Helmut Meier:

           

Zum Umgang von Hannah Arendt mit Geschichte

 

Die Werke von Hannah Arendt in ihrer Gänze lassen deutlich erkennen, dass wir es bei ihr mit einer äußerst vielseitigen Denkerin zu tun haben, die sich aber in erster Linie nicht als Historikerin betrachtete. Die Hauptfelder ihrer Arbeit lagen auf philosophischem und politikwissenschaftlichem Gebiet. Da sie jedoch zugleich der festen Überzeugung war, dass sich politisch-theoretische Probleme nur in Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen und Vorgängen angemessen untersuchen und darstellen lassen, gibt es unzählige Berührungspunkte zur Arbeit der Historiker. Das rührt nicht zuletzt daher, dass in ihrem Werk der Erfahrungsbegriff eine zentrale Rolle spielt. So sind sich die meisten Autoren, die sich mit ihrem Werk auseinandergesetzt haben, darin einig, dass sowohl thematisch als auch inhaltlich ihre zeitgenössischen Erfahrungen ihre ganze Lebensarbeit bestimmt haben.[1] Ihre Schriften sind daher eine subtile Reflexion über die erlebten Ereignisse und Prozesse des vergangenen Jahrhunderts. Sie setzen sich immer wieder mit Antisemitismus, Imperialismus, Faschismus und Stalinismus, aber auch Prozessen der Nachkriegsgeschichte und den aus der Existenz der Nuklearwaffen erwachsenden Gefahren für die Menschheit auseinander. Stark bewegte sie der aktuelle Zustand der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Verfasstheit. Dabei verbindet sich deutlich die persönliche Betroffenheit der Zeitgenossin mit der analytischen Durchdringung einer reflektierenden Wissenschaftlerin. Claudia Althaus traf die Feststellung: „Mit ihrer Behauptung der Erfahrungsgebundenheit allen Denkens nimmt sie nicht nur eine programmatische Bestimmung ihres eigenen Denkens vor, sondern formuliert damit gleichzeitig eine Kritik an spekulativen Formen des Denkens.“[2]

Allgemein gesprochen, offenbart ihr Werk, welche Wirkungsmacht von den „historischen Grunderlebnissen“ für die Haltung von Menschen zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt ausgeht. Eine Erkenntnis, auf die die DDR-Wissenschaft bei Forschungen über das Geschichtsbewusstsein ebenfalls gestoßen ist. Mit diesem Begriff wurde seinerzeit die Erscheinung benannt, dass bestimmte historische Ereignisse, Erscheinungen, Entscheidungen oder Erlebnisse einen nachweislich prägenden Einfluss auf die Haltung zur gesellschaftlichen Umwelt erlangen können, so dass davon auch die Bewertung nachfolgender Ereignisse und Prozesse bestimmt wird.

Ihre persönliche Betroffenheit als deutsche jüdische Wissenschaftlerin hat Hannah Arendt sehr früh auf das Anliegen verwiesen, sich mit dem deutschen Faschismus und dem von ihm vertretenen und praktizierten barbarischen Rassismus auseinanderzusetzen. Und an dieser Stelle lässt sich schon einmal grundsätzlich anmerken, dass es auf diesem Gebiet zwischen allen, die eine konsequent antifaschistische oder antinazistische Position vertreten, sehr viele Gemeinsamkeiten mit den Auffassungen Hannah Arendts gibt. Obwohl es  durchaus auch gewichtige Differenzen in Einzelfragen gibt, lässt sich gewissermaßen von einem  „antinazistischen Grundkonsens“ sprechen.

Und vielleicht ist gerade deswegen diese Thematik besonders geeignet, über die Frage des Umgangs mit Geschichte bei Hannah Arendt aus marxistischer Sicht zu reflektieren, und zwar auch aus dem Blickwinkel, inwiefern ihr Herangehen und ihre Überlegungen Anregungen für die Auseinandersetzung mit Geschichte durch die Historiker vom Fach vermitteln und wo kritische Einwände geltend gemacht werden müssen.

