Roswitha Berndt:
Klaus Kinner / Helmut Meier (Hg.) Politikum Geschichte. Die Rolle der Geschichte in öffentlichen Diskussionen. In: Gesellschaft – Geschichte - Gegenwart. In: Schriftenreihe des Vereins „Gesellschaftswissenschaftliches Forum e. V.“ Berlin, herausgegeben von Helmut Meier, Bd. 39. Berlin 2009, 248 S.
Vorliegender Band "Politikum Geschichte" ist der Ertrag einer vom
„Gesellschaftswissenschaftlichen Forum" Berlin und der „Rosa-Luxemburg-Stiftung
Sachsen" im Oktober 2008 in Berlin gemeinsam veranstalteten Konferenz, die ein
Thema in den Mittelpunkt stellte, das, wie die Herausgeber Klaus Kinner und
Helmut Meier im Vorwort feststellen, so alt "wie die Beschäftigung der
Menschheit mit ihrer Geschichte" ist (S.7). Im Vorfeld des „Jubel"jahres 2009
abgehalten, zeichnen die einzelnen Autoren ein vielfältiges Bild vom politischen
Umgang mit Geschichte. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der vom
historischen Mainstream und von den Medien seit den 1990er Jahren gelenkten
Geschichtspolitik zur Delegitimierung der DDR fragen sie im besonderen nach den
Schlußfolgerungen, die sich für die marxistische Geschichtsauffassung aus dem
Scheitern des Sozialismus für seine historische Darstellung ergeben.
Unmittelbarer Anlaß des Kolloquiums war die Würdigung des Zeithistorikers Jürgen
Hofmann anläßlich seines 65. Geburtstages, hat er sich doch seit nunmehr zwei
Jahrzehnten ausserhalb des Wissenschaftsbetriebs große Verdienste um eine
sachlich-kritische und ausgewogene Darstellung vorrangig der DDR-Geschichte
erworben. Er ist es auch, der mit seinem abschliessenden Beitrag „Geschichte
zwischen Nies- und Missbrauch - Anmerkungen zu einem Dauerkonflikt" der Laudatio
von Helmut Meier und Walter Schmidt voll gerecht wird und - faktisch die
Ergebnisse der Diskussion zusammenfassend - für die Aufarbeitung der deutschen
Nachkriegsgeschichte einen gesamtdeutschen Ansatz auf der Basis eines
pluralistischen Bildes fordert. Dazu gehört für ihn die kritische und
selbstkritische Rückschau auf das gescheiterte Sozialismusmodell DDR als einer
notwendigen Voraussetzung für Zukunftsvorstellungen (S.226), aber auch, bisher
fehlende, vergleichende länderübergreifende Studien des "sozialistischen Lagers"
(S. 228).
Vor ihm haben sich l5 Historiker des Themas angenommen, die - meistens der
„zweiten deutschen Wissenschaftskultur“ zugehörig - ihre kritische Sicht auf
aktuelle geschichtspolitische Debatten, aber auch eigenes historisches
Selbstverständnis richten.
Schon der Auftaktbeitrag von Stefan Bollinger wendet sich gegen jegliche „Flucht
aus der Geschichte" und sieht die „Krise als „Chance" besonders für linke
Intellektuelle (S.9), von jeglichem Dogmatismus befreit, linken Bewegungen
entsprechende theoretische Angebote zu machen. Dabei sei weder ein
„desorientierender Utopismus "zuzulassen (S.16ff) noch bloßem Pragmatismus das
Wort zu reden.
Im Anschluß daran fordert Helmut Meier den „Pluralismus im Umgang mit der
Geschichte" und sieht ihn in der gängigen bundesdeutschen Geschichtsbetrachtung
zwar als Anspruch formuliert, aber nicht wirklich umgesetzt. Für
linksorien-tierte Zeithistoriker heißt es, dazuzulernen, um sich pluraler
Sichtweisen zu bedienen.
Der Jenenser Historiker Ludwig Elm widmet seinen Beitrag den „Enquête-Kommissionen
des Deutschen Bundestages“ zur DDR-Geschichte als einer Form
„geschichtspolitischer Staatsakte" (S. 33 ff), die nach 1990 neben solchen
Einrichtungen wie der Gauck-Birthler-Behörde oder der „Stiftung zur Aufarbeitung
der SED - Diktatur" bewußt installiert wurden. Verglichen mit der alten BRD, wo
es bis 1990 höchstens auf Länderebene eine Abrechnung mit nach 1949 verbliebenen
Nazi-Aktivisten gegeben hat, erfolgte sie in bezug auf die DDR sofort und massiv
bundesstaatlich gesteuert, Bisher hat diese lautstarke Geschichtspolitik
jegliche „normale" Forschung zu übertönen versucht und auch eine „nachholende
wirkliche Einigung in den vordringlichen zeitgeschichtlichen Streitfragen“
verhindert (S.39).
