.38.
[7] Faksimile des Befehls siehe Stefan Doernberg: Fronteinsatz, Berlin 2004, S.87.
[8] Siehe Michael Klunth (Hrsg.): Ein Untergang als Befreiung, Köln 2005.
[9] Teilungspläne der Westalliierten siehe Heinz Bergschicker: Deutsche Chronik 1933-1945, Bilder/Daten/Dokumente, Berlin 1981, S.533.
[10] S.45.
[11] S.8.
[12] S.50.
[13] S.52f.