Wiederholt spricht sich Hannah Arendt für eine eingehende konkrete Aufarbeitung von Geschichte aus. Ihr Erfahrungsbegriff bedeutet die Respektierung der Einzelheit sowohl im Faktischen als auch in der subjektiven Reflexion. Dem wird jeder Historiker als einem Anliegen seines wissenschaftlichen Anliegens zunächst einmal durchaus beipflichten können. Allerdings wird er dabei nicht stehen bleiben  können. Wie jede Wissenschaft strebt auch die Geschichtswissenschaft danach, Zusammenhänge aufzudecken, nach Ursachen für Ereignisse und Erscheinungen zu suchen und Aussagen über mögliche Folgen von Entscheidungen zu treffen, d. h. ein unerlässlicher Bestandteil historischer Forschung ist es, zu Verallgemeinerungen vorzudringen, durch die historische Einzeltatsachen, bzw. Erfahrungsgehalte miteinander verknüpft und schlüssige Erklärungen gewonnen werden. Ohne eine solche Analyse, Unterscheidung und Verknüpfung von Einzelheiten würde die Geschichte zu einem unentwirrbaren Chaos von isolierten Fakten werden.  Die strikte Abneigung Hannah Arendts gegenüber historischen Verallgemeinerungen, die Claudia Althaus mit den Worten kennzeichnet: „Ein streng an Theorien orientiertes, auch ein spekulatives und streng systematisches Denken und entsprechende philosophische Denkansätze werden von ihr kategorisch abgelehnt, weil sie Erfahrungen nicht ausreichend berücksichtigen und Ausschlüsse produzieren.“[3]

Einen solchen einseitigen Standpunkt kann eine marxistisch orientierte Geschichtsbetrachtung nicht teilen. Geschichtsphilosophische bzw. theoretische Reflexionen und Konzeptionen müssen keineswegs Konstruktionen sein, durch die die geschichtliche Realität auszeichnende Konkretheit und Spontaneität verdeckt, wenn nicht gar verfälscht wird.  Vielmehr ist es so, dass Verallgemeinerungen auf der Basis der Analyse, des Vergleichs und der Unterscheidung einer Vielzahl von Einzeltatsachen gewonnen werden. Ihr Gebrauch als heuristisches Instrument gegenüber geschichtlichen Erscheinungen stellt zugleich auch immer eine Form der Überprüfung ihres Wahrheitsgehaltes dar, in deren Folge sie bestätigt, verfeinert, korrigiert oder sogar verworfen werden können. Sie stehen also im Dienste der Annäherung an ein der Realität entsprechendes Bild der Geschichte. Richtig gehandhabt, sind sie keine sakrosankten Wahrheiten.  Allerdings muss zugestanden werden, dass Hannah Arendts Misstrauen auch seine Berechtigung hat.  Gerade marxistische Historiker müssen sich aufgerufen sehen, es ernst zu nehmen. Dass es Erscheinungen gegeben hat und gibt, Verallgemeinerungen als adäquate Abbildungen der geschichtlichen Realität zu missbrauchen, lässt sich nicht bestreiten. Das war der Fall, wenn z.B. wie  in der DDR und anderen ehemals sozialistischen Ländern das verbreitete marxistisch-leninistisch firmierte Geschichtsbild weitgehend auf  vereinfachende resümierende, formelhafte Verallgemeinerungen des Geschichtsprozesses reduziert wurde, und Verallgemeinerungen, Begriffe und Zusammenhänge nicht als Interpretation einer Vielzahl von zusammengetragenen analysierten Fakten und Erfahrungen verwandt wurden, deren Kriterien stets einer kritischen Nachprüfung und ständigen Korrektur und Präzisierung unterworfen sein müssen. Es gibt also Veranlassung, davor zu warnen, Geschichte nicht zu einem Konstrukt vorgegebener Wertungen zu machen. Gegen eine solche Praxis hat Hannah Arendt berechtigt Stellung bezogen. Andererseits steht aber auch fest, dass faktologische Vereinzelung der komplexen geschichtlichen Wirklichkeit ebenfalls nicht gerecht zu werden vermag. Sie würde die unterschiedlichsten Tatsachen einfach nebeneinander stellen, ohne sich die Frage nach ihrem Zusammenhang oder ihrem Gewicht zu stellen.

Hannah Arendt liefert übrigens in ihren Arbeiten häufig selbst den Beweis, dass die Forderung nach Respektierung der Tatsächlichkeit keineswegs den Verzicht auf Wertung und übergreifende Zuordnung bedeutet. Das zeigt ihre Untersuchung über den Antisemitismus und den Imperialismus in ihrem Totalitarismus-Buch ganz eindeutig. In den entsprechenden Passagen unterbreitet sie vor allem, was den Antisemitismus angeht, eine äußerst detaillierte und Überzeugende Darstellung, durch die wichtige Zusammenhänge und Unterschiede zwischen den Erscheinungsformen des Antisemitismus in den verschiedenen Zeiträumen aufgedeckt werden. Hier gebraucht sie bewusst verallgemeinernde Begriffe wie Antisemitismus und Imperialismus. Aber da sie es sich zum Anliegen gemacht hat, die Extraordinarität und Einmaligkeit des hitlerfaschistischen Rassismus, bzw. des Totalitarismus zu verdeutlichen, unterwirft sie ihre Darstellung zugleich auch dem Zwang, die aufgeführten Tatsachen einem von ihr vorformulierten Konstrukt oder Modell zu unterwerfen, das nicht immer den historischen Wurzeln und Tatsachen gerecht wird, sondern stets dem Nachweis untergeordnet wird, dass es sich dabei entweder um das qualitativ Gleiche  oder um unaufhebbare Unterschiede handelt. Sie beginnt mit diesem Gedanken ihre Darstellung und  nimmt damit eigentlich das angestrebte Ergebnis vorweg. Sie wendet also gerade das Verfahren an, das sie bei anderen zu Recht scharf kritisiert. Das hat Seyla Benhabib denn auch veranlasst, ihr Totalitarismus-Buch folgendermaßen zu charakterisieren: „Vom Standpunkt anerkannter fachlicher Methodologien aus gesehen, entzieht es sich der klaren Einordnung, da es eine Menge Regeln verletzt; es ist übersystematisiert und interpretiert zu stark, so dass es  i. e. S. nicht als historische Darstellung angesehen werden kann; es tritt zu anekdotenhaft und begriffsgeschichtlich auf, um als Sozialwissenschaft gelten zu können; und obwohl es die Lebendigkeit und das stilistische Gespür einer Arbeit des politischen Journalismus besitzt, ist es zu philosophisch, um einem breiteren Publikum zugänglich zu sein. Darüber  hinaus  ist auf den ersten Blick nicht auszumachen, was zwischen dem ersten Teil über den Antisemitismus, dem zweiten Teil über den Imperialismus und dem letzten Teil über den Totalitarismus die Einheit stiften soll.“[4]       

Die Behandlung der Probleme auf diese Art, sucht zugleich einen anderen Aspekt ihres Herangehens an Geschichte zu verwirklichen, nämlich den Nachweis zu erbringen, dass es in der Geschichte letztlich keine Kontinuitäten gibt. So steht bei ihr am Beginn des entsprechenden Abschnitts über den Antisemitismus, der eigentlich eine ziemlich detaillierte Darstellung der dem nazistischen Rassismus vorausgegangenen antijüdischen Ideologie und Politik in Europa und Deutschland darstellt, die apodiktische Behauptung: „Wer meint, eine kontinuierliche Reihe von Verfolgungen, Vertreibungen und Blutbädern führe bruchlos vom Ausgang des römischen Reiches über das Mittelalter und die Neuzeit bis in unsere Tage, und vielleicht noch hinzusetzt, der moderne Antisemitismus sei nichts weiter als die Profanversion eines verbreiteten mittelalterlichen Aberglaubens, ist, wenn auch arglos, nicht weniger im Irrtum als die Antisemiten, die ganz entsprechend meinten, seit dem Altertum regiere eine jüdische Geheimgesellschaft die Welt oder strebe danach.“[5]

Es ist einer ihrer Grundgedanken, dass die tragischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts den totalen Bruch mit der Jahrhunderte langen europäischen Tradition darstellen. Seyla Benhabib beschreibt ihre Position  folgendermaßen: „ … dass es Arendt nicht darum ging, irgendeine zwangsläufige Kontinuität von Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, die uns zwingen würde, das, was geschieht, so zu sehen, als habe es zu geschehen. Sie verwahrt sich gegen diese Falle im Geschichtsverständnis und vertritt die Auffassung, die Zukunft sei radikal unterbestimmt. Mehr noch, sie behauptet, wenn man die Gegenwart in eine zwangsläufige Kontinuität mit der Vergangenheit stellt, werde dies dazu führen, dass man die Neuigkeit dessen, was sich ereignet hat, nicht mehr erkennt“.[6]    Dazu wäre zunächst einmal zu sagen, dass eine solche Befürchtung nur begründet ist, wenn Kontinuität und Abfolge als totale Zwangsläufigkeit verstanden werden, wonach sich das Ergebnis geradezu fatalistisch aus einer Kette aufeinander folgender Ereignisse ergibt. Gerade in dieser Hinsicht ist an der vulgären marxistischen Geschichtsschreibung durchaus berechtigte Kritik zu üben. Aber die dem Marxismus eigene dialektische Betrachtungsweise  hat damit eigentlich nichts zu tun, im Gegenteil, sie vermeidet eine solche „Falle“. Andererseits kann jedoch nicht von dem Vorhandensein von tatsächlichen Zusammenhängen und Kontinuitäten abgesehen werden, an denen sich gerade zeigen  lässt,  warum bestimmte Entscheidungen so und nicht anders gefallen sind, warum aus der Vielzahl der Möglichkeiten gerade die eine Wirklichkeit geworden ist, und da wird man nicht umhin können, festzustellen, dass durch bestimmte Voraussetzungen die eine Alternative begünstigt und andere behindert wurden. Kontinuität begründet nicht, dass reale Entwicklungen zwangsläufig und unausweichlich nur in die eine Richtung liefen, dass es keine Alternativen gab und gibt. Es ist unbedingt notwendig, darauf zu beharren, dass historische Entscheidungen immer wieder neu und immer wieder ganz konkret ausgekämpft, durchgesetzt und verwirklicht werden müssen, aber weil es Vorentscheidungen gibt, die nicht folgenlos bleiben, ist es unerlässlich diese auch herauszuarbeiten. Das ist wichtig gerade im Hinblick auf gegenwärtige und künftige Entwicklungen. Kommen wir zurück auf die Überzeugung Hannah Arendts, dass durch die Feststellung von Kontinuitäten in der Geschichte die Erkenntnis verschüttet werde, dass die Entstehung der Nazidiktatur ein vollständiger Bruch mit allen bisher die europäische und auch die deutsche Geschichte bestimmenden Traditionen darstellte. Drastisch bringt sie das in einem ihrer Aufsätze zum Ausdruck, indem sie sich zu der deutschen, richtiger „westdeutschen“,  Nachkriegsentwicklung  äußert. Sie erklärte: Was für die politische Geschichte  Deutschlands gilt, trifft sogar in weit größerem Masse auf die geistigen Wurzeln zu, die der Nazismus haben soll. Der Nazismus verdankt sich keinem Teil der abendländischen Tradition, ganz gleich, ob es sich um den deutschen, katholischen, protestantischen, christlichen, griechischen oder römischen Anteil an dieser Tradition handelt. Es ist unerheblich, ob wir Thomas von Aquin, Macchiavelli, Luther, Kant , Hegel oder Nietzsche mögen – die Liste kann, wie schon ein kursorischer Blick in die Literatur zum  ‚deutschen Problem’ zeigt, endlos verlängert werden -, sie tragen nicht die geringste Verantwortung für das, was in den Vernichtungslagern geschah. Ideologisch beginnt der Nazismus ohne jegliche Traditionsgrundlage, und man täte besser daran, die Gefahr dieser radikalen Negation jeglicher Tradition zu erkennen, die das Hauptmerkmal des Nazismus von Anfang an war (im Unterschied zu den Anfangsstadien des italienischen Faschismus). Schließlich waren die Nazis selbst die ersten , die um ihre totale Leere herum eine Nebelwand von gelehrten Interpretationen hochzogen. Die meisten Philosophen, die gegenwärtig von den übereifrigen Experten des ‚deutschen Problems’ verteufelt werden, sind schon lange von den Nazis für sich reklamiert worden – aber nicht weil den Nazis an Respektabilität gelegen war,  sondern einfach deshalb, weil sie begriffen, dass es kein bessres Versteck als den großen Spielplatz der Geschichte und keinen besseren Leibwächter als die Kinder dieses Spielplatzes gibt, will heißen die ‚Experten’, die man so leicht für seine Dienste gewinnen und so leicht irreführen kann.