Ein weiterer Bereich staatlich gesteuerter Geschichtspolitik ist das
„Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung" von 2008, dem sich Gerhard Fischer
zuwendet. Obwohl in diesem Dokument von einem „pluralistischen
Geschichtsverständnis" und einem „gewissen Maß an Objektivität" die Rede ist,
wird ein sehr einseitiges Geschichtsbild „präformiert" (S. 45), und die
Umsetzung dieser Konzeption ließ sich bereits an den Ausstellungen zum 20.
Jahrestag des Mauerfalls ablesen.
Im folgenden widmen sich verschiedene Autoren dem Komplex „Verantwortung des
Historikers" in Umbruchszeiten (S. 63), speziell bezogen auf die "Wende"
1989/90.
Zunächst untersucht Mario Kessler, gestützt auf seine bisherigen, umfangreichen
Forschungen zur DDR-Geschichtswissenschaft, die Reaktion ihrer drei, in den
1990er Jahren noch aktiven „Gründerväter" Jürgen Kuczynski, Wolfgang Ruge und
Ernst Engelberg. Ausgehend von den „Spezifika der DDR-Gechichtswissensct«t" (S.
50ff,), jegliche Trennlinie zwischen Politik und Wissenschaft zu überwinden und
so auch keinen Methodenstreit zuzulassen, verdeutlicht er die nach 1989/90 zum
Teil schonungslosen, kritischen und selbstkritischen Äusserungen der „Altväter".
Sie bekannten sich zu ihrem Anteil am Scheitern und versuchten, wie E. Engelberg
schon im Frühjahr 1989 und W. Ruge 1990 und später in seinen Erinnerungen, sich
vor alllen mit dem verhängnisvollen Vermächtnis Stalins in der Geschichte des
Kommunismus auseinanderzusetzen.
Von subjektiv geprägten Erlebnissen und Beobachtungen ist der Beitrag Siegfried
Prokops zu diesem Thema getragen. Seiner Typisierung verschiedener „Verhaltens-
und Reaktionsmuster" unter DDR-Historikern nach 1990 (S. 63 f) ist sicher
zuzustimmen, auch, wenn es dazu weiterer Untersuchungen bedarf. Ähnliches gilt
für den in den 1970/80er Jahren beginnenden Paradigmenwechsel in der
DDR-Geschichtswissenschaft hin zur Sozialgeschichte, der parallel zur
Entspannungspolitik verlief und Kontakte zu bundesdeutschen Historikern möglich
machte, die aber nach 1990 kaum weiter bestanden.
Welche Rolle „Geschichte und Politik bei der Gründung der Historischen
Kommission der PDS" 1990 spielten, verdeutlicht Günter Benser, bis heute
zusammen mit dem Jubilar in der Historischen Kommission der Linkspartei tätig.
Der Autor, bis März 1990 noch Direktor des nach dem Gründungsparteitag der PDS
aus dem umstrittenen IML umgebildeten Instituts für Geschichte der
Arbeiterbewegung (IfAG), schaltete sich von Beginn an offensiv in den
Erneuerungsprozeß der SED ein, öffnete die Archive und erarbeitete zur
Konstituierung der Kommission im Juni 1990 „Thesen zum Umgang mit Geschichte".
Dort forderte er die Absage an ein starres „parteioffizielles Geschichtsbild"
(S.76), was die kritische und selbstkritische Aufarbeitung der SED- und DDR-
Vergangenheit einschloß: ein Problem, das bis heute die Diskussion in der
Historischen Kommission der Linken bestimmt (S. 78).
Welche Vorarbeit dazu die "sozialistischen Dissidenten" in der DDR leisteten,
jene Intellektuellen, die seit Mitte der 1950er Jahre den „wirklichen
Sozialismus" als Alternative zum „Staatssozialisnus" sahen, geht die
Wirtschaftswissenschaftlerin Anneliese Braun in ihrem Beitrag nach. Detailliert
versucht sie an Problemkreisen wie „Antistalinismus", „Freiheit "als Schlüssel
für den „wirklichen Sozialismus" und notwendige „Demokratisierung"(S.89)
Bleibendes aus den Überlegungen der Dissidenten für den notwendigen
Paradigmenwechsel der „sozialistischen Utopie" abzuleiten. Hineingestellt in das
jeweilige politische Umfeld der Jahre 1956/57, 1968 und 1978 untersucht A. Braