Anneliese Braun:
Reinhold Kruppa: Lina Morgenstern – „Social couragiert und frauenbewegt“. Ein Berliner Lebensbild. Essay, GRIN – Verlag für akademische Texte, München und Ravensburg, 1. Auflage 2008, 228 Seiten
Reinhold Kruppa legt hiermit eine erste umfassende Biographie über Lina Morgenstern vor, die im 19. Jahrhundert in Berlin als bürgerliche Kämpferin für die Gleichstellung des weiblichen Geschlechts praktische Frauenbewegungen lange Zeit prägte und über die Stadt hinaus streitbar politisch agierte. Teildarstellungen ihres Wirkens liegen bekanntlich mehrere vor. Die Schriftsteller Wolfgang Lohmeyer („Das Glück der Lina Morgenstern“) 1987 und Heinz Knobloch („Berliner Grabsteine“) 1991 regten damals eine Biographie an. Heinz Knobloch veröffentlichte 1997 „Die Suppenlina. Wiederbelebung einer Menschenfreundin“. Kruppa liefert jetzt eine Gesamtdarstellung, die Morgensterns unruhevoller und stets widersprüchlicher Entwicklung von der „Suppenlina“ zur „Mutter der Volksküchen“, der Schriftstellerin bis zur eigensinnigen, für Demokratie und Friedenserhaltung eintretenden jüdischen Frauenpolitikerin wohl gerecht wird.
Kruppa legt viel Wert darauf, Morgenstern in ihren Anliegen, ihren Bedingungen und Möglichkeiten zu verstehen, besonders durch anschauliche, verständliche Darlegungen, durch umfangreiche Textauszüge aus ihren Schriften. Wem das vielleicht im vorderen Teil manchmal zu sehr ins einzelne geht, der kann und wird bewusst auswählen. Zeitgenössische Entwicklungen bilden immer den Hintergrund, der die Aktivitäten Morgensterns erkennbar prägte, wie der Zustrom von freigesetzten Menschen aus den ländlichen Gegenden nach Berlin, die Notlagen wenig und nicht vermögender Menschen im Gefolge der Wirtschaftskrise von 1866, die Folgen von Kriegsvorbereitung und Krieg für die Arbeiterbevölkerung und den Mittelstand, aber auch antisemitische Anfeindungen, die Morgenstern (und nicht zu vergessen, ihren Ehemann und ihre Kinder als ständige Unterstützer) aber keineswegs von ihren Aktivitäten abhalten konnten.
Kruppa charakterisiert Morgensterns Wirken im Vorwort: „ ... Sie entwickelte vor allem Sinn für Praktisches und Effektvolles. Wenn andere noch Strategien ertüftelten, übte sie sich längst in real auszuübender Kindererziehung und emsiger Wohltätigkeit. So wurde sie in Berlin zur Institution.....“ (Kruppa, 6). Kruppa über ihre Tätigkeitsbereiche: „Ehefrau, Mutter und Erzieherin, Köchin, Lehrerin und Chefin, am liebsten resolute Vorreiterin und rettender Engel in der Not“ (Kruppa, 6). Kruppa räumt aber auch ein: „Mag vieles von dem, was sie dachte und tat, illusionär gewesen und unter heutiger Sicht vielleicht sogar kleinbürgerlich-bieder – um nicht zu sagen antiquiert – anmuten“ (Kruppa, 7). Dennoch belegt seine Biographie, dass Morgensterns Wirken manche aktuellen Anregungen geben kann.
Das Buch von Kruppa ist weitaus mehr als eine wichtige Bereicherung der Berliner Lokalgeschichte, ein sehr begrüßenswerter Beitrag zum 100. Todestag von Lina Morgenstern am 16. Dezember 2009. Es berührt Grundanliegen der bürgerlichen wie der proletarischen Frauenbewegung, die größtenteils auch heute noch einer Lösung harren.
Morgenstern ging davon aus, dass die wirtschaftlichen Umbrüche des 19. Jh. Frauen dazu zwangen, sich neue Positionen zu erarbeiten. Während Louise Otto-Peters und ihr Nahestehende sich besonders um politische Aufklärung und Agitation zugunsten von Arbeitsplätzen, Bildung und Höherqualifizierung für früher noch im Familienverbund tätige unverheiratete Frauen und von Frauen-Erwerbsarbeit generell sorgten, schloss Morgenstern diese Fragen zwar auch mit ein, erweiterte aber das Anliegen auf die Bewältigung der unbezahlten Hausarbeit und Kindererziehung selbst.
Kruppa konzentriert sich bei seiner einprägsamen „Wiedererweckung“ auf Schwerpunkttätigkeiten von Morgenstern, die meist noch lange nachwirkten und es wert sind, der Vergessenheit entrissen zu werden.
Erstens: Unter der Überschrift „Kommt lasst uns unseren Kindern leben“ (Kruppa, 15) wird deutlich, wie Morgenstern besonders die Fröbelschen Ideen, aber auch die von Pestalozzi nutzte, um Anforderungen nachzukommen, welche sich aus den neuen gesellschaftlichen Rollen der Geschlechter ableiteten. Bedingt vor allem durch die Ausserhaus-Arbeit der Männer, wurden Frauen zum großen Teil allein oder überwiegend für die Erziehung der Kinder verantwortlich. (Morgenstern war u. a. Mitbegründerin des Vereins für Volkskindergärten, schrieb ein Lehrbuch über Fröbels System der Kindererziehung und viele Kinderbücher.) Über die Probleme der Kindererziehung kam Morgenstern zu den Frauenfragen.
Zweitens: Die Frauenfrage erwies sich vor allem in Notzeiten nicht allein in den Arbeiterfamilien als „Magenfrage“ (Kruppa, 30). Morgensterns praktischer Sinn richtete sich deshalb zuerst und langjährig sehr erfolgreich auf die Initiierung und Leitung der „Volksküchen“ (Kruppa, 30ff.). Diese zielten auf eine Milderung des durch Wirtschaftskrise hervorgerufenen und kriegsbedingten Notstands. Sie dienten auch für die Soldatenspeisung während des Krieges 1870/71 und für die Speisung französischer Kriegsgefangener. Dabei überbordende patriotische Bekundungen überwand Morgenstern später. Wenn es ihr auf Spenden für die Volksküchen ankam, war sie nicht wählerisch – so entwickelte sie einen regelrechten „Augustakult“ um die Kaiserin Augusta, die mit Protektion und Spenden vor allem die Volksküchen bedachte.
Anhand ihrer Anforderungen an die Volksküchen entwickelte Morgenstern eine Reihe von Kriterien, die nach dem Vorbild der Werkverpflegung von Egestorff auf Vorzüge der industriellen Massenproduktion setzten und auf Profit verzichteten: „Muster moderner Volksernährung“; mit reichlicher, nahrhafter und wohlschmeckender Kost, die bezahlbar war – zum Selbstkostenpreis, für alle Berliner, die in Not waren. Besser und billiger als in Familien und in Gaststätten. Massenspeiseanstalten könnten „wirklich Gutes billig!“ und wirklich Billiges „gut beschaffen“. Strengste Sparsamkeit galt in den Küchen (Kruppa, 45). Ehrenamtlich tätige bürgerliche Frauen sorgten für Aufsicht und Kontrolle. Krankengeld, Prämien und Pensionen für die Beschäftigten beruhten auf Stiftungs- und Schenkungskassen (Kruppa, 161). Die Volksküchen regten zu zahlreichen Nachahmungen an und sie erhielten viele Medaillen bei nationalen und internationalen Ausstellungen, wie bei den Internationalen Frauenkongressen in Paris und Chicago. Obwohl zeitbezogen, sprach Morgenstern dennoch bereits Fragen an, die auf Erhaltung von Lebensgrundlagen gerichtet waren und die es verdienen, wieder beachtet und entsprechend den gegenwärtigen Anforderungen neu durchdacht zu werden.
Drittens: Die Arbeit mit den Volksküchen konfrontierte Morgenstern mit unzähligen sozialen und wirtschaftlichen Problemen, sodass sie ihr praktisches Tätigkeitsfeld ständig erweiterte. Morgenstern betrieb die Gründung des Berliner Hausfrauenvereins (1873). Er sollte einen preiswerten Einkauf für Mitglieder ermöglichen. Der Verein wandte sich wider betrügerischen Handel und nutzte wissenschaftliche Ergebnisse von Warenkontrollen – ein früher Vorläufer der Stiftung Warentest? Ab 1874 gab Morgenstern „Die deutsche Hausfrauenzeitung – Organ der Frauenwelt“ heraus. 1876 gründete sie eine „wirtschaftliche Fortbildungsschule für Dienstboten“, als Versuch einer regelrechten Lehrausbildung mit Abschlusszertifikat. Im Jahre 1878 gründete Morgenstern eine Kochschule – mit Mittagstisch. Morgensterns Ratschläge für Haushalt, Küche und Kindererziehung blieben über Jahrzehnte sehr gefragt und es mussten immer wieder Nachauflagen erscheinen. Ihr „Universal-Kochbuch für Gesunde und Kranke“ erlebte 12 Auflagen, ehe die Nazis es aus der Öffentlichkeit verbannten. Das gleiche galt für die Anleitungen zur Führung der Volksküchen u. v. a. m.
Viertens: Morgenstern lernte schon früh, dass Frauen- und soziale Interessen gegen die oft immensen Widerstände nur über den politischen Kampf durchzusetzen waren. Nach zunächst vorwiegend lokalen politischen Aktivitäten stieg sie schließlich in die allgemeine politische Frauenbewegung ein, wurde Mitglied im ADF (Allgemeiner Deutscher Frauenverein) von Louise Otto-Peters und dessen Präsidiums. Sie grenzte sich sowohl von den „Vaterländischen“ als auch von den Sozialdemokratinnen ab, strebte für politische Demokratie und Zusammenarbeit von Frauenorganisationen.
Morgenstern interessierte sich für den Kern der Frauenfrage, trat gegen konservative Attacken auf, für Bildung und Weiterbildung von Frauen nicht nur ihrer Schicht, sondern auch der Arbeiterinnen. Ihre Erfahrungen mit der Frauenbewegung hielt sie schriftstellerisch fest. Unter der Überschrift „Deftiges von einer Andersdenkenden“ (Kruppa, 148) beschreibt Kruppa die Kritik Clara Zetkins am Buch von Morgenstern „Die Frauen des 19. Jh.“: „Unsere Lina Morgenstern und Comp. entfalten die energischste Tätigkeit, wenn es sich darum handelt, die ‚allerhöchste Protektion’ einer ‚allerhöchsten’ Persönlichkeit zu erbetteln.“ Damit hatte Zetkin im Grunde genommen Recht, Morgenstern aber empfand es als Diffamie.
Der von Morgenstern und ihren Unterstützerinnen ohne offizielle Beteiligung des ADF und des BDF (Bund Deutscher Frauenvereine, 1894 von bürgerlichen Frauenorganisationen gegründet) initiierte und vorbereitete „Internationale Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ 1896 in Berlin wurde ein großer Erfolg, ein erster internationaler Frauenkongress in Deutschland. Alle Richtungen und alle das Gemeinwohl fördernden Bestrebungen sollten vertreten sein (Kruppa, 177). Morgenstern gab als Ziele aus: Harmonie in den Frauenbestrebungen aller Länder, Gerechtigkeit für alle, Befreiung der Frauen von Engherzigkeit, Vorurteilen, Unwissenheit