“[7]  Diese schroffe Formulierung, wonach die Nazidiktatur die Leugnung jeglicher europäischen Tradition darstellt und somit etwas voraussetzungslos Neues darstellt, ist sicherlich unhaltbar, auch wenn man anerkennt,  dass in ihr solche Kräfte zur Macht gelangten, die jegliche positive Tradition der Humanität grundsätzlich leugneten. Dass aber schließt sogleich die Feststellung ein, dass es solche Kräfte auch in früheren Geschichtsperioden gegeben hat, und dass Fortschritte der Humanisierung gerade in erbitterten und opferreichen Auseinandersetzungen mit eben diesen Kräften durchgesetzt werden mussten. Es kann gar keinen Zweifel geben, dass sich die deutschen Faschisten in ihrem Denken und Handeln auf solche Bestrebungen und Kräfte in der Geschichte Europas berufen konnten, die seit jeher humanitärem Fortschritt ablehnend oder zumindest hinderlich im Wege standen. Ihr Vorhandensein und Wirken über Jahrhunderte machte eine Situation möglich, der die Nazibewegung ihren Aufstieg verdankte. Deshalb kann nicht bezweifelt werden, dass sich die Nazibewegung in der Gesellschaft vorhandener und bekannter Denkfiguren und Muster bediente,  die lange vorher in das geistige und politische Leben eingedrungen und damit präsent waren. Im Übrigen bezeugt die Antisemitismus-Studie von Hannah Arendt das nachhaltig, so dass ihre Behauptung eines fehlenden Zusammenhangs eigentlich verwundern muss, weil auch ihr die Tatsache nicht unbekannt war, dass es nicht nur eine einzige Denk- und Politiktradition in Europa oder Deutschland gab, sondern dass die Geschichte von erbitterten Auseinandersetzungen um die Durchsetzung von sehr unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ideologien durchzogen ist. Auch wenn man Hannah Arendt zustimmen kann, dass sich daraus nicht zwangsläufig die Herausbildung der faschistischen Bewegung und die Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland ergeben musste. Die Tatsache bleibt unwiderleglich bestehen, dass es in der deutschen Geschichte Traditionen gab und gibt, die Gewalt, Unterdrückung Andersdenkender, Menschenverachtung, Krieg und Eroberung als Mittel der Politik favorisieren und damit die Möglichkeit einer solchen Art von Politik offen halten.  Ebenso notwendig ist es, darauf zu verweisen, dass diejenigen Kräfte, die schließlich dazu beitrugen, unter großen Opfern den Faschismus niederzuwerfen, sich gerade auf die Bewahrung der Traditionen der Humanität, der Aufklärung, der Demokratie und der politischen Freiheit berufen konnten. Die Abwehr der faschistischen  Barbarei  wurde eine Gewähr dafür, dass die Ideen der Humanität, der Demokratie und der politischen Freiheit wieder eine Chance erhielten und Europa und die Welt nicht in der Barbarei versank. Es ist Hannah Arendt zugute zu halten, dass sie verhindern wollte, dass die Auseinandersetzung über die Ursachen des Faschismus leichthin als Ausfluss des „deutschen Wesens“ oder als unausweichliche Konsequenz der deutschen Geschichte hingestellt wurde. Mit Recht wandte sie sich auch gegen die eine Zeitlang im alliierten Lager vertretene Kollektivschuldthese.[8] Ihr ging es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass die Nazibarbarei Ursachen hatte, die in generellen Entwicklungen des 20. Jahrhu8nderts. gesucht werden müssen, wie Imperialismus und die Deklassierung großer Menschenmassen durch die moderne kapitalistische Entwicklung, weswegen sie mahnend darauf hinwies, dass die Gefahr der Wiederkehr solcher Verhältnisse mit dem Untergang des Nazismus nicht gebannt sei.

