Alfred Loesdau:

 

Hannah Arendts Verhältnis zu linken Intellektuellen

 

    Hannah Arendt ist den Historikern, die in der DDR tätig waren, nicht unbekannt. Jedoch ihr Name tauchte fast ausschließlich in der Auseinandersetzung mit ihrer Totalitarismusauffassung auf, die kurzweg auf eine so genannte Totalitarismusdoktrin verengt wurde. Damit war sie eine persona non grata. Zudem war es nicht möglich, sie in die seinerzeit üblichen Strömungen etwa der bürgerlichen Historiographie einzuordnen. Als Schülerin von Heidegger und Jaspers, zweier – wie es im 1982 in der DDR erschienenen „Philosophenlexikon“ hieß - „spätbürgerlicher“ Philosophen war sie mit deren Existenzphilosophie, das hieß im damaligen Sprachgebrauch mit einer irrationalistischen Strömung der imperialistischen Philosophie, belastet.

   Kritik gab es aber auch von Historikern, Philosophen, Politikwissenschaftlern außerhalb der DDR – die ihr vor allem vorgeworfen haben, die sozialistische totale Herrschaft zuungunsten der nationalsozialistischen Diktatur vernachlässigt zu haben. Es wurde auch nicht zur Kenntnis genommen, dass sie die DDR nach Stalins Tod nicht mehr als totalitär klassifizierte. Diese Unterlassungen sind selbst heute noch anzutreffen.

    Es gehört offenbar zu den Altlasten der DDR, dass eine gründliche Beschäftigung mit den Theorien der Hannah Arendt nicht erfolgte. Gewisse Korrekturen dieser Ignoranz gab es erst seit der Wende. Sie wurden und werden jedoch dadurch erschwert, weil ausgesprochen konservative  Kräfte Hannah Arendt ausschließlich für sich zu reklamieren versuchen.

 

    Hannah Arendt war „unabhängig“, d. h. sie hat sich zeitlebens nonkonformistisch verhalten. Ihre Devise war: „Sozialer Nonkonformismus ist das sine qua non großer intellektueller Leistungen.“[1] Und bei anderer Gelegenheit: „Was allein uns wirklich helfen kann, meine ich, ist >réfléchir<, Nachdenken. Und denken heißt stets kritisch denken. Und kritisch denken bedeutet stets dagegen sein.“[2] Hannah Arendt musste immer wieder erfahren, dass Ideologien wissenschaftliche Erkenntnis nachhaltig verhindern können.[3] Elisabeth Young-Bruehl, eine ihrer Biografinnen, verwies darauf: „Stets eine kontroverse Denkerin, eine Einzelgängerin, die sich von akademischen Schulen, politischen Parteien und ideologischen Programmen fernhielt, erreichte Hannah Arendt ein immer größer werdendes Publikum.“[4]

    Insofern ist es kein einfaches Unterfangen, die Persönlichkeit Hannah Arendt zu bestimmen: Das Instrument zur Artikulierung ihrer Erkenntnisse war die deutsche Sprache, war sie doch in Deutschland geboren und aufgewachsen - aber sie verstand sich eigentlich nicht als Deutsche. Sie wusste, dass man aus dem Judentum nicht herauskommt - war aber keine Zionistin [abgesehen von ihrem Wirken in zionistischen Organisationen im Zweiten Weltkrieg]. Für diese Position ist ihre Biografie der Rahel Varnhagen äußerst aufschlussreich. Wie diese bekannte sie sich stets als Jüdin und handelte nach dem Prinzip „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen“. Sie kam wissenschaftlich aus der deutschen Philosophie und hat wichtige gesellschaftliche Probleme des Denkens, des Wollens und des Handelns vermittelt – hat sich jedoch nicht als Philosophin betrachtet. In einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers im Jahre 1945 schrieb sie: „Seitdem ich in Amerika bin, also seit 1941, bin ich eine Art freier Schriftsteller geworden, irgendetwas zwischen einem Historiker und einem politischen Publizisten.“[5] Sie behandelte eine Vielzahl historischer Themen - hatte aber Vorbehalte gegenüber der professionellen Historiographie und teilte nicht deren dominierende Methodologie. Sie verstand sich als Wissenschaftlerin der >politischen Theorie<, aber – so Kurt Sontheimer – „Hanna Arendts politisches Denken ist eigenwillig und originell; es lässt sich in die überkommenen Schemata Politischer Theorie schwer einordnen“.[6]

    Hanna Arendt war weder sozialistisch noch liberal – sie fühlte sich unabhängig und agierte wider manche vom mainstream gesetzte Norm. Noch einmal Sontheimer: „Auch in den die öffentlich-politische Debatte bestimmenden Kategorien, von Rechts oder Links ist Arendt nicht unterzubringen“. „Und >Denken ohne Geländer<, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche“ – so heißt es bei ihr in einer Diskussion.[7]

 

    Für den heutigen Zugang linker Kräfte zu den politischen Theorien der Hannah Arendt dürfte es dienlich sein, einen Blick auf das Verhältnis Hannah Arendts zu linken Intellektuellen zu werfen. Ich gebrauche hier den Intellektuellen-Begriff im üblichen Sinne, wobei ich mir bewusst bin, dass Hannah Arendt diesen Begriff in abfälliger Weise benutzte.[8] Die Frage nach dem Verhältnis von Hannah Arendt zu linken Intellektuellen weist zwei Ebenen auf: ihr Umgang mit den wissenschaftlichen und geistigen Leistungen linker Intellektueller - hierzu gehören in erster Linie die Auffassungen der Rosa Luxemburg – und zum anderen ihr direktes persönliches Umfeld, wozu ich einiges sagen möchte.

    Dieses Verhältnis Hannah Arendts zu linken Intellektuellen ist durch bestimmte Grundpositionen charakterisiert:

  1. Hannah Arendt befasste sich nicht nur irgendwann und irgendwie mit den Erkenntnissen linker Intellektueller, sondern sie lebte und wirkte in deren Umkreis.
  2. Hannah Arendt hat bei aller Kritik bestimmter Auffassungen linker Intellektueller – eine Kritik, die stets sachlich und begründet war – immer deren wissenschaftliche bzw. künstlerische Leistung respektiert und gewürdigt. Dabei ist von ihr auch deren Anteil an ihrer eigenen wissenschaftlichen und politischen Erkenntnis hervorgehoben worden.
  3. Das Verhältnis Hannah Arendts zu linken Intellektuellen schloss nicht selten ein persönliches Engagement für sie mit ein.

 

    Im Einzelnen sei auf folgendes verwiesen: Hanna Arendt hatte ein positives und produktives Verhältnis zu linken Intellektuellen und hier nicht zuletzt zu Kommunisten. Ihr erster Ehemann, Günther Stern, war linksorientiert und sein Bekanntenkreis bestand aus Intellektuellen, die mit der kommunistischen Partei verbunden waren. Wenngleich Hannah Arendt zur Zeit ihrer Ehe mit Stern ihren eigenen – vornehmlich zionistischen – Bekanntenkreis hatte, so brachte Stern jedoch seine Frau mit Persönlichkeiten wie Arnold Zweig und Bertolt Brecht zusammen.

    Im Jahre 1933 hat Hannah Arendt in Berlin Widerstand geleistet, indem sie in ihrer Wohnung verfolgte Kommunisten beherbergte. Heinrich Blücher, den sie im Jahre 1936 in der Emigration in Frankreich kennen lernte, ein revolutionärer Kämpfer aus Berlin, Teilnehmer an der Novemberrevolution und Mitglied zunächst des Spartakusbundes dann der Kommunistischen Partei Deutschlands und schließlich der KPO, ein enger Freund Heinrich Brandlers, wurde – obwohl seinerzeit kein professioneller  Akademiker – einer ihrer Lehrer und dann als ihr Ehemann erster Partner in der wissenschaftlichen Arbeit. Sie hat Blüchers Verdienst dahingehend gewürdigt, indem sie einschätzte, „dass ich dank meines Mannes politisch denken und historisch sehen gelernt habe…“[9] Blücher prägte „ihre sowohl kritische als auch konstruktive Sichtweise, ihr Verständnis von Widerstand und Revolution und ihre Theorie des Republikanismus“[10] so Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt widmete ihm ihr Werk >Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft<.

    In diesem Zusammenhang ist höchst aufschlussreich, was Hannah Arendt über das Verhältnis von Rosa Luxemburg zu Leo Jogiches schrieb: „Obwohl Jogiches selber >so gut wie nichts geschrieben hatte<, blieb er >nichtsdestoweniger Leib und Seele< ihrer Publikationen…  Wir werden niemals wissen, wie viel von Rosa Luxemburgs politischen Ideen von Jogiches stammte; in einer Ehe ist es nicht immer einfach, die Gedanken der einzelnen Partner auseinanderzuhalten.“[11] Dies dürfte auch auf ihre Ehe mit Heinrich Blücher zugetroffen haben.   

    Ein freundschaftliches Verhältnis hatte Hannah Arendt auch mit dem Literaturkritiker Walter Benjamin, dem engsten Freund Blüchers aus den Tagen der Novemberrevolution, einem engagierten Marxisten. Seine letzten Arbeiten hatte er Hannah Arendt anvertraut. Sie sollte ihre Publikation in den USA veranlassen. Unter ihnen war die Schrift >Über den Begriff der Geschichte<, die den historischen Materialismus zum Gegenstand hat. Hannah Arendt hat sowohl bei Benjamin als auch bei Brecht bemerkt, dass beide den historischen Materialismus, so wie er Marx verstanden hatte, auf dessen Lehre vom gesellschaftlichen Überbau konzentriert, wenn nicht gar reduziert haben. Diese Kongruenz im marxistischen Denken war zweifelsohne ein wesentliches Element der engen Freundschaft von Benjamin und Brecht. Und diese Schwergewichtsverlagerung auf das Geistige ist durchaus nicht negativ zu sehen.

    Ich möchte lediglich auf eine These Benjamins verweisen, die uns vielleicht heute etwas zu sagen hat. Er schrieb: „Der Klassenkampf, der einem Historiker, der an Marx geschult ist, immer vor Augen steht, ist ein Kampf um die rohen und materiellen Dinge. Ohne die es keine feinen und spirituellen gibt. Trotzdem sind diese letztern im Klassenkampf anders zugegen denn als die Vorstellung einer Beute, die an den Sieger fällt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem Kampf lebendig und sie wirken in die Ferne der Zeit zurück. Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden zugefallen ist, jemals in Frage stellen. Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt im Treibhaus des Historismus kraft eines Heliotropismus geheimer Art, das Gewesene der Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist. Auf diese unscheinbarste von allen Veränderungen muss sich der historische Materialist versuchen.“[12]

    Hannah Arendt hat seine Arbeit „Über den Begriff der Geschichte“ mit in die USA genommen, sich für ihre Publikation eingesetzt und sich dabei mit Adorno angelegt, der ihr das Recht, für Benjamin zu sprechen und zu wirken, streitig machte.

    Durch die politische Position Blüchers, Benjamins, Brechts und anderer Gefährten sah sich Hannah Arendt veranlasst, sich mit der Entwicklung der Kommunistischen Partei zu befassen. Als Blücher in der Emigration die Partei verlassen hatte, bemühte sie sich darum, zu definieren, was unter einem „ehemaligen Kommunisten“ zu verstehen ist – im Unterschied zu den „Exkommunisten“ der Zeit nach 1945. Während letztere zumeist keine Probleme damit hatten, sich der Sozialdemokratie anzuschließen, konnte und wollte Blücher als „ehemaliger Kommunist“ das nicht. Er reihte sich auch nicht in die Schar jener ein, die nunmehr die Bekämpfung des Kommunismus auf ihre Fahne geschrieben hatten.

    Hannah Arendt analysierte die Beweggründe dieser „Ehemaligen“ und verwies für die dreißiger Jahre auf folgende Faktoren:

  1. auf die Abschaffung der innerparteilichen Demokratie;
  2. auf die Beseitigung der Selbständigkeit nationaler Kommunistischer Parteien;
  3. auf die totale Unterwerfung unter die Befehle Moskaus.

Wörtlich fügte sie hinzu: „Die Moskauer Prozesse, in vieler Hinsicht der Wendepunkt dieser ganzen Geschichte, waren das Ende vom Lied.“[13]

    Wie verhielt sich Hannah Arendt nun gegenüber jenen linken Intellektuellen, die nicht zu einer derartigen Einsicht gelangt waren? „Schließlich lässt sich das sehr fragwürdige [S. 239-] Verhalten von Dichtung und Politik … an dem Fall eines wirklichen Dichters exemplifizieren“ – so Hannah Arendt einleitend in ihrem Essay über Bertolt Brecht in dem Band >Menschen in finsteren Zeiten<.[14] Hannah Arendt und Bertolt Brecht waren sich mehrmals begegnet. Manches über Brecht  hat sie auch von Walter Benjamin erfahren. Brecht und Benjamin waren wie gesagt eng befreundet.

    Für Hannah Arendt war das Hauptkriterium für die Bewertung einer hervorragenden Persönlichkeit deren wissenschaftliche bzw. künstlerische Leistung. Wörtlich: „Der einzige Maßstab, nach dem auch das persönliche Verhalten des Dichters zu beurteilen ist, ist seine Dichtung“. [15]  Dabei fand das politische Verhalten eine durchaus kritische Beurteilung, die jedoch – wie im Falle Brechts – der Bewertung seiner Leistung untergeordnet war. Dominanz erfuhr die Beurteilung des politischen Verhaltens erst, wenn dieses das künstlerische Schaffen negativ beeinflusste oder gar zu dessen Sterilität führte. So hat das politische Verhalten Brechts in den zwanziger Jahren (in Berlin) oder in den dreißiger und vierziger Jahren (in der Emigration) keinen Abbruch seines dichterischen Schaffens zur Folge gehabt. „Gerächt hat sich an ihm als Dichter nur eins: die Niederlassung in Ostberlin, wo er gezwungen war, tagtäglich mitanzusehen, was es nun wirklich heißt, wenn ein Volk unter eine kommunistische Diktatur stalinistischer Prägung gerät.

Entscheidend war, dass er nun, in Ostdeutschland angekommen, die poetische Distanz verlor, die er sich auch in den Jahren, in denen er noch ohne alle Zweifel der kommunistischen Sache ergeben war, hatte leisten können.[16]

Nichtsdestoweniger hat Hannah Arendt nie ihre Hochachtung vor Bertolt Brecht aufgegeben. Sie hat sein Schaffen gewürdigt, seine Schwächen kritisiert und sich so letztlich das Gesamtbild einer Persönlichkeit mit all ihren Widersprüchen verschafft. Abgesehen davon, dass ein derartiges Herangehen für die Beurteilung vieler Wissenschaftler und Künstler, die in der DDR produktiv waren, vorbildlich wäre – bleibt für uns eine andere Frage:

Hannah Arendt hat sich in ihrer politisch-theoretischen Arbeit mit den Auffassungen nicht weniger bedeutender linker Intellektueller befasst – so besonders auch mit dem Werk Rosa Luxemburgs. Hannah Arendt lebte im Umkreis linker Intellektueller, die sie beeinflussten und auf deren Schaffen sie wiederum Einfluss hatte – so beispielsweise der Literaturkritiker Walter Benjamin.   Hannah Arendt hat detaillierte Analysen hervorragender linker Intellektueller verfasst – so über Bertolt Brecht. Warum sehen Linke heutzutage vornehmlich ihre Beziehungen zu Heidegger, Jaspers und Husserl? Warum überlassen sie das breite Feld fruchtbarer politiktheoretischer Arbeit der Hannah Arendt dem Dunstkreis angeblicher Bewahrer und Hüter ihres Schaffens, die jedoch ihre Arbeit letztlich für erzkonservative, vorrangig antikommunistische Zwecke deuten? Diesem Missbrauch sollte energisch entgegengetreten werden. Hannah Arendt hat – bei allem Nonkonformismus – ein wissenschaftliches Erbe hinterlassen, das von der Linken zügiger und vorurteilsfreier für die geistige Auseinandersetzung erschlossen werden sollte. 

    So ist für Historiker beispielsweise ihre Revolutionsauffassung höchst anregend. Hannah Arendt hat keine abstrakten politiktheoretischen Untersuchungen angestellt, sondern ist konkret historisch herangegangen. Die Analyse des Zusammenhangs zwischen Revolution und Krieg, der Vergleich von amerikanischer und französischer Revolution, der Kontext zwischen Amerika und Europa, die Einbeziehung der russischen Revolution – hier findet sich ein breites Feld konstruktiver Analyse historischer Ereignisse, die für die Erarbeitung tragfähiger Perspektiven höchst nützlich ist.

    Die Basis ihrer Untersuchungen bildet die amerikanische Revolution. Hier setzt bereits ihre Kritik an der Bewältigung des revolutionären Erbes in der Geschichte der USA ein. Die Welt würde die historischen Geschehnisse kaum kennen. Die Einheimischen haben sie vergessen.[17] Wörtlich: „Dieser Gedächtnisschwund und ein mit ihm Hand in Hand gehender katastrophaler Mangel an Urteilskraft haben sich überall gezeigt, wo die Vereinigten Staaten in irgendwelche Berührung mit revolutionären Regierungen gerieten – in Russland, in China und in Kuba.“[18]

    Als Vertreterin der politischen Theorie ist sie dann aber auch nicht umhin gekommen, hinsichtlich der Regierungspolitik der USA entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. So schrieb sie: „Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von keinem Motiv wirkungsvoller beeinflussen lassen als von dieser Revolutionsangst, deren einziges Ergebnis die vielfachen und verzweifelten Versuche sind, überall den Status quo zu stabilisieren, was im Grunde kaum je etwas anderes heißen konnte, die Macht und das Prestige Amerikas zugunsten überalterter und korrupter Regierungen, Gegenstand des Hasses und der Verachtung ihrer eigenen Bürger, in die Waagschale zu werfen.“[19]

   Anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Amerikanischen Revolution im Jahre 1976 hielt sie eine viel beachtete Rede, in der sie angesichts des Watergate-Skandals und des Vietnam-Krieges dazu aufrief, sich an die Wurzeln der Republik zu erinnern und sich auf die Gründungsväter der USA zu berufen.[20] 

   Nicht zuletzt dürfte auch das von ihr hoch bewertete Kriterium für eine Revolution – ein historischer Neubeginn – für jüngste Diskussionen im Zusammenhang mit der Wende in der DDR wichtig sein. Neubeginn unterschied sie grundsätzlich von einer „Erneuerung des Uralten“. Wörtlich schrieb sie, dass „Revolutionen prinzipiell etwas anderes sind als erfolgreiche Aufstände, dass man nicht jeden Staatsstreich zu einer Revolution auffrisieren darf und dass nicht einmal jeder Bürgerkrieg bereits eine Revolution genannt zu werden verdient“.[21]

    Ein zweites wesentliches Kriterium für eine Revolution ist für sie die Freiheit. Auch hier steht bei ihr statt eines Schlagworts, das für all und jedes verwendet werden kann, ein wissenschaftlich begründeter, historischer Freiheitsbegriff. In ihrem Buch „Über die Revolution“ schrieb sie: „… da wir innerhalb der freien Teile der Welt nachgerade der Meinung sind, dass für die Beurteilung politischer Verfassungen und Gemeinwesen weder Gerechtigkeit noch Größe, sondern einzig und allein das Kriterium der Freiheit den Ausschlag gibt, hängt nicht nur unser Verständnis des Phänomens der Revolution, sondern die Präzision und Tiefe unseres politischen Freiheitsbegriffs, der zweifellos revolutionären Ursprungs ist, und damit überhaupt das Ausmaß unseres politischen Selbstverständnisses davon ab, wieweit wir bereit und fähig sind, dieses Zusammenfallen von Anfang und Freiheit zu akzeptieren und zu artikulieren“.[22] Also: Diese Begriffsgeschichte wäre erst aufzuarbeiten, bevor man Hannah Arendt ausschließlich konservatives Gedankengut unterstellt.

   Und für Wissenschaftler, die links stehen, sollte es üblich werden, dieses „Zusammenfallen“ zu akzeptieren und zu artikulieren. Für Hannah Arendt gab es keine allgemeingültige, monolithische Bewertung historischer Ereignisse – die von Manchem heute gern gefordert wird. Sie hat darauf verwiesen, dass es außer den von der Geschichtswissenschaft interpretierten Geschehnissen immer noch diverse Möglichkeiten historischer Entwicklung gab, die nicht außer Acht gelassen werden sollten. Für Hannah Arendt waren die Ereignisse, von denen die Geschichte handelt und die der Gegenstand der Geschichtswissenschaften sind, nur das Ende eines verborgenen Anfangs, der enthüllt werden muss.[23]



[1] Vortrag an der Rand School, 1948, Library of Congress.

[2] Fernsehgespräch mit Roger Errera. In: Ich will verstehen. Selbauskünfte zu Leben und Werk, München 1998, S. 123.

[3] Vgl. Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am Main 1996, S. 243.

[4]  Ebenda, S. 12.

[5] Brief an Karl Jaspers [1945]. In: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk, München 1998, S. 136.

[6] Kurt Sontheimer in Hannah Arendt: Was ist Politik, München 1993, Vorwort, S. IV.

[7] Ich will verstehen, a. a. O., S. 110.

[8] Vgl. Eberhard Fromm: www.der-deutsche-intellektuelle.de [Biografie]

[9] Zit. nach Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt, a. a. O., S. 187.

[10] Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt, a. a. O., S. 188.

[11] Hannah Arendt: Rosa Luxemburg. In: Menschen in finsteren Zeiten, München-Zürich 2001, S. 58.

[12] Arendt und Benjamin, Texte, Briefe, Dokumente. Hrsg. v. Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla, Frankfurt am Main 2006, S. 103.

[13]  Zit. nach Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt, a. a. O., S. 209.

[14] Hannah Arendt: Bertolt Brecht. In: Menschen in finsteren Zeiten, München-Zürich 1975, S. 238f.

[15] Ebenda, S.243.

[16] Ebenda, S. 246f.

[17] Siehe Hanna Arendt: Über die Revolution, München-Zürich 1994, S. 279.

[18] Ebenda.

 

[19] Ebenda.

[20] Vgl. Alois Prinz: Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt, Weinheim-Basel, 2006, S. 305f.

[21] Ebenda, S. 41.

[22] Ebenda, S. 34.

[23] Vgl. Hannah Arendt: Denktagebuch 1950 bis 1973. Erster Band, München-Zürich 2002, Heft XV: April 1953 bis Mai 1953.

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