und Zurücksetzung, gesetzliche Gleichstellung beider Geschlechter, friedliches und gleichberechtigtes Arbeiten in der Gemeinsamkeit, freie Selbstbestimmung im Recht auf Arbeit, Berufswahl und Bildung, Anerkennung einer Moral, einer Sittlichkeit für alle. Sicherlich hat Morgenstern hierbei weitergehende Voraussetzungen für eine Verwirklichung dieser Ziele nicht berücksichtigt, aber auch so gaben sie ein weites Betätigungsfeld für Frauenbewegungen an, das bei weitem noch nicht ausgeschritten war und sich von Frauengruppe zu Frauengruppe immer mehr differenzierte. Dabei stießen die 1896 vom Reichstag beschlossenen Veränderungen im BGB zu Lasten der Rechte verheirateter Frauen auf entschiedenen Protest. Marie Stritt (ADF und BDF), die wiederholt gleichen Lohn für gleiche Leistung forderte, vertrat die Auffassung, man müsse von Engländerinnen lernen, die „Arbeiterfrage“ nicht als eine politische, sondern als eine wirtschaftliche zu betrachten (Kruppa, 183). Damit sprach sie ein berechtigtes Problem an, aber auf wiederum einseitige Art, das wohl bis heute noch nicht zu Ende gedacht ist und das sich damals in sachlichen Auseinandersetzungen mit Sozialdemokratinnen auf dem Kongress entlud (vgl. „Nur keinen Streit vermeiden!“, Kruppa 184ff.). Als die Sozialdemokratinnen Lily Braun, Clara Zetkin und Emma Ihrer – die sich vom Kongressanliegen distanzierten - entgegen der Ankündigung ihres Fernbleibens doch auf dem Kongress erschienen, entbrannte ein Streit um unterschiedliche Positionen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung. Lily Braun z. B. bezeichnete die Tätigkeit der bürgerlichen Frauenbewegung abschätzig als “Damenfrage” (Kruppa, 185); wer sich der Frauenfrage wahrhaftig zuwenden wolle, müsse sich der Sozialdemokratie anschliessen - was die anderen wiederum als Affront auffassten. Clara Zetkin bezog sich auf Berührungspunkte beider Bewegungen, die sich im Streben nach Reformen ausdrückten, „die darauf abzielen, der Geschlechtssklaverei des Weibes ein Ende zu bereiten“ (Kruppa, 185). Weitere Gemeinsamkeiten konnte sie jedoch nicht entdecken und forderte die bürgerlichen Frauen auf, sich den sozialdemokratischen Forderungen anzuschließen, wie dem konsequenten Kampf für das Frauen-Stimmrecht und den Weg des Klassenkampfes – nicht der Harmonie (hier wohl direkt gegen Morgenstern) - , also für vollkommene politische Gleichberechtigung, Abschaffung der Gesindeordnung, Steuerreform und Achtstundentag (Kruppa, 185/186). Die dramatische, aber sachliche Diskussion zwischen sozialdemokratischen und bürgerlichen Frauen auf dem Kongress in Berlin 1896 sollte später als eine Sternstunde in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung bezeichnet werden (Kruppa, 191), wirkte aber nicht gegen ein weiteres Auseinanderdriften der Frauengruppen.
Morgenstern wandte sich ab etwa 1893 der Friedensbewegung zu, die von Bertha von Suttner geprägt wurde (Kruppa, 170/172). Die Friedensbewegung korrespondierte für sie mit der Verantwortung der Frauen vor dem Leben (Kruppa, 172).