Hannah Arendt war sich bewusst, dass die Zukunft der Menschheit mit der Niederwerfung Hitlerdeutschlands nicht ein für allemal gesichert worden ist. Es ist ihr Verdienst, auf die Gefährdungen aufmerksam gemacht zu haben, die für die Menschheit durch die Blockkonfrontation und die Existenz nuklearer Massenvernichtungswaffen und eine nach wie vor auf Machterweiterung orientierte Politik gegeben sind. Man kann sicher sein, dass sie auch für die heutige Situation diese Gefahren nicht als überwunden angesehen hätte.

Ihre Äußerung in ihrem  Eichmann-Buch bringt das auf drastische Weise zum Ausdruck. Sie schrieb damals: „Es liegt in der Natur menschlicher Angelegenheiten, dass, ist eine Tat erst einmal in Erscheinung getreten und in der Geschichte der Menschheit verzeichnet worden, sie potentiell in der Menschheit fortbestehen bleibt, auch wenn ihre Aktualität längst in die Vergangenheit gesunken ist.  Keine Strafe hat je genügend Abschreckungskraft besessen, um die Begehung von Verbrechen zu verhindern. Im Gegenteil, wie hart die Strafe auch sei, wenn ein spezifisches Verbrechen erst einmal begangen ist, ist seine Wiederholung wahrscheinlicher, als sein erstes Auftreten je war. Und die konkreten Gründe, die für die Möglichkeiten einer Wiederholung der von den Nazis begangenen Verbrechen sprechen, sind sogar noch einleuchtender. Die erschreckende Koinzidenz der modernen Bevölkerungsexplosion mit den technischen Erfindungen der Automation einerseits, die große Teile der Bevölkerung als Arbeitskräfte ‚überflüssig’ zu machen droht, und mit der Entdeckung der Atomenergie andererseits hat eine Situation geschaffen, in der man ‚Probleme’ mit einem Vernichtungspotential lösen könnte, dem gegenüber Hitlers Gasanlagen sich wie stümperhafte Versuche eines bösartigen Kindes ausnehmen. Es besteht aller Grund, sich zu fürchten, und aller Grund, die Vergangenheit zu bewältigen’.“[9]   Insofern zeigt sich beim näheren Hinsehen immer wieder die Ambivalenz vieler Aussagen von Hannah Arendt. Und es ist angebracht, sich nicht nur an die eine Seite des von ihr vertretenen zu halten. Das gilt auch für den Umgang mit der Geschichte. Ihr unbestreitbares ehrliches Bemühen, aus dem von ihr durchlebten Zeitalter Lehren zu ziehen und Überlegungen zu formulieren, die möglichst bewirken, dass künftige Generationen nicht ähnliche schreckliche Erfahrungen machen müssen, hat sie immer wieder veranlasst, die Unerhörtheit der nazistischen Verbrechen und der Untaten des Stalinismus hervorzuheben. Dabei hat sie sich auch Methoden bedient, die ihrem Anliegen eigentlich nicht dienlich waren; denn gerade diese Extraordinarität der Untaten lässt sich deutlicher machen, indem gezeigt wird, welchen Sprung in eine neue Qualität die Errichtung der Nazidiktatur und deren Praxis gegenüber früheren verwandten Ideologien und Praktiken bedeutete. Zugleich bedeutet die vollständige unnachsichtige Aufdeckung der Vorgeschichte die Verdeutlichung der Einlaufkurve in das Grauen,  und jeder, dem daran gelegen ist, Faschismus, Rassismus, Krieg und Barbarei zu bekämpfen, muss ein Interesse daran haben, den  Vorbereitern und Steigbügelhaltern rechtzeitig in den Arm zu fallen.   Dazu kann auch beitragen aufzudecken, an welchen historischen Vorbildern sie sich orientieren, ungeachtet dessen, ob sie das zu Recht oder zu Unrecht tun. Auch das Letztere i[10]st nicht ohne Interesse.

