Triebus - eine sorbische Lausitzer Ansiedlung in den Anfängen der feudalen Ostexpansion
Im Jahre 2004 feierten die etwa 320 Trebbuser zusammen mit vielen Besuchern den tausendsten Jahrestag der urkundlichen Ersterwähnung ihrer im brandenburgischen Elbe-Elster-Kreis gelegenen und zuvor der Stadt Doberlug-Kirchhain einverleibten Landgemeinde. Das Jubiläum geht zurück auf eine Stiftung, die der sächsisch-fränkische König Heinrich II. (1002 - 1024) zum 8. August 1004 zugunsten der Abtei Nienburg an der Saale verfügt hatte.[1]
Das Ereignis wurde selbstverständlich groß gefeiert - ebenso wie ein Jahr danach der 1000. Jahrestag der Ersterwähnung von Doberlug, das seit 1950 zusammen mit Kirchhain eine einheitliche Stadtgemeinde bildet. Hier bezieht sich die Ersterwähnung auf einen Vermerk Thietmars von Merseburg, aus dem hervorgeht, dass sich im August des Jahres 1005 in den Niederungen bei Dobraluh (heute „Doberlug") die Heere Heinrichs II. und des polnischen Herzogs Boleslaw Chrobry kampfbereit gegenübergestanden, dann aber doch die vorgesehene Entscheidungsschlacht vermieden hätten.[2]
Zu beiden Festveranstaltungen waren viele Gäste geladen - nach Doberlug sogar Ministerpräsident Matthias Platzek und Bischof Dr. Wolfgang Huber. Man bestaunte, mit wie viel Liebe, Einfallsreichtum und Fleiß die Einwohner ihre Häuser und die öffentlichen Anlagen herausgeputzt hatten.
Alles war getan worden, um sich und die Wohnstätten ins rechte Licht zu rücken. Monatelang wurde gebaut und gebastelt, gemalert und begrünt. Dabei mitzumachen, war sich kaum jemand zu schade, denn seit je her blühen in diesen Gemeinden neben der Landwirtschaft auch Handwerk und häusliches Gewerbe. Schließlich konnte und kann dort kaum jemand nur von Ackerbau und Viehhaltung leben. Wie üblich, geschah vieles auch sonntags und nach Feierabend, und eine Familie half immer der anderen - es sei denn, man war „verzankt". Im Allgemeinen spricht vieles für traditionell gute Nachbarschaft, Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit. So erhielten in relativ kurzer Zeit Häuser, die es nötig hatten, neue Dächer, Fassaden und Anstriche. Für viele Höfe wurden Auffahrten und Zugänge neu gestaltet. Sogar die Feuerwehren wurden bedacht - in Trebbus mit Garage und modernem Gefährt. Hühnern, Enten und Gänsen schien es strengstens untersagt, die frisch geteerten Straßen auch nur zu betreten, geschweige denn zu überfliegen. Alles glänzte im Schmuck frischer Farben und sommerlicher Blütenpracht. Besucher hatten den Eindruck, durch Märchenstädte zu wandeln. Hinzu kam, dass dort, wo einst Ochs’ und Kuh untergebracht waren, Autos und Motorräder zu fröhlichen Fahrten bereitstanden.
Die Jubelgemeinden gaben je eine Festschrift heraus. Beide fanden reichlichen Absatz. Die zu Trebbus wurde verfasst vom damaligen, aber inzwischen verstorbenen Ortschronisten Klaus-Joachim Wilker, der gemeinsam mit seiner Frau Christa auch sonst das Heft fest in der Hand hielt und mit zahlreichen Vorträgen - auch in Nachbarorten - aufwartete. Seit 1946 im Orte ansässig, war er als Lehrer, Schuldirektor, Bürgermeister und stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins der Volkssolidarität tätig gewesen, hatte selbst viel Heimatkundliches erforscht und kannte sich in der Ortsgeschichte bestens aus. In Doberlug-Kirchhain zeichneten die Stadtverwaltung und unter Vorsitz von Bürgermeister Bodo Broszinski ein ganzes Team verantwortlich, dem Steffen Engelmann, Dr. Andreas Hanslock, Horst Schultz, Wilfried Steiniger, Lars Trossert und Barbara Wienert angehörten. Beide Broschüren liefern recht interessante Details und Überblicke über die historischen Entwicklungswege, die beide Ortschaften seit ihrer ersten Erwähnung durchlaufen haben
Für die Feierlichkeiten in Doberlug hatten sich ansässige Firmen, aber auch Ehrenamtliche und Private in der Innenstadt getummelt und die Hauptstraße sowie Schloss- und Klosterareal in eine Festmeile verwandelt, die reichlich Raum für ein vielfältiges kulturelles Leben bot. Man erfreute sich an den Darbietungen von Gesang-, Sport- und Musikgruppen, die in der Region beheimatet sind, für die aber das Fernsehen - auch das regionale - so gut wie gar keine Verwendung hat - ein Zustand, der noch immer anhält. In der Klosterkirche lud Bischof Huber zum Festgottesdienst ein, und draußen ließ sich Matthias Platzek für die Vollendung einer Reparatur am Schlossturm und zu anschließendem Interview in die Luft erheben - die Feuerwehr hatte dafür eine extra lange und sichere Leiter ausgefahren.
Obgleich seit jenen Tagen die Messen zu den Feierlichkeiten längst gesungen sind und wieder Ernst und Besinnlichkeit im Denken überwiegen, scheint es an der Zeit, sich etwas eingehender den verschiedenen Umständen zuzuwenden, unter denen die beiden Ortschaften vor jetzt mehr als tausend Jahren in das Licht der Öffentlichkeit gerieten. Denn kaum jemand aus der Masse der Feiernden wird sich je einen Kopf darüber gemacht haben, was tausend Jahre zuvor in, mit und um ihren Ort über die Bühne gegangen sein könnte, das wert genug wäre, heute frohen Mutes festlich begangen zu werden. Denn das Wissen um das „Drumherum" weitet den Blick, trägt dazu bei, tief in die Interna der beschriebenen Ereignisse einzudringen und lässt wo nötig, auch Ernsthaftigkeit aufkommen. In diesem Zusammenhang sollte dies vielleicht rückblickend zu der Überlegung führen, ob man bei bestimmten Veranstaltungen, die man zumeist feucht-fröhlich begeht, nicht auch derer gedenken sollte, die damals unter bestimmten Umständen zu Opfern wurden. Einiges in dieser Richtung klingt in der „Festschrift Trebbus" schon an, wenn beispielsweise auf Seite 5 auf erbitterte Kämpfe zwischen deutschen und polnischen Feudalgewalten hingewiesen wird. Allerdings wird dieser Hinweis durch die Aussage abgeschwächt, dass die damalige Niederlausitz vorerst von diesen Kämpfen unberührt geblieben sei.
Doch gerade dieser Widerspruch reizt dazu, die zutage geförderten Tatsachen tiefergehend zu hinterfragen, um deutlicher die Hintergründe auszuleuchten, vor denen sich die Ereignisse, die man gefeiert hat, dereinst abgespielt haben. Zur Literatur, auf die man sich inzwischen heute stützen kann, zählen:
Bartlett, Robert: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisierung und kultureller Wandel von 960 bis 1350. München 1996;
Engel, Evamaria / Holtz, Eberhard (Hrsg.): Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters. Leipzig, Jena, Berlin 2000;
Materna, Ingo / Ribbe, Wolfgang (Hrsg.): Brandenburgische Geschichte. Berlin 1995;
Miethe, Detlef: Beiträge zur Geschichte der Niederlausitz. Schlieben o.J. Siehe unter www.cossenblatt.de;
Schneidmüller, Bernd: Die Kaiser des Mittelalters von Karl dem Großen bis Maximilian I. München 2007;
Schneidmüller, Bernd / Weinfurter, Stefan: Römisch - heilig - deutsch. In: „Damals" - Das Magazin für Geschichte und Kultur; Leinfelden 38(2006)9, Stn. 16-26;
Gertraud Eva Schrage: Quellen und Historiographie zur Geschichte der Niederlausitz. Ein Forschungsbericht… Jahrbuch zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. 39 (1990);
Dieselbe: Slawen und Deutsche. Berlin 1963.
Als hilfreich erwiesen sich nicht zuletzt Nachschlagewerke, wie „Schlossers Weltgeschichte" und die Ausgaben des „Großen Plötz".
Zum Gegenstand wäre zunächst zu fragen, was das für eine Ortschaft war, die 2004 dem Kloster Nienburg gestiftet oder „geschenkt" (beide Begriffe werden - bezogen auf den Sachverhalt - meist synonym verwendet) wurde. Was waren das für Menschen, die den Ort bewohnten und so mir nichts dir nichts einem Kloster untertan wurden? Unter welchen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnissen mögen sie wohl vor und nach der Schenkung gelebt haben?
Als nächstes ist dann vor allem die beschenkte Einrichtung ins Blickfeld zu rücken: Was war das für eine Abtei? Weshalb wurde ausgerechnet dieses Kloster beschenkt?
Ebenso dürfte über den Stifter nachgedacht werden, denn Heinrich II. (1002 - 1024) war ja nicht irgendwer, sondern Abkömmling eines hochadligen sächsischen Geschlechts und Nachfahre König Heinrichs I. (1019 – 1036)! Und nun war er selber frisch gekrönter römischer König und Herrscher des ostfränkisch-sächsischen Reiches, das sich damals, ohne es zu wollen und ohne dass es jemand ahnte, in Richtung deutsches Reich zu bewegen begann. Welche Absichten und Motive bewogen diesen Monarchen zu dieser Schenkung? Man sollte also auch fragen, was er sich von ihr versprach.
Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob die Schenkung nicht doch noch enger als bislang beschrieben mit den in der Festschrift erwähnten Kämpfen, wenn nicht sogar mit umfassenderen Entwicklungen im Reich und darüber hinaus, in Beziehung steht. Denn immerhin hatten die Vorgänger Heinrichs II. die feudale Ostexpansion (die man oberflächlicherweise „die deutsche" nennt) eingeleitet, und zur gleichen Zeit waren neben den Entwicklungen in West-, Mittel und Nordeuropa (Frankreich, England, Dänemark) weitere Staaten im Entstehen - man denke nur an Russland, Böhmen und - für uns besonders wichtig - an Polen. Somit bahnten sich, wie wir wissen, zu gleicher Zeit Konflikte größeren Ausmaßes Zeit an.
Der verschenkte Ort
Wenden wir uns zunächst der Frage zu, was die Ortschaft zu der Zeit, da sie verschenkt wurde, eigentlich darstellte. Da als „Schenker" der König höchstpersönlich in Erscheinung trat, dürfte sie so unbedeutend, wie man vielleicht denken könnte, wohl nicht gewesen sein. In der Urkunde ist von einer „civitas" die Rede, und in der Literatur taucht in späterer Zeit der Begriff „Burgward" auf.
Doch sei zunächst nach der ethnischen Zuordnung der „Ureinwohner" gefragt. Geht man vom Namen aus, liegt es nahe, auf einen slawischen Ursprung zu tippen. Widukind von Corwey (925 – 973), Mönch und gewissermaßen Chronist bei Otto I., bezeichnet die hier siedelnden Menschen als „Lusici".[3] Wegen der Ähnlichkeit ihrer Sprache mit dem Polnischen, dem Slowakischen und dem Tschechischen ordnen wir sie den Westslawen zu - ebenso wie etwa auch die Heveller und die Obodriten. Es ist anzunehmen, dass die damals hier lebenden Lusici, aus denen wohl die heutigen Sorben hervorgegangen sind, der Landschaft den Namen „Lausitz" gegeben haben.
Was den Ortsnamen angeht, so wird in der „Festschrift Trebbus" der in der Urkunde verwendete Name „Triebus" auf das slawische Wort „trebis" (im Sorbischen heute „drejvo") zurückgeführt. Daraus ergibt sich auf Deutsch etwas Hölzernes. In anderen slawischen Sprachen steht dafür „Baum" oder „Holz", mitunter auch beides (polnisch: drzewo, russisch: „djerevo"). Im Russischen ist mit einem ähnlichen Wort („derevnja") ein aus Holzhütten bestehendes kirchenloses Dorf gemeint. Daraus kann abgeleitet werden, dass die 1004 verschenkte Ortschaft tatsächlich auf eine slawische Rodung zurückgeht und ihr folglich auch keine germanische Siedlung unmittelbar vorausging, wie dies anderenorts hin und wieder der Fall war - dort brauchte man nicht zu roden, sondern konnte sich in „fertige Nester" setzen. Für Doberlug (damals „Dobraluh) sieht es ähnlich aus - sein Name weist auf eine feuchtnasse gute Wiese hin, die sich - abhängig von Jahreszeit und Witterung - in einen Sumpf oder Teich verwandeln konnte. Ähnliche Zonen sind überall dort anzutreffen gewesen, wo es Ortsnamen mit der Silbe „lug" oder „luk" gibt, wie „Luckau" oder „Lugau". Dass ähnliche Wörter auch in anderen Sprachen (deutsch: Loch, schottisch: „Loch Ness", englisch „lake", französisch „lac") vorkommen, deutet sogar auf eine indogermanische Wurzel hin.
Dafür, dass beide Siedlungen auch nach deren Ersterwähnungen von „Lusici" bewohnt waren, sprechen darüber hinaus die bis heute tradierten niedersorbischen Familien- und Flurnamen. Die „Festschrift Trebbus" verweist in diesem Zusammenhang auf die von Prof. Mucke herausgegebene Abhandlung „Bausteine zur Heimatkunde des Luckauer Kreises 1918", in der dieser feststellt, dass von 81 Familiennamen 38 auf sorbische Ursprünge zurückgehen. In der Festschrift werden noch immer dreizehn solcher Namen aufgeführt, und unter den Flurnamen ragt vor allem die Lepperin heraus.[4]
Aber auch in der mundartlichen Aussprache heutiger deutscher Wörter schimmern Reste westslawischen Gebrauchs durch. In manchen Orten, darunter in Trebbus, wird oftmals statt des „o" ein „u" gesprochen - wie „k(g)nulln" für Knollen (Kartoffeln) „sunntag" für Sonntag, „sunnoahmt" für Sonnabend oder „sunnewaale" für Sonnewalde. Das klingt ähnlich wie bei den Polen, denen ihre frühere Hauptstadt Krakow als „krakuv" oder die Stadt Lodz als „wudsh" über die Lippen geht. Aber selbst zwischen dem heutigen Sächsischen und dem Tschechischen lassen sich solcherlei Beispiele anführen - man vergleiche nur eine Form der Bejahung - tschechisch „ano", sächsisch „nu". Sogar das eine oder andere von den Lusici gesprochene Wort, wie „poapransch" (deutsch „Farnkraut"), bewahrt sich noch immer in einem Niederlausitzer Dialekt.
Kommen wir nun zum Status, durch den sich das damals erwähnte „Triebus" auszeichnete. Dies zu bestimmen, fällt nicht so leicht wie die Beantwortung der auf das Ethnische gerichteten Frage. Dies liegt zum Teil daran, dass für gleiche Sachverhalte unterschiedliche Termini gesetzt sind. So ist nicht klar, ob Triebus damals eine „civitas", ein „Burgward" oder gar eine Stadt war. Die Kanzleien sowohl die des königlichen Schenkers als auch die des Klosters halten sich an dem lateinischen Begriff „civitas" (Plural „civitates"). Mit diesem kennzeichneten sie auch den damals nach gleicher Urkunde verschenkten Ort Liubocholi (am Schwielochsee in der Nähe des Städtchens Goyatz gelegen), der zusammen mit Triebus dem Kloster Nienburg übertragen wurde.
Daraus ergibt sich als Frage, wie es wohl dazu kam, dass ein relativ kleiner Ort wie das damalige „Triebus" in der Stiftungsurkunde als eine „civitas" erscheint. Denn mit „civitas" (Mehrzahl: „civitates") meinten vor dem die Römer und dann auch die fränkisch-sächsischen Kanzleien eigentlich so etwas wie „eine halbautonome Verwaltungseinheit der mittleren Ebene", die in etwa mit einem späteren provinzialen Regierungsbezirk vergleichbar gewesen wäre.[5]
Nun kann es sein, dass man die westslawischen Siedlungen nicht so ohne weiteres in die traditionellen Strukturen einzuordnen vermochte, und so ging man mit lateinischen Bezeichnungen mitunter recht großzügig um. Es könnte sogar sein, dass sich die damaligen Kanzlisten - sowohl des Königs als auch des Abtes - an der zur damaligen Zeit im Umlauf befindlichen „Ostfränkischen Völkertafel" gehalten haben. Als deren Autor galt ein anonym gebliebener „bayrischer Geograph", der im 9. Jahrhundert den sächsisch-fränkischen Raum und von daher bisweilen Gebiete östlich von Elbe und Saale bereist haben soll. Wäre es nach dessen Auflistung gegangen, hätten in der Lausitz (der heutigen Niederlausitz) dreißig und in der Oberlausitz fünfzig civitates existieren müssen. Man muss jedoch bemerken, dass deren Auskünfte sehr wage sind, weil sie wahrscheinlich nur auf der Grundlage grober Schätzungen entstanden sind.[6]
Es kann aber ebenso möglich sein, dass der Verantwortliche für die Ausfertigung der Urkunde maßlos übertrieben hat - wohl wissend, dass der König vor der Abtei und der Geschichte in einem recht günstigen Licht zu erscheinen wünschte. Widukind von Corwey hätte gegen die Auflistung sicherlich seine Bedenken gehabt, denn nicht wenige solcher Siedlungen ordnete er bekanntlich unter „urbs" ein. Denn civitates im klassischen Sinne wären in den fränkischen beziehungsweise ostfränkischen Gebieten und erst recht in der Lausitz recht spärlich anzutreffen.[7]
Wäre Triebus tatsächlich eine civitas gewesen, hätte es sich um eine ganze Region handeln müssen. Die Siedlung selbst wäre dann nicht nur ein einzelner Ort, sondern das Zentrum einer solchen Region gewesen - mit einem Forum, umgeben mit repräsentativen Bauten wie der Basilika, einem Tempel und einem Theater. Dazu wären Verwaltungsstätten für kommunale und regionale Angelegenheiten sowie öffentliche Bäder gekommen. In grenznahen civitates hätten Befestigungen und militärische Einheiten - zumeist stationiert in Burgen - nicht fehlen dürfen. Diese hätten das Land zu überwachen und notfalls die Verteidigung zu organisieren gehabt. Triebus hätte also Funktionen ausüben müssen, wie diese beispielsweise für größere wie Magdeburg, Halberstadt und Quedlinburg belegt sind.
Doch Beweise sind nicht überliefert. Dafür existiert bei der Stadtverwaltung Nienburg die Auflistung von Besitztümern des Klosters Nienburgs an der Saale, die in einem päpstlichen Dokument aus dem Jahre 1216 stammen soll. In dieser Auflistung sind Triebus und Liubocholi als Städte aufgeführt, zu deren Bestand fünf Meiereien, ferner ein Burgward mit weiteren Ortschaften sowie einem Markt gezählt hätten.
Es spricht also in der Tat Einiges für die Annahme, dass Triebus eine Civitas gewesen sein kann. Von Diesem und Ähnlichem sind auch spätere Autoren ausgegangen, in deren Schriften Triebus als eine Stadt erscheint.
So bezieht sich die Festschrift auf eine frühere Abhandlung eines Herrn Maschalleck mit dem Titel „Urgeschichte des Kreises Luckau" (erschienen 1944), in der mit der besagten Civitas „das mehrfach genannte Siedlungsgebiet zwischen Doberlug und Sonnewalde" - also ein größerer Landstrich - gemeint ist.[8]
Wäre Triebus zu damaliger Zeit tatsächlich eine civitas im oben beschriebenen Sinne gewesen, hätte man den Ort mit Fug und Recht auch als eine Stadt oder eine stadtähnliche Siedlung bezeichnen dürfen. Dann könnte man durchaus meinen, dass die immer noch verbreitete Fama, von Triebus als von einer Stadt zu sprechen, so abwegig gar nicht sein muss (man entsinne sich unter anderem der heute noch gebräuchlichen Ortsteilbezeichnung „Vorstadt" für das nördliche Dorfdrittel). Sind auch Belege für Stadt- oder Marktverleihung nicht vorhanden, kann man bei einer Ortschaft, in der Verwaltungen, Werkstätten und Markteinrichtungen wirkten, durchaus auf einen städtischen Charakter schließen, zumal sogar eine Rolandsfigur gefunden worden ist und man sich immer noch an durchgehende Handelsstraßen erinnert. Zumindest bestand die slawische Einwohnerschaft eben nicht nur aus Bauernfamilien, sondern auch - wenn nicht gar vorwiegend - aus Handwerkern, Händlern und Bediensteten verschiedener Verwaltungen. Wie man heute weiß, diente der Ort vielfach auch der Versorgung durchziehender Truppen.
Doch wie dem auch sei - der Begriff „civitas" ging in die Bücher ein und wurde schließlich - und wenn auch nur vorübergehend zu „Stadt". Erst als die Lausitz im 12. Jahrhundert dauerhaft in den Bestand des Reiches überging und sich sächsisch-fränkische Benennungen durchsetzten, dürfte Triebus wie andere Orte zwischen Elbe und Neiße mit der deutschen Bezeichnung „Burgward" bedacht worden sein. Dieser Begriff stammt aus der Kanzlei Ottos I. 961 erschien er erstmalig als „burgowarde", in der Mehrzahl als „burgvardia", und allmählich dürfte er üblich geworden sein und den Begriff "civitas" verdrängt haben. Manche, darunter E. Engel, I. Materna und auch der Autor der Trebbuser Festschrift nutzen ihn wie eine Übersetzung von „civitas". Dagegen wäre nichts einzuwenden, wäre da nicht seine Nutzung in der Aufstellung der Nienburger Klosterbesitzungen, wo ein anderer Burgward der civitas Triebus untergeordnet ist.
Aber schon Thietmar von Merseburg (975 – 1018), der Chronist Heinrichs II., spricht in seinen Aufzeichnungen unter dem Titel „Thietmari merseburgensis epscopi Chronicon" - kurz: „Merseburger Chronik" - von Burgwarden. Als solche gelten bei ihm die unter Heinrich I. und Otto I. befestigten Anlagen an der Ostgrenze des Reiches. Schrittweise waren sie in jener Zeit entlang von Saale und Elbe zu einem förmlichen System zusammengefügt worden. Dienten sie anfangs hauptsächlich der Abwehr slawischer Angriffe, wurden sie später fast mühelos zu Ausgangsbasen für die Raub- und Eroberungszüge schon vor der eigentlichen Ostexpansion umfunktioniert.[9] E. Engel und E. Holtz weisen in diesem Sinne auf Magdeburg, Halberstadt, Barby, Meißen und auch Merseburg hin. Nach ihrer Version seien im Ergebnis der Expansionszüge des 10. Jahrhunderts Burgwarde auch östlich der Reichsgrenze aufgekommen.[10] Diese wären zum Teil Neugründungen inmitten slawischer Gebiete gewesen, teils aber auch übernommene Anlagen, die bislang von diesen genutzt worden waren. Soweit es sich um letztere handelte, darf man annehmen, dass sie den Lusici ab 920 - also hauptsächlich zur Abwehr einzelner Züge aus dem Westen - gedient hatten. Widukind von Corvey hat ihn als Mann der Kirche jedenfalls noch nicht verwendet - bei ihm, der noch immer lateinisch schrieb, erscheint eine befestigte Anlage oder eine kleinere Burg vielfach als „urbs", eine größere als „castrum", was Bernd Schneidmüller jetzt auch mit „Burgwall" übersetzt.[11]
In einigen Darstellungen, wie beispielsweise denen „über Kalbe", werden Burgwarde ebenfalls nicht mit einzelnen Ortschaften identifiziert. Wie die Civitates hätten Burgwarde immer mehrere Ansiedlungen umfasst. Gemeint waren wohl immer Bezirke, die als „die kleinsten und vielleicht auch ältesten Organisationen der slawischen Völker" anzusehen seien. Wörtlich heißt es dort: „Mehrere Siedlungsgemeinschaften (Dörfer) hatten sich zur gemeinsamen Abwehr eine Zufluchstätte geschaffen. Oft war mit dieser Fliehburg der gemeinsame Tempel verbunden und auch die geistliche Organisation besaß einen Burgward als ihren Mittelpunkt."[12] Bei I. Materna und W. Ribbe wird Triebus (wie auch Liubocholi und Sonnewalde) zu den größeren Burgwarden gezählt. Auch ihnen wäre jeweils eine Anzahl von Dörfern zugehörig gewesen, deren Bewohner die auf den Burgen einquartierten oder durchziehenden Mannschaften zu versorgen hatten. Ebenso waren die Bewohner - bis zum Ende des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich vorwiegend Slawen - zu Burgenbau, Instandsetzungsarbeiten und Wachdiensten herangezogen sowie zu Tributszahlungen verpflichtet.[13]
Dass im 10. Jahrhundert Triebus und andere Orte in der Niederlausitz noch immer als befestigte Siedlungen mit Verwaltungsaufgaben betraut waren, kann auch damit zusammenhängen, dass hier kaum Zentralisierungsbestrebungen im Gange waren. Neben den Einfällen aus dem Westen waren aber auch ebenso regional begrenzte Streitereien an der Tagesordnung. Widukind von Corvey verweist hierzu auf Kleinkönige („sub reguli"), die gegeneinander zu Felde zogen und sich mitunter sogar mit sächsisch-fränkischen Einheiten gegen Nachbarstämme verbündeten.[14]
Die beschenkte Institution: Das Kloster Nienburg
Für die Übertragung des Ortes an das besagte Kloster ist vor allem die „sehr bewegte Zeit" zu beachten, in der sie stattgefunden hat. Da die besagte Landschaft, wie es heißt, damals von heftigen Kämpfen betroffen war, werden befestigte Ortschaften beziehungsweise Burganlagen sehr begehrt gewesen sein.
Dies lässt erkennen, dass es nicht mehr nur um lokale Streitigkeiten auch zwischen sorbischen Stämmen ging, in die sich Polen und Sachsen eingemischt hätten, und die meist in kurzer Zeit ausgefochten wurden. Jetzt wurde eine neue Qualität erreicht: Zwei aufstrebende Feudalmächte waren angetreten, um sich gegenseitig die Vorherrschaft in einem ganzen, bislang als Machtvakuum wahrgenommenen (oder ausgegebenen) Gau streitig zu machen - denen es also um die Ausweitung und Konsolidierung zukunftsträchtiger Machtstrukturen ging. Die Frage nach der politischen Zukunft der ganzen Region stand zur Disposition, und nur aus dieser Problemlage ist die Schenkung von 1004 zu erklären. Entgegen der in der Festschritt (S. 6) geäußerten Auffassung dürften die Bewohner von Triebus durchaus in die Pflicht genommen worden sein.
Eigentlich war es zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, dass eine kirchliche Einrichtung von weltlichen Herrschern oder von Privatpersonen beschenkt oder belehnt wurden. Man stiftete, verschenkte oder verlieh Schlösser und Paläste, auch Dörfer und sogar ganze Städte - und dazu mit all ihren Land und ihren Leuten. Vertreibungen konnten sich die Herren jener Zeit nicht leisten.
Doch wer schenkte, erwartete Gegenleistungen. Wer die Kirche beschenkte, erhoffte - so sollte man meinen - geistliche Erbauung, Seelenheil oder Vergebung begangener Sünden. Aber vielfach waren gaben ganz andere Motive den Ausschlag. Auch beim Kloster Nienburg könnte man Ähnliches erwarten. Dazu muss man wissen, wann und zu welchem Zweck es gegründet, welche Funktion ihm zugedacht worden war und warum es gerade jetzt mit Besitzzuwachs beehrt wurde. Diese Fragen bedingen in erster Linie das Nachdenken über die Absichten, die der König mit seiner Schenkung verband.
Vorauszuschicken sei, dass das Kloster anno 970 - also noch unter Otto I. - als eine Benediktiner-Abtei gegründet worden war. Zunächst befand es sich in Thankmarsfelde im Harz, doch schon 975 wurde es auf Anordnung Ottos II. (973 – 983) nach Nienburg verlegt. Dieser am Saaleufer gelegene Ort war stark befestigt, bot wirksamen Schutz gegen Übergriffe und konnte als Grenzort in kurzer Zeit zu einem Ausgangspunkt für Eroberungszüge ausgebaut werden, denn nach Osten standen kurz über lang harte Feldzüge bevor.
Gleichzeitig wurde es zu einer Reichsabtei erhoben und bekam im Rahmen des von Otto I. geschaffenen Reichskirchensystems einen besonderen Platz. Wie eine Reichsstadt unterstand es unmittelbar dem Herrscher und nur ihm kam es zu, die Reichsäbte ein- und abzuberufen. Nach Gutdünken konnte er sie auch mit weltlichen Ämtern betrauen (vielleicht erklärt sich von daher die hohe Zahl von Fürstbischöfen und Fürstäbten im Reich) und zu Kriegszügen heranziehen. Wie weltliche Herrschaften wurden auch sie mit Ländereien belohnt, so dass sie mit der Zeit ebenso wie diese fest in das feudale Lehnswesen eingebunden waren und wie diese bald zu Reichtum, Ansehen, Macht und Einfluss gelangten. Aber aus den konkreten feudalen Abhängigkeitsverhältnissen ist ableitbar, dass ein Herrscher, der ein Kloster zu einer Reichsabtei erhob und darüber hinaus noch beschenkte, im Grunde eigentlich sich selbst bereicherte.
Was die Abtei von Nienburg angeht, war sie mit ihren Liegenschaften bald mit weitläufigem Streubesitz ausgestattet, der zirka 850 Quadratkilometer umfasste und vom Harz bis zum Teil über die Neiße reichte. Zu ihm gehörten an die 150 Ortschaften darunter Harzgerode, Niempsch (südöstlich vom heutigen Gubin) sowie Lübben.[15]
Nachdem die Abtei in Nienburg eingerichtet war, begann man unverzüglich mit dem Bau der Kirche. Bis zu ihrer Fertigstellung gingen insgesamt 29 Jahre ins Land. Am 8. August 1004 war es dann so weit. In Anwesenheit des Königs und des Markgrafen Gero II. wurde sie den Heiligen Maria und Cyprian geweiht. Dem Ort Nienburg wurden das Stadt- und das Marktrecht verliehen, und demgemäß fanden nach tausend Jahren sowohl in Trebbus als auch in Nienburg beinahe zeitgleich die Jubiläumsveranstaltungen statt. Für die Nienburger war die Kirchweihe „ein großer Höhepunkt in der Geschichte des Klosters".[16] Den herrschenden Kräften erschien sie dagegen bitternötig.
Denn im Westen des Kontinents hatte sich bereits ein Kräftepotential herausgebildet, das sich in der Lage sah, Vieles auszufüllen, was die Römer nach dem Zusammenbruch ihres Imperiums als angebliches „Vakuum" hinterlassen hatten. Karl der Große hatte bereits die Stammesverbände der Bayern und der Sachsen unterworfen. Von der skandinavischen Halbinsel breiteten sich strahlenförmig Verbände der Wikinger aus - zu Staatsgründungen brachten sie es in Teilen Frankreichs (Normandie) sowie auf Sizilien und in Süditalien. Die britische Insel geriet zeitweilig in die Fänge des Dänenkönigs Knut des Großen, 1066 aber - nach der Schlacht bei Hastings - in die Wilhelms des Eroberers.
Dem gegenüber befand sich das Ostfränkische Reich in seiner Konsolidierungs- und Wachstumsphase. In Anknüpfung an karolingische Traditionen hatten es die seine Könige vermocht, die Thüringer, Alemannen, Schwaben und Lothringer ihrem Machtbereich zuzuordnen und Eindringlinge (Ungarn, Normannen) abzuwehren. Sie beherrschten das Land bis zur Elbe und Saale.
Offen war die Lage jedoch im Osten; denn die dort den germanischen Verbänden gefolgten slawischen Stämme lebten, wie es verschiedentlich heißt, noch immer in gentilgesellschaftlichen Verhältnissen. Nicht bereit, in diesen Gebieten Zustände zuzulassen, die nach vorherrschender fränkisch-sächsischer Auffassung als unsicher galten, hatte sich Heinrich I. bereits 926 zu Feldzügen veranlasst gesehen, um die bis zur Elbe vorgedrungenen slawischen Stamme zu unterwerfen, womit er eine erste Welle feudaler Expansion eingeleitet hatte.
Unter Otto I. hatte Hermann Billung im Norden die Obodriten, Heveller und Redarier besiegt und war mit der neu geschaffenen Nordmark belehnt worden; in der Lausitz legte der 937 zum Markgrafen berufene Gero I. ein besonders brutales Vorgehen an den Tag. Nachdem er noch im gleichen Jahr mit seinem Heer eingedrungen war, hatten sich die Lusici heftig gewehrt. Damals schrieb Widukind: „Die Barbaren aber, durch unsere Querelen ermutigt, hörten nirgends auf, mit Brennen und Morden das Land zu verwüsten, und trachteten danach, den Gero, den der König über sie gesetzt hatte, heimtückisch zu töten. Er aber kam der List mit List zuvor und räumte etwa dreißig Barbarenfürsten, die ein prächtiges Gastmahl erschöpft und der Wein ermüdet hatte, in einer Nacht aus dem Weg." [17]
Die heimtückische Ermordung der Slawenfürsten hatte dann aber doch immer wieder guerillaähnliche Aufstände zur Folge, derer die Eindringlinge erst nach Jahrzehnten Herr werden konnten. 965 schien dann das Ziel erreicht, aber trotzdem scheuten sich die Interventen noch immer, das Land zu besiedeln. Immerhin hatte Widukind die Lusici als Menschen charakterisiert, die den Krieg dem Frieden vorzögen, „weil sie die teure Freiheit über alle Not stellten." Sie seien hart und würden keine Anstrengungen scheuen; gewöhnt an dürftige Nahrung, hielten „die Slawen für ein Vergnügen, was unseren Leuten als arge Schinderei erscheint." [18] Im Ergebnis weiterer langwieriger Kämpfe - auch zwischen sorbischen Stämmen - war das Land bis zur Oder dem Reich unterworfen.
Aber auch danach war eine Landnahme durch Siedler aus dem Westen nicht möglich, und abgesehen von Tributverpflichtungen bestand in der Niederlausitz das so genannte Machtvakuum fort. Es prägte noch lange den politischen Charakter der Landschaft, denn so recht glücklich dürfte hier kaum ein Herrscher aus dem Westen geworden sein. Vielfach mussten die neuen Herren militärische Mittel aufbieten, um die verfügten Tribute eintreiben zu können. Burgen beziehungsweise Burgwarde, die zu dieser Zeit errichtet oder gehalten wurden, bekamen mit dem Eintreiben der Tribute eine neue Funktion. Mehrmals dürften daher die Besatzungen in den Burganlagen gewechselt haben. Die Markgrafen mussten sich einstweilen weiterhin mit ihren Residenzen, hautsächlich Merseburg und Meißen, begnügen.
Um aber für kommende Waffengänge besser gerüstet zu sein, wurden die befestigten Anlagen an Elbe und Saale verstärkt ausgebaut. Die Funktionen der Klöster wurden zum Teil beträchtlich erweitert. Die Abtei Nienburg sollte fortan neben ihrer Missionstätigkeit vor allem militärisch stärker wirksam werden. Zusammen mit den seit Heinrich I. bestehenden Bistümern Havelberg, Merseburg, Naumburg, Halberstadt und Meißen vervollständigte sie nunmehr das System militärischer Stützpunkte, das leicht zu einer kompakten Angriffsbasis gegen die Lusici umgewandelt werden konnte. Da die Abtei direkt dem König unterstand, hatte sie – sobald dieser den Heerbann aufgerufen hatte - ihr Kontingent an bewaffneten Einheiten zu stellen.
Die Anfänge des polnischen Staates und der Akt von Gnesen
Die Brutalität, mit der Gero I. zu Werke gegangen war, rief sofort die inzwischen östlich der Oder ansässig gewordenen westslawischen Stämme auf den Plan. So erkannten Fürsten der Polaben, wie wichtig einheitliches militärisches Handeln gegen eine sich festigende und auf Ausdehnung bedachte konkurrierende Macht war. Aber entsprechend ihrer damals vorherrschenden Mentalität kam es sehr bald auch bei ihnen zu Auseinandersetzungen um den Vorrang in der zu bildenden Vereinigung. 960 gelang es jedoch einem Abkömmling des Adelsgeschlechts der Piasten, sich als Mieszko I. zum Herzog aufzuschwingen und somit die polabischen Aufgebote zusammenzuführen. Relativ rasch zeichneten sich unter seiner Herrschaft die Konturen des im Entstehen begriffenen polnischen Feudalstaates - des „Gnesener Staates" - ab. Doch bei diesem Erfolg wollten es Mieszko I. (ca. 960 – 992) und sein Sohn und Nachfolger Boleslaw (992 – 1025) nicht belassen. Ihnen schwebte nach fränkisch-sächsischem Vorbild ein großpolnisches Reich vor, das - von der Ostsee bis zu den Karpathen reichend - alle slawisch besiedelten Gebiete westlich der Oder einbeziehen sollte.[19]
Doch vorerst waren die Kräfte der Polaben gegen die Invasoren aus dem Westen nicht hinreichend gerüstet. Aus dem Massaker an den Sorben hatten Mieszko und seine Getreuen gelernt, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn man zu früh, ohne Verbündete und ohne festen Plan gegen überlegene Kräfte vorgeht. Hinzu kam, dass von Osten her weiteres Ungemach drohte. Dort waren inzwischen Wikinger in die Weiten Osteuropas eingerückt; relativ schnell sesshaft und von den dort ostslawischen Stammesgruppen förmlich „aufgesogen" worden. Unter ihren Anführern, beginnend mit Rurik dem Roten (862 – 879) und seinen Nachfolgern, bildeten sich um Kiew, Nowgorod und Wladimir frühe Zentren eines großen russischen Feudalstaates - die „Rus" - heraus, und ähnlich wie die deutschstämmigen Fürsten fühlten sich auch deren Herrscher geneigt, gegen westslawische Stämme zwecks Unterwerfung kriegerisch vorzugehen. Auf diese Weise gerieten die Polaben geopolitisch beziehungsweise geomilitärisch zwischen zwei Fronten. Unterstützung erhofften und erhielten die „Großfürsten" der Rus von den mächtigen byzantinischen Kaisern und der Ostkirche. Als Gegenleistung wurde jedoch Beistand gegen die westliche Missionspolitik erwartet. Entsprechende Verträge waren bereits 911 und 944 zwischen den Byzantinern und den Großfürsten der Rus abgeschlossen worden. Damit wurde die Rus in ihren Positionen enorm gestärkt, während für Polen bereits in der frühen Phase seiner Existenz eine Epoche beidseitiger Bedrohung begonnen hatte - ein Fakt, der bei den Polen bis heute immer wieder nationalistische Gefühle - nicht nur gegenüber Deutschen, sondern auch gegenüber Russland - nährt.
Klugerweise nahm Mieszko I. angesichts der Situation an der Ostgrenze seines Herzogtums von voreiligen und somit riskanten Zügen nach Westen Abstand. Stattdessen setzten er und sein Sohn vorerst auf Bündnisse mit dem Ostfrankenreich, später auch auf Heiratspolitik. Beides brachte immer mal wieder erhofften Zeit- und Einflussgewinn. Beinahe dankbar unterwarf sich Mieszko 966 der Lehnshoheit Ottos I., huldigte ihm und zahlte symbolischen Tribut; das Reich akzeptierte er als eine über ihm waltende, aber staatspolitisch kaum wirksame und auch nicht näher bezeichnete Instanz.
Gleichzeitig entsagte er seiner bisherigen Religion und wurde Christ. Wie einst Chlodwig ließ er sich taufen. In Posen errichtete er sein erstes Bistum und bemühte sich, das ottonische Reichskirchensystem nachzuahmen. Er bekannte sich zum Papst in Rom, so dass das Christentum westlicher Prägung auch zur polnischen Staatsreligion wurde.
Für Mieszko bot sich nun willkommene Rückendeckung für eigene Eroberungen. Im Norden erkämpfte er sich große Teile Pommerns und somit den freien Zugang zur Ostsee und zu den Handelswegen nach Nordeuropa, während er durch den Anschluss der schlesischen Gebiete die Bedingungen für den Handel mit den Völkern am Balkan und am Mittelmeer verbessern konnte. Um seine Beziehungen zu Böhmen zu vertiefen, näherte er sich dem tschechischen Herrscherhaus, den Premesliden, und ging mit Dubrowka, der Enkelin des heiligen Wenzel, die Ehe ein. Ihr entspross ein Sohn, der ihm 992 als Boleslaw I. nachfolgte. Bis dahin hatte er es bereits schon zu militärischem Ruhm gebracht und wurde schon zu Lebzeiten mit dem Namen „Chrobry" („der Tapfere") geehrt. Selbstverständlich trug ihm all dieses den Argwohn der russischen Fürsten und der orthodoxen Kirche ein, so dass sich auch im Osten die Spannungen verschärften.
Erste Möglichkeiten, sich dem Reich nicht nur mit Tributzahlungen, sondern auch militärisch anzudienen, ergaben sich im Zusammenhang mit dem Slawenaufstand vom 983. Obodriten, Redarier und Heveller, die Teile der heutigen Länder Brandenburg, Mecklenburg und Schleswig Holstein bewohnten, nutzten den Thronwechsel von Otto II. (973 – 983) zu Otto III. (983 - 1002) ebenso wie den Fakt, dass sich Mieszko gerade zu dieser Zeit erbitterte Kämpfe mit der Rus lieferte. Als er dem jungen Kaiser mit den Resten seines Heeres zu Hilfe eilte, hatten die slawischen Verbände den Sieg bereits erfochten. Mieszko hatte gegen die Aufgebote der Rus verloren und musste die bereits zwischen Weichsel und San eroberten Gebiete wieder abtreten.
Mit dem Liutizenaufstand hatten die Slawen erreicht, dass die Ostexpansion einstweilen gestoppt wurde. Die Nordmark sowie die Bistümer Havelberg und Brandenburg, ebenso Hamburg, waren für das Reich verloren, und für die nächsten 150 Jahre blieben die dort lebenden Westslawen unabhängig und in ihrer Entwicklung eigenständig. Ähnlich wie im Westen hoben sich allmählich Stammesfürstentümer heraus und ließen auch hier die Anfänge staatlicher Organisation erkennen. Zu anderen europäischen Fürstenhäusern pflegten ihre Herrscher bereits partnerschaftliche Beziehungen.
Trotz oder gerade, weil es nicht gelungen war, die Aufständischen zu unterwerfen, blieb es bei den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Otto III. und den polnischen Herzögen. Möglicherweise glaubte man, militärisch aufeinander angewiesen zu sein.
Den vollen Preis der Mühen jedoch konnte allerdings nicht mehr Mieszko, sondern sein Nachfolger Boleslaw einfahren. Dieser wurde nun offiziell mit Pommern und dem östlichen Teil des heutigen Bundeslandes Brandenburg belehnt. Ebenso wurde er in seiner Herrschaft über Schlesien bestätigt, womit für ihn der Weg in Richtung Mittelmeer offiziell geöffnet wurde. Dies alles half ihm, seine Macht im Innern zu festigen und seinen Einfluss in Europa zu erweitern.
Das Neujahrsfest 1000 nahm er zum Anlass, um in seiner „Hauptstadt" Gniezno (Gnesen) sein eigenes, von Magdeburg unabhängiges Erzbistum zu gründen. Die polnischen Bischöfe, die sein Vater für Krakau, Breslau und Kolberg berufen hatte, sollten von nun an allein ihm und dem von ihm und dem Papst in Rom bestimmten Oberhirten unterstehen. Um dem Fest die gebührende Ausstrahlung zu verleihen, lud er den Kaiser und weitere Größen als seine Gäste ein. Otto III. nahm die Einladung freudig an, und schon kurz nach seiner Rückkehr von einem seiner Italienzüge begab er sich auf die Reise. Er proklamierte sie als eine Pilgerfahrt zum Grabe seines einstigen Freundes und Lehrers - des von pruzzischen „Heiden" getöteten Missionsbischofs Adalbert (polnisch „Wojciech"), traf mit großem Gefolge in Gniezno ein, unterzog sich aber strengen Bußübungen (es heißt, er habe die Stadt barfüssig betreten). Dennoch sollen ihm aber auch politische Motivationen nicht fremd gewesen sein. Dafür sorgten bestimmt schon seine Mutter Theophanu, weitere Familienangehörige und andere Berater.
Wegen der seinem Vater und ihm erwiesenen Bündnistreue fühlte sich der siebzehnjährige Kaiser den Polen weiterhin zu Dank verpflichtet. Boleslaw nannte er einen seiner besten Freunde, entband ihn von allen Tributpflichten, nannte ihn „Bruder und Mithelfer des Imperiums" sowie „Freund und Genosse des römischen Volkes", [20] erhob ihn in den Stand souveräner Reichsfürsten und berief ihn zum Statthalter, was faktisch dem Amt eines kaiserlichen Stellvertreters gleichkam. Nicht zuletzt schenkte er ihm eine Nachbildung der „Heiligen Lanze", und am 10. März 1000 schlossen beide den Vertrag von Gnesen. Nach den Feierlichkeiten begaben sie sich nach Aachen zum Grab Karls des Großen. Eigentlich sollte anlässlich des Kaiserbesuchs die Krönung Boleslaws zum König erfolgen. Dazu kam es jedoch nicht, denn der Gastgeber konnte sich nicht dazu entschließen, den Leichnam Adalberts herauszugeben, den ihm die Pruzzen verkauft hatten. Sankt Adalbert war als der Schutzheilige des Domes seiner Haupt- und Erzbischofsstadt auserkoren und wird bis heute als hochrangige Reliquie verehrt.
Der „Akt von Gnesen" wird besonders von polnischen Historikern bis auf den heutigen Tag für das Emporkommen ihres Landes als ein Dokument von epochaler Bedeutung gewertet. Entsprechende Einschätzungen waren auf einem wissenschaftlichen Kolloquium anlässlich des eintausendsten Jahrestages zu vernehmen, das im Jahre 2000 in Berlin stattfand. Unter Hinweis auf Johannes Fried bezeichnete Prof. Dr. Michael Bogolte von der Humboldt-Universität den Akt von Gnesen als „Sternstunde", als „ersten Höhepunkt" in der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen, ja als „wahrhaft welthistorisches Ereignis", [21] das der künftigen polnisch/westslawisch-ungarisch-deutschen Region seinen Stempel aufgedrückt hat". Erstmalig habe der Begriff „Polonia" in ein bilaterales Dokument Eingang gefunden, wodurch dem jungen Staatswesen die offizielle Anerkennung durch das Reich zuteil geworden sei. Von da an habe der Landes- und Völkername „Polen" die älteren Bezeichnungen „Slawen, Slawenland" verdrängt, so dass ‘Gnesen’ geradezu als Taufakt Polens gelten könnte [22] - und dass, obwohl zu jener Zeit der Piastenstaat noch nicht ausstrukturiert gewesen wäre. In seinem Kern habe er lediglich aus dem heutigen Großpolen mit Kujawien bestanden. Das erst wenige Jahrzehnte zuvor angeschlossene Masowien sei noch nicht integriert worden. Ähnliches habe auch noch für Pommern, Schlesien und Kleinpolen gegolten.
Dennoch hielt Boleslaw es schon jetzt für wichtig, sein Ansehen in seinem eigenen Hoheitsgebiet und unter den anderen europäischen Herrschern herauszuheben. Vor allem galt es, die Stellung Polens zum Kaiserreich zu regeln, denn dieses gab sich als eine universelle Macht und leitete daraus eine gewisse Leitfunktion für Europa ab. Hinzu kam, dass hinsichtlich der Gebiete zwischen Oder und Elbe ein spürbarer Interessengegensatz bestand.
Um Letzteres aus der Welt zu schaffen, wurde Boleslaw mit der Lausitz belehnt und ihm zugesagt, dass der unter Otto I. begonnene Ausbau der Lausitz als Markgrafschaft nicht weiter verfolgt werden würde. Damit hätte es eigentlich nicht zur Schenkung beziehungsweise Stiftung von 1004 kommen dürfen. Zusammenfassend kann man aber sagen, dass für beide Seiten vielleicht eine lange Periode friedlichen Neben- oder Miteinanders ermöglicht worden wäre.
Doch die Freude über das Treffen und seine Ergebnisse währte nicht lange. Schon bald stieß die Umsetzung des Gnesener Vertrages auf ungeahnte Schwierigkeiten. Die Beziehungen, die sich zwischen beiden Partnerstaaten hätten entwickeln können, waren in den tausend Jahren danach oftmals alles andere als friedlich. Immer wieder kam es zu Krisen, und immer wieder wurden Zeiten, in denen sich partner- oder auch freundschaftliche Beziehungen hätten entwickeln können, durch politisch Krisen und blutige Kriege jäh unterbrochen - ein Umstand, der das deutsch-polnische Verhältnis bis in unsere Tage belastet.
Die Inthronisierung Heinrichs II.
Kurze Zeit später kam es zu Ereignissen, die das Vereinbarte über den Haufen warfen und eine völlig entgegengesetzte Entwicklung in Gang brachten. Noch im selben Jahr - der Vertrag war kaum besiegelt - begab sich der Kaiser abermals nach Italien. Dort erkrankte er an einer Malaria, von der er sich nicht mehr erholte. Nicht weit weg von Rom starb er im Frühjahr 1002 in einem Kloster. Ein Testament war nicht vorhanden und die Nachfolge völlig offen. Jedoch standen genügend Vettern bereit – darauf erpicht - die Lücke auszufüllen.
Beste Aussichten schien Heinrich von Bayern - der älteste Sohn Heinrichs des Zänkers - zu haben. Als mächtiger Herzog und Großneffe Ottos des Großen fühlte er sich dem Verstorbenen am ebenbürtigsten und am nächsten. Er nutzte den Umstand, dass er am Italienzug teilgenommen hatte und beeilte sich, die Alpen besonders rasch zu überqueren. Um die Konkurrenten auszutricksen, mied er Stätten, die für die Wahl und die Krönung auserkoren waren. Man kommt nicht umhin, darauf zu verweisen, dass dieses und sein ganzes weiteres Vorgehen einem raffiniert eingefädelten Staatsstreich gleichkamen. Näheres dazu verrät unter anderem das Lexikon des Mittelalters, Bd. IV, unter Heinrich II., Kaiser, deutscher König, wo es heißt:
„Als der Zug mit dem Leichnam Ottos III. in Bayern anlangte, empfing Heinrich ihn an der Grenze des Herzogtums und übernahm betont die Sorge für den Toten, ließ dessen Eingeweide in Augsburg beisetzen und verfügte eine umfangreiche Seelgerätstiftung, wie dies normalerweise die Nachfolger im Königtum für ihre Vorgänger zu tun pflegten. Er zwang den Erzbischof von Köln, die Reichsinsignien herauszugeben, und erzwang auf brutale Weise, indem er den Erzbischof in Haft nahm, dass ihm die Heilige Lanze, die man heimlich schon nach Aachen vorausgeschickt hatte, ausgehändigt wurde. Wo er konnte, so auch während er im Trauerzug dem toten Kaiser das Geleit durch sein Herzogtum gab, übte er Druck auf die Großen aus, um ein Wahlversprechen oder eine Huldigung zu erlangen. Ohne einen Wahltermin abzuwarten, sicherte er sich durch weitere Aktivitäten und heimliche Treffen mit Parteigängern aus anderen Stammesverbänden die Machtbasis, um die Königsherrschaft übernehmen zu können. Durch einen Beauftragten ließ er sich den in Werla versammelten Sachsen als den künftigen König vorstellen und jedem reiche Geschenke versprechen, der seinen Anspruch anerkannte; und es gelang ihm mit Unterstützung der Schwestern Ottos III., mögliche Gegenkandidaten gegeneinander auszuspielen, um eine Mehrheit für die Bestätigung seines ‚Erbrechts’ zu gewinnen. Kaum sah er seine Übermacht gegenüber anderen Kandidaten gesichert, unternahm er einen Feldzug nach Mainz und ließ sich dort von den Bayern und O-Franken zum König wählen und sofort krönen. Eine allgemeine Wahlversammlung war von ihm offensichtlich gar nicht angestrebt worden. Wer in Mainz nicht dabei war, konnte an anderem Ort, in einem nachträglichen Erhebungs- und Huldigungsakt der Wahl beitreten. Das Verhalten Herzog Heinrichs ist ganz von dem Anspruch oder der Überzeugung bestimmt, dass ihm das Reich zustehe, das heißt, dass er einen erblichen Anspruch auf die Herrschaft habe, der durch formale Anerkennungsakte und zeremonielle Herrschaftsübergabe in die Realität umgesetzt werden musste." [23]
Heinrichs Hauptkonkurrent war Herzog Ekkehard von Thüringen, dem die Markgrafschaft Meißen und damit auch die Lausitz unterstanden hätten, wäre da nicht der Akt von Gnesen gewesen. Mit keiner Silbe ging der Herzog auf diesen Vertrag ein, mit dessen Umsetzung man sich offensichtlich viel Zeit ließ oder erst gar nicht mehr befasste. Man tat so, als wäre er nie geschlossen worden. Triebus und seine Nachbarorte sollten also einer der beiden Markgrafschaften zugeordnet werden. Allerdings fiel Ekkehard, der sich in der Zwischenzeit offensichtlich mit Boleslaw arrangiert hatte, im Sommer 1002 einem Mordanschlag zum Opfer. Man sprach davon, dass Heinrich dazu den Auftrag gegeben hatte. Weitere Gegner des Bayernherzogs waren Herzog Hermann II. von Schwaben und Markgraf Heinrich von Schweinfurt. Die Kandidatur des Letzteren wurde von Brun, einem Bruder Ottos des Großen, und dem polnischen Herzog unterstützt, während Heribert auf seinen Vetter Hermann setzte.
Fast alle Begleiter des Leichenzuges, bei denen es sich wohl um die vertraute Umgebung Ottos III. gehandelt hatte, stellten sich weiterhin gegen den bayerischen Herzog. Die Vorbehalte, die man ihm gegenüber hegte, dürften auch mit den Auseinandersetzungen zwischen dessen Vater (dem Zänker) und den bislang regierenden Ottonen zusammenhängen, was aber hier nicht weiter untersucht werden soll.
Letztendlich kam es im Sommer 1002 in Merseburg zu einer Nachwahl. Zuvor jedoch musste sich Heinrich der Kritik sogar seiner sächsischen Stammesgenossen stellen. Ihm wurde vorgehalten, in unzulässiger Weise bereits vor der Wahl im Königsornat erschienen zu sein. Die Versammlung gestaltete sich wie ein früheres germanisches Thing, und erst, als er gelobt hatte, das sächsische Recht künftig wieder mehr zu achten, übergab ihm der sächsische Herzog Bernhard - der älteste Sohn des verstorbenen Herrmann Billung - die Heilige Lanze.
Die Kriege um die Lausitz
Kaum an die Macht gekommen, richtete Heinrich seinen Blick gen Osten. Sein Reich sollte nicht länger an Elbe und Saale enden. Er und seine Markgrafen brachten zum Ausdruck, dass ihnen die Gnesener Abmachungen von Anfang an lästig gewesen waren. Nun forcierte der König die Vorbereitungen des längst geplanten Feldzuges in die Lausitz und das Milzener Land. Für den polnischen Herzog galt es, auf der Hut zu sein. Er fürchtete, bald einer Front von Gegnern isoliert gegenüberzustehen. Allerdings waren diese, wie man sah, sehr zerstritten. Doch das Interesse, im Osten an Einfluss und Macht zu gewinnen, konnte sie rasch zu einem gemeinsamen Vorgehen bewegen. Also entschloss sich Boleslaw, schleunigst in die Rivalitäten westlich der Oder einzugreifen. Nicht umsonst sollte ihn Otto III. zum Statthalter bestallt haben. Um einem eventuellen Vorrücken königlicher Truppen zuvorzukommen, fiel Boleslaw spornstreichs in die Lausitz ein, sicherte sich Bautzen, (erstmalige Erwähnung durch Thietmar von Merseburg als „civitas Budysin" und Bezeichnung als Stammeszentrum der Milzener), [24] rückte westwärts vor und erreichte Elbe und Saale. Plündernd soll er darauf hin Meißen und Merseburg besetzt und anschließend versucht haben, die Witwe des gemeuchelten Markgrafen zu ehelichen, vielleicht, um auf diese Weise einen Kompromiss zu erwirken. Jedoch scheiterte dieser Plan, was ihn aber nicht davon abhielt, seine Tochter Reglinde mit Ekkehards Sohn Hermann zu vermählen. Daran, dass Hermann nun nicht sein Stief- sondern stattdessen sein Schwiegersohn werden würde, stieß er sich nicht. Wichtig war ihm, dass die Lausitz in seinem Machtbereich verblieb.
Boleslaws Überraschung schien gelungen. Es zeigte sich, dass der frisch inthronisierte König auf einen solchen Vorstoß wohl doch nicht genügend vorbereitet war. Deshalb spielte dieser einstweilen auf Zeit. Um seinem Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen, nahm er 1002 bei einem Umritt in Merseburg dessen Huldigung und Lehnseid entgegen und bekräftigte ihm auch die Belehnung mit der Lausitz und dem Milzener Land. Trotzdem kam es nicht zur Versöhnung. Dem Herzog kam es so vor, als würde ihm der persönliche Schutz verweigert. Verärgert trennten sich die nun erst recht zu Feinden gewordenen Kontrahenten.
Boleslaw meinte, einem möglichen Attentat zuvor gekommen zu sein und verließ Merseburg in Richtung Prag. Dort war im Jahre 999 sein Namensvetter und Schwager, Herzog Boleslaw II., verstorben; und wie es bisweilen unter Brüdern so ist, konnten sich dessen Söhne nicht über die Nachfolge einigen. Oft kam es in der herzoglichen Familie zu Tätlichkeiten, unter denen selbst die Mutter zu leiden hatte. In der Prager Burg müssen tatsächlich schlimme Zustände geherrscht haben, was dem tschechischen Adel dann wohl doch zu bunt wurde. [25] In dieser Situation bot Herzog Boleslaw sich seinen tschechischen Neffen Ulrich und Jaromir nur allzu gern als Retter aus der Not an. Als Schwager des Verstorbenen fühlte gerade er sich dazu berufen, und außerdem war er ja auch Statthalter des Reiches. Also hielt er es für angebracht, in Prag zu erscheinen, um dort die „gottgewollte Ordnung" wieder herzustellen. Noch 1003 erschien Boleslaw mit seinen Truppen in Böhmen. Kaum eingetroffen, begehrte er die herzogliche Macht für sich selbst und vertrieb Jaromir und Ulrich. Monate danach ließ er Herzog Boleslaw III. blenden. Er selbst ernannte sich als Boleslaw IV. zum Herzog von Böhmen und vermeinte, damit den Kampf um die Vereinigung aller Westslawen aufgenommen zu haben - ein Abenteuer, das als Beginn der später so bezeichneten „Boleslawischen Expansion" in die Geschichte Polens einging. [26]
Zunächst richtete er seinen Blick auf die unter deutscher Herrschaft stehenden Elbslawen zwischen Elbe und Oder - die so genannte Germania Slavica - und auf die südlich von Polen und der Lausitz lebenden Tschechen, Mähren und Slowaken. Damit verfolgte er ein Ziel, das der Ostpolitik des Reiches diametral entgegenstand, so dass bei Heinrich und anderen Reichsfürsten die Alarmglocken lauter als zuvor erschellten.
Sein Coup mit Böhmen wäre wohl auch erfolgreich verlaufen, hätte er es nicht verabsäumt, dem König für seinen Neuerwerb ausdrücklich zu huldigen und den Lehnseid zu erneuern, zu dem die tschechischen Herzöge seit dem Heiligen Wenzel verpflichtet waren. Jetzt aber kam es ihm darauf an, seine Unabhängigkeit von König und Reich in aller Öffentlichkeit und lauthals zu bekunden. Dass er dann noch versuchte, den Markgrafen von Schweinfurt und den Herzog von Schwaben gegen den König aufzuwiegeln, brachte bei diesem das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen.