Vor allem mit ihrem politischen Herangehen zog Morgenstern reichliche und heftige Kritik nicht nur von den sozialdemokratischen Frauen, sondern auch aus ihrem eigenen Lager auf sich. Dabei kann es nicht darum gehen, ob Morgenstern im einzelnen jeweils Recht hatte oder nicht. Es geht um ihren Ansatz für frauenbewegte Aktivitäten, der sich etwas zugespitzt gesehen, sowohl von dem des ADF als auch von dem der sozialdemokratischen Frauen unterschied - sich daneben wieder teilweise mit diesen vermischte. Morgenstern verschaffte sich nämlich einen unmittelbaren Zugang zu den Frauenproblemen, die sich aus der jeweiligen familiären und gesellschaftlichen Position der Frauen aus der Gemengelage von Patriarchat und Klassenverhältnissen heraus ergaben. Während sozialdemokratische Frauen das Patriarchat vor allem über Teilnahme an der Erwerbsarbeit bekämpfen wollten und die Klassenverhältnisse dabei in den Vordergrund rückten, konzentrierte sich Morgenstern auf die unmittelbare Reproduktionsarbeit selbst, die Frauen in der Regel unbezahlt auf Grundlage von patriarchalischen Abhängigkeitsverhältnissen zu verrichten haben und die natürlich unter jeweiligen Klassenpositionen organisiert war. Diese vertrackte Gemengelage – die eigentlich nur in ihrer Komplexität Wege aus der patriarchalischen Diskriminierung weisen konnte – ging jedoch in der Frauenbewegung – damals wie heute meist wieder – kaum jemand an. Überwiegend wurde unbezahlte Reproduktionsarbeit der Hausfrauen abgewertet, galt vielen als rückständig (vgl. u. a. Simone de Beauvoir oder die bekannten Streitigkeiten zwischen „Müttern“ und „Nicht-Müttern“ in der Partei der Grünen). Erwerbsarbeit stand im Zentrum, da sie Zugang zu Waren versprach, von deren größerer Verfügbarkeit hpts. die Verbesserung der Lebenslage der Arbeiterklasse abhängig war. Folglich dominierte auch in der Frauenfrage als Arbeiterinnenfrage der Nur-Klassenansatz, obwohl ganzheitlich gesehen, Patriarchat und Klassenzugehörigkeit für die gesellschaftliche Stellung der Frauen bestimmend waren, Wege zur Gleichstellung überhaupt erst aus dieser Einheit heraus gesehen werden konnten. Jede der beiden Seiten, die bürgerliche wie die proletarische, hatte z. B. 1896 auf dem Frauenkongress in Berlin einen anderen Zipfel des Problems in der Hand, aber sie konnten diese nicht zueinander bringen. Morgenstern wiederum fand ebenfalls nicht zu einem ganzheitlichen Ansatz, sondern setzte stattdessen Ethik vor Klassenverhältnisse (Kruppa, 169). Morgenstern ging es darum, unmittelbare Reproduktionsarbeiten derart zu gestalten, dass sie so gut wie irgend möglich dem Leben dienten. Was sie dazu zählte, vervollkommnete sie im Laufe der Zeit. Damit hatte sie einen entwicklungsfähigen Zipfel in Richtung von potenziell emanzipatorischen Richtungen erfasst, stand damit aber im Gegensatz zum damaligen Mainstream in der bürgerlichen wie in der proletarischen Frauenbewegung. In diesem Sinne war ihr schließliches Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, ihrem anderen, relativ eigenständigen Profil in der Frauenfrage geschuldet, das es verdient hätte, mit dem Erwerbsarbeitskonzept zusammengedacht und weiterentwickelt zu werden. Später zielten Vorstellungen anderer Frauen über eine Aufwertung der unbezahlten Reproduktionsarbeit bekanntlich meist in eine konservative Richtung (wie mit Lohn für Hausarbeit, Maßnahmen zur Förderung des Nur - Hausfrauendaseins). Gerade heute, wo es darum geht, auch von der unmittelbaren Reproduktionsarbeit aus auf die Erhaltung von Lebensgrundlagen zu wirken und die Produktion dementsprechend umzubewerten und umzuorientieren, werden viele ihrer Überlegungen unter anderen Bedingungen wieder aktuell. Das zeigen Beispiele aus ihren Hauptprojekten ganz deutlich, mit denen sie langjährige Erfolge, Nachahmungen und internationale Anerkennung erlangte – die von Kruppa sehr detailliert und einfühlsam vorgestellt werden.
Sowohl in der bürgerlichen wie in der sozialdemokratischen Frauenbewegung wurden Morgensterns bleibende Verdienste vor allem an den Volksküchen festgemacht. Dass sie trotz ihrer in Vielem konservativen Einstellungen, in einer bürgerlichen Verbrämung bereits verhältnismäßig früh Fragen der Bewertung, Gestaltung und Orientierung der unmittelbaren Reproduktionsarbeit in Richtung von Lebensgrundlagen angesprochen hatte, wurde ihr weder von der einen noch von der anderen Seite zugute gehalten. Diese wohl ihrer Zeit vorauseilenden und damals leider nicht aufgegriffenen Vorstellungen verdienten heute mehr als eine zeithistorische Würdigung.