Das scheint mir auch ein Beitrag zu sein, um heute das Vermächtnis der leidenschaftlichen Kämpferin gegen den Nazismus und überzeugten Demokratin Hannah Arendt zu erfüllen. Geschichtswissenschaft kann das tun, indem sie in ihrer Arbeit die Anregungen kreativ nutzt, die in ihrem Werk enthalten sind. Das gilt auch für so manches Warnschild vor Vereinseitigungen in der Betrachtungsweise. Vor allem aber dafür, sorgsam die aktuelle Wirklichkeit zu beobachten und bereit zu sein, bei der Auseinandersetzung mit ihr, auch ungewohnte Fragen zu stellen und bisher nicht begangene Wege zu erkunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1]  Siehe: Claudia Althaus: Erfahrung denken – Hannah Arendts Weg von der Zeitgeschichte zur politischen       Theorie. In: Formen der Erinnerung, hg. v. Günter Oesterle u. a., Bd. 6, Göttingen 2000.

[2]  Ebenda,  S. 76.

[3]  Ebenda,  S. 83.

[4]  Seyla Benhabib: Hannah Arendt – Die melancholische Denkerin der Moderne, hg. und Nachwort von Otto Kallscheuer, Hamburg  1998, S. 112.

[5]  Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München /Zürich 1986, S. 17.

[6]  Siehe Seyla Benhabib, a. a. O., S. 113.

[7]  Hannah Arendt: Das deutsche Problem. In: Dieselbe: Zur Zeit, Hamburg. 1999, S. 25f.

[8]  Hannah Arendt: Adolf Eichmann – Ein Bericht über die Banalität des Bösen. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 25. Sie äußert an dieser Stelle folgende Ansicht zu diesem Thema: „Es hat sich inzwischen wohl herumgesprochen, dass es eine Kollektivschuld nicht gibt und auch keine Kollektivunschuld und dass, wenn es dergleichen gäbe, niemand je schuldig oder unschuldig sein könnte. Was es aber wohl gibt, ist eine Kollektivhaftung im politischen Bereich, die in der Tat unabhängig ist von dem, was man selbst getan hat, und daher weder moralisch zu werten noch gar in strafrechtlichen Begriffen zu fassen ist. Politisch haftet jede Regierung eines Landes für all das, was durch die Regierung vor ihr zu Recht oder zu Unrecht geschehen ist. Das Recht soll sie fortsetzen und das Unrecht nach Möglichkeit wiedergutmachen. In diesem Sinne zahlen wir allerdings immer für die Sünden der Väter, und wenn Napoleon bei seinem Machtantritt gesagt haben soll, er gedenke die Verantwortung für  alles  zu übernehmen, was in Frankreich von Ludwig dem Heiligen bis zum Wohlfahrtsausschuss geschehen ist, so hat er nur das Selbstverständliche ein wenig ausgeschmückt und übertrieben. Man könnte sich wohl denken, dass auch solche Wiedergutmachung zwischen Völkern einmal vor einem internationalen Gerichtshof verhandelt wird, aber dies wird kein Strafgerichtshof sein, in dem über Schuld und Unschuld von Personen Recht gesprochen wird..“

[9]  Ebenda.,  S. 322 f.

 

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