Heinrich räumte nunmehr seinem Vorhaben bezüglich der Lausitz absoluten Vorrang ein. Gegen den Widerstand sächsischer Feudalherren brach er seinen schon begonnenen Italienzug ab. Auch an die geplante Wiederaufnahme der Missions- und Unterwerfungspolitik gegenüber den Westslawen im Norden mochte er momentan nicht denken. Vielmehr buhlte er nun um deren Loyalität und schloss mit ihnen einen regelrechten Vertrag - trotz der Einwände seitens einiger Herzöge und seines Hofchronisten.
In genau diesem zeitlichen Zusammenhang wurden nun die „civitates" Triebus und Liubocholi dem Kloster in Nienburg übertragen. Nun erwies sich, dass dieser Akt von Anfang an nicht als eine der Kirche geweihte „Morgengabe" oder als eine Geste majestätischer Frömmigkeit gedacht, geplant, vollzogen und zu verstehen war. Vielmehr - so sagte man höheren Ortes - wurde dem Flehen um „Gottes Segen" für schon begonnene militärische Unternehmungen der für erforderlich gehaltene Nachdruck verliehen. Über solche Dinge wurde beispielsweise 2004 bei den Feierlichkeiten eben nicht nachgedacht - auch nicht darüber, dass der König mit der Schenkung einen echten Vertragsbruch begangen hatte, denn das Lehnsverhältnis mit Boleslaw war erst ein Jahr zuvor bekräftigt und seitdem auch nicht aufgekündigt worden, was ihn, den Herrscher natürlich nicht anfocht, denn solcherlei Praktiken waren ohnehin gang und gäbe. Anstatt königliche Wohltaten zu verbreiten, tat der König mit dem Schenkungsakt kund, dass der gegen Boleslaw begonnene Feldzug nunmehr intensiviert werde. Um diesem die nach seiner Auffassung richtige Weihe zu verpassen, gab er sich selbst den Namen „Größter und göttlicher Augustus". [27] Niemand hat je erfahren wie viele Menschen durch diesen Feldzug und die dann folgenden Kriege Unheil und Drangsal, ja sogar Krankheit und Tod erlitten haben - vielleicht auch in den verschenkten Ortschaften?
Im August 1005 war es dann soweit. Im Tal der Kleinen Elster, am südlichen Rande des heutigen Stadtteils Doberlug (damals „Dobraluh"), standen sich die Heere beider Kontrahenten gerüstet gegenüber. Heinrichs Truppen bestanden im Wesentlichen aus sächsischen und bayrischen Aufgeboten. Dazu kamen Kontingente der westslawischen Verbände aus dem Norden sowie der Tschechen, die sowohl gegen ihre eigenen Fürsten als auch gegen Boleslaw als den selbst ernannten Herzog von Böhmen opponierten. Thietmar von Merseburg berichtete: „Als der König alle seine ihm und Christus getreuen Vasallen auf Mitte August zum Kriegzuge entbot, ließ er der […] Empörung freien Lauf, um die wütende Feindschaft des anmaßenden Boleslaw zu bändigen". [28]
Heinrich zählte auf das Bündnis mit den Redariern und Liutizen, um den polnischen Herzog zum Nachgeben zu zwingen. Durch äußerst freundliche und angenehme Geschenke, so Thietmar weiter, konnte er die „Heiden" zu einem Zusammengehen überreden, und weitere Missionstätigkeit war von nun an verboten, was ihm seitens einiger Fürsten, wie des Sachsenherzogs arg verübelt wurde. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn die Expansion nicht hier, sondern im Norden vorangetrieben worden wäre. Dennoch besaß Heinrich keine Skrupel, sich trotzdem mit „Heiden" gegen die christlichen Polen zu verbünden. Noch während der Kriege kritisierte Brun, der Bischof von Querfurt, in scharfer Form Heinrichs Politik gegenüber Polen. 1008 bezeichnete er in einem langen Brief an Heinrich 1008 das Bündnis mit den heidnischen Liutizen gegen den christlichen Herzog von Polen als eine Sünde, die sofort zu beenden sei. Nach seiner Meinung sei es Heinrich gar nicht um das Christentum gegangen, sondern um den honor secularis, die weltliche Ehre, und nur deshalb würde er mit Hilfe von Heiden in das christliche Land einfallen. In den eindringlichen Mahnungen Bruns an Heinrich II. wird auch das Hauptproblem seiner Haltung angesprochen: „Sei auf der Hut, o König, wenn du immer alles mit Gewalt machen willst, niemals aber mit Barmherzigkeit" [29] Lediglich Thietmar von Merseburg feierte Heinrich als Herrscher, der dem Reich Frieden und Recht zurückgebracht hätte. Zugleich mahnte er seine Sachsen, sie mögen sich nicht von der Religion und dem Kult der Barbaren vereinnahmen lassen, sondern nut brav den Geboten der Heiligen Schrift folgen.[30]
Aber auch die Reichstruppen legten zum großen Teil die Haltung des Königs als Verrat aus, sie moppten die Slawen und folgten seinen Befehlen nur widerwillig. Doch auch den Slawen war wenig an diesem Krieg gelegen. Einerseits mochten sie nur ungern auf christlicher Seite gegen einstige Glaubens- und Stammesverwandte kämpfen, aber andererseits sahen sie in den Polen wegen ihrer Haltung von 983 immer noch Verräter.[31]
Was dann aber bei den Truppen des Königs und seinen Verbündeten keiner vermutet hatte: die erwartete Entscheidungsschlacht blieb aus - warum, ist wie Vieles nicht geklärt. Über die militärische Stärke beider Seiten halten sich die Quellen bedeckt. Thietmar verweist auf den schlechten Zustand des Umfeldes - die Gegend sei sumpfig und schwer zugänglich gewesen, und außerdem seien die Kräfte beiderseits wohl als nicht ausreichend eingeschätzt worden.[32] Zudem fürchtete er im Osten die Heere der Rus, mit deren Fürsten sich Heinrich II. bereits gegen ihn verständigt hatte. Aber anstatt die Schlacht zu beginnen oder sich den Truppen der Rus entgegenzustellen, zog er sich mit seinem Heer rasch nach Böhmen zurück. Heinrich folgte ihm, besetzte Prag und entzog ihm Böhmen als Lehen. Danach durchquerte er die Lausitz und erreichte im Sommer 1006 Posen. Der dort 1007 geschlossene Friedensvertrag hielt aber nicht lange und blieb ohne Wirkung. Boleslaw erneuerte sein Heer, vertrieb die gegnerischen Truppen, besetzte Magdeburg und erzwang die Wiederherausgabe der Lausitz, was aber nicht hieß, dass die Abtei Nienburg auf ihre Schenkung verzichten musste. [33] Nachdem der König von Boleslaw zum Rückzug gezwungen worden war und unter anderem auch die Burg Bautzen wieder aufgeben musste, rief er im Jahre 1010 zu einem neuerlichen Feldzug auf. Diesmal versammelte er seine Truppen bei Belgern in der Nähe von Torgau. Dort erkrankte er und kehrte in Begleitung einiger Bischöfe nach Sachsen zurück. Das zurückgebliebene Heer verwüstete daraufhin die Lausitz, ehe es ebenfalls den Heimzug antrat.
Einen weiteren königlichen Vorstoß nach Osten vermochte Boleslaw ebenso rasch abzuwehren. 1013 wurden ihm im Frieden von Merseburg die Lausitz, das Land der Milzener und Meißen als Reichslehen übertragen. Dennoch flammten die Kämpfe immer wieder auf. Endlich feierte sich Boleslaw als Sieger. Als es 1018 in Bautzen zum endgültigen Friedensschluss kam, wurden ihm in aller Form der Besitz der erbittert umkämpften Gebiete sowie der Mark Meißen zugestanden. Für Heinrich II. dürfte es mit dem erflehten göttlichen Segen also wohl nicht weit her gewesen sein. Er starb 1024. Stefan Weinfurter nannte ihn „Herrscher am Ende der Zeiten", „der die Macht an sich riss".[34]
Boleslaw bemühte sich in den letzten Jahren seines Lebens vor allem um die Verbesserung seiner Beziehungen zu den Herrschern der Rus. Seinen Sohn Mieszko betraute er mit diplomatischen Aufgaben. Vergeblich bemühte er sich ein letztes Mal, neben den Polen alle Westslawen - auch die Tschechen und Slowaken - in einem großen Reich zu vereinigen. Um aber zunächst seine Macht über die Lausitz zu bewahren, nahm er endlich die Witwe seines früheren Verbündeten in Meißen zur Frau, und schließlich vermählte er einen seiner Söhne mit einer russischen Prinzessin. [35]
Zum Höhepunkt seiner Karriere aber gelangte Boleslaw, als 1025 sein Land zum Königtum und er selbst in seiner Hauptstadt Gnesen zum König erhoben wurde. Aber zu der Zeit regierte bereits ein neuer König das Reich: Konrad II. (1024 – 1039). Als Monarch symbolisierte er nun die Einheit und Unabhängigkeit Polens sowie dessen Positionen inmitten des sich damals in Europa herausbildenden Staatengefüges, insbesondere aber gegenüber dem Reich. Den Größen Europas gegenüber fühlte er sich nun durchaus ebenbürtig.
Allerdings vermochten es seine Nachfolger nicht, an seine und seines Vaters Erfolge anzuknüpfen. Sohn Mieszko II. (1025 – 1034) musste in Kriegen gegen die Rus herbe Verluste hinnehmen. Er überwarf sich mit seinen Brüdern, die - ähnlich wie einst ihre Verwandten in Prag - an der Macht teilhaben wollten. So kam er nicht umhin, dem Kaiser um die Schlichtung anzugehen. Auf dessen Drängen entsagte er 1031 der polnischen Königswürde. [36] Die Lausitz wurde ihm entzogen und 1036 von Konrad II. den Wettinern verpfändet. Fortan stand Triebbus wie alle Ortschaften in der Lausitz lange Zeit quasi unter sächsischer Herrschaft - bis 1818 ihre Nordhälfte preußisch wurde.
Die betroffenen Ortschaften danach
In Bezug auf Trebbus, wie sich der Ort heute nennt, kann man davon ausgehen, dass der Schenkungsakt von 1004 am Anfang der Wiederaufnahme feudaler Expansion nach Osten eine wichtige Rolle gespielt hat. Besser müsste es heißen - mit ihm und vielen anderen Ortschaften wurde eine Rolle gespielt - oft waren es blutige Spiele. Die Schenkung selbst könnte man als Glied einer Kette von Ereignissen werten, die die Wiederaufnahme an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend bewirkten. Weiterer Forschung wird vorbehalten bleiben, noch genauer zu ermitteln, was zu jener Zeit im und um den Ort konkret geschah. Deutschstämmige sind in größerer Zahl wohl erst im Zuge der zweiten Expansionswelle hinzugekommen. Diese hatte hier im 13. Jahrhundert eingesetzt und währte bis in das 14. Jahrhundert. Zu den Familien wie Drößigk, Manigk und anderen gesellten sich solche, die Ritter, Schmidt, Müller usw. hießen. Letztere folgten den Rufen der Markgrafen von Brandenburg und den Herren der Lausitz. Lokatoren vermaßen und vergaben die Ländereien für Gehöfte und Fluren. Unter der Ägide des Klosters Dobrilugk wandelte sich Triebus in ein Angerdorf und wurde völlig neu gestaltet. Die Ostexpansion mutierte zur Ostkolonisation.
Zudem kann man annehmen, dass sich die sorbischen „Alteingesessenen" recht aktiv an der Kolonisation beteiligten und sich ebenfalls in der Neuanlage niederließen. Das „alte Dorf" und das, was von der Burg übrig war, wurden auf- und dem Verfall preisgegeben. Allmählich verschmolzen die Angehörigen beider Volksgruppen zu einer ethnischen Einheit; gemeinsam – vielleicht manchmal auch gegen- oder miteinander - wurden sie während einiger Jahrhunderte zu Deutschen. Seit dem zeichnen sie sich in besonderer Weise durch Heimattreue und Heimatverbundenheit aus. Lange pflegten Ausgewanderte die Kontakte zu ihren „der heeme" gebliebenen Verwandten; Fremde müssen sich zumeist erst eingewöhnen und „bewähren", um von der Gemeinschaft akzeptiert und geachtet zu werden. Dann aber gehören sie dazu.
Nach dem Treffen der Heere von 1005 wurde es um Dobralu lange Zeit still, bis schließlich 1165 durch den Wettiner Markgrafen Dietrich von Landsberg das Zisterzienserkloster gestiftet wurde. Der spätere Name „Dobrilugk" blieb der Ansiedlung bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten. Unfähig, dessen slawischen Ursprung hinwegzuwischen, machten die Nazis 1937 deutschtümelnd „Doberlug" daraus.
Offen bleibt, ob der Ort zur Zeit seiner Ersterwähnung eine Civitas, ein Oppidum, eine Villa oder eine Urbs war. Ein Castrum ist in jedem Fall auszuschließen, da entsprechende Spuren nicht hinterlassen sind. Die Autoren der Festschrift behalfen sich mit dem Begriff „Siedlungskammer", wobei sie aber auch danach fragten, ob und wie hier oder in größerer Nähe 1005 tatsächlich die Heerscharen mehrerer Fürsten untergebracht und versorgt werden konnten - da aber Sommer war, wäre dies trotzdem möglich gewesen.
Danach blieb seine eventuelle Entwicklung wieder im Dunklen. Erst als der damalige Markgraf Dietrich von Landsberg das Kloster stiftete, machte Dobraluh wieder von sich reden (die Gründung soll exakt in jener Waldlichtung erfolgt sein, in der sich 1005 die Heere der Fürsten zum Waffengang präpariert hatten) - ab nun wie von Walter von der Vogelweide um 1210 besungen - als Toberlu. [37]
Die Entwicklung der Siedlung selbst vollzog sich unter der Herrschaft der Wettiner recht langsam [38] - ihr eigentlicher Beginn als Angerdorf ist im Groben noch heute zu erkennen. Auf das Stadtrecht mussten seine Bewohner bis 1664 warten.
Im Unterschied zu Doberlug hat das Kloster Nienburg die Zeiten nicht schadlos überstanden. Anfangs wurde es des Öfteren von aufständischen Slawen überfallen - letztmalig wohl 1115. Etwa 50 Jahre später geriet es in einen regelrechten regionalen Machtkampf zwischen Askaniern und Wettinern, den zu schlichten sowohl Papst Alexander III. als auch Kaiser Friedrich I. Barbarossa sich vergeblich mühten.
Gegen Ende des 12. Jahrhundert wurde es vom Magdeburger Erzbischof eingezogen. Damit verlor es seine Reichsunmittelbarkeit. Im Zuge der Reformation und des Bauernkrieges wurde das Nienburger Kloster 1525 von Aufständischen gestürmt. 1563 ging es in den Besitz der Fürsten von Anhalt-Köthen über. Während der bis 1690 andauernden Kämpfe diente das erneuerte Hauptgebäude als Schloss und Witwensitz. 1871 wandelte es ein Industrieller in eine Malzfabrik um. 1996 wurde es von einem Brand vernichtet. Auch die Klosterkirche hat in ihrer tausendjährigen Geschichte manches Drangsal erlitten. Seit 1034 oftmals zerstört, wurde sie aber immer wieder aufgebaut. So wahrt sie ihre Existenz bis heute. Aus der Weihezeit ist offensichtlich nur ein Portal erhalten geblieben. Der evangelischen Landeskirche Anhalts zugehörig, dient sie jetzt ökumenischen Zwecken. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich miteinander in Verbindung zu setzen und nach all den Jahrhunderten künftige Jubiläen gemeinsam zu begehen.
[1] Siehe „Festschrift Trebbus“. Trebbus 2004, S. 2, 6..
2 Siehe „Festschrift Doberlug“, S.15.
3 Siehe Widukind von Corway: Res gastae Saxonica. Übersetzt und herausgegeben von E. Rotter und B. Schneidmüller, Stuttgart o. J, S 132 f.
4 Siehe „Festschrift Trebbus“, a. a. O. S. 7.
5 Siehe Engel, Evamaria/Holz, Eberhard (Hrsg.) Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters, Leipzig, Jena, Berlin 2000. S. 46. :
6 Siehe I. Materna/W. Ribbe: Brandenburgische Geschichte. Berlin 1993. S. 76f.
7 Siehe Widukind: Rex gestae Saxonica. (übersetzt und hrsg. Von E Rotter und B. Schneidmüller), Stuttgart, durchgängig.
8 Siehe Materna, Ingo/Ribbe, Wolfgang (Hrsg.), a. a. O., S. 83f; „Festschrift Trebbus“, S.7.
9 Siehe Thietmar von Merseburg: Thietmari merseburgensi episcopi Cronico“ („Merseburger Chronik“), nach E. Engel/E. Holtz, a.a.o., S. 28.
10 Siehe E. Engel(E. Holtz, ebenda.
11 Siehe Widukind von Corvey, a.a.O., S. 110, 176 f., 181; E. Engel/ E. Holtz, a. a. O., S. 46; Meyers Digitales Lexikon, Stichworte „Burgward“, „Die Burgwardverfassung“, „Urbs“, „Castrum“.
12 Siehe www.kalbenburg.de.
13 Siehe I. Materna/W. Ribbe (Hrsg.): Brandenburgische Geschichte, a. a. O., S. 83f.
14 Siehe Widukind von Corwey, a. a. O., S.188f.
15 Siehe wikipedia.org.nienburg---kloster – Bedeutung, Besitz.
16 Siehe ebenda
17 Siehe Widukind von Corwey, ebenda, S. 133.
18 Siehe ebenda, S. 132f.
19 Nach Roland Gehrke: Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges. Marburg 2001, S. 130.
20 Siehe Gerd Althoff: Otto III. Darmstadt 1996, 1S. 19.,36-147.
21 Siehe u. a . Jerzy Topolski: Die Geschichte Polens. Warsszawa 2985. S.23f.
22 Siehe Johannes Ried, a. a. O., S. 86, 90, 97, 117, 118-122;
Michael Bogolte (Hg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“. Redaktion: Benjamin Scheller (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, Berlin 2002, S. 5..
23 Lexikon Mittelalter. Unter wikipedia.org.Heinrich II..
24 Siehe unter anderem rbb.online.de: Deutsche und Polen; www.bautzen.de/Geschichte
25 Siehe Fr. Chr. Schlossers Weltgeschichte. Für das deutsche Volk. 4. Band, 4. Ausgabe. Berlin 1885, S. 560f.
26 Siehe R, Gehrke. R.: Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, Marburg, 2001, S. 130.
27 Siehe B. Schneidmüller: Die Kaiser des Mittelalters, a. a. O. S. 36.
28 Siehe Thietmar von Merseburg: „Chronica“. Buch Thietmar V., prol. In: Thietmar von Merseburg: Chronik (= Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 9), Neu übertragen und erläutert von Werner Trillmich, Darmstadt 1957 (mehrere Neuauflagen) – auch 7 ausgeführt, siehe „Festschrift Doberlug“, a. a. O., S.15.in „Festschrift Doberlug“, a. a. O., S. 15.
29 Siehe Brun von Querfurt, Epistola ad Henricum regem, ed. Jadwiga Karwasińska (Monumenta Poloniae Historica IV/3), Warschau 1973, S.102.
30 Wie 28.
31 Von Thietmar in „ Cronicon..…ausgeführt, siehe „Festschrift Doberlug“, a. a. O., S.15.
32 Siehe ebenda. falsche Einschätzungen.
33 Zu den Kriegen um die Lausitz siehe Jerzy Topolski, a. a. O., S. 25 f.; E. Engel/E. Holtz, a. a. O.S.8; Wikipedia. Boleslaw Chrobry. Biographie,
34 Siehe Weinfurter, Bernd, ebenda.
35 Siehe Topolsky. Jerzy, ebenda.
36 Topolski Jerzy, ebenda., Schlosser, Friedrich Christoph, ebenda.
37 Siehe ebenda, S. 20f.
38 Siehe ebenda, S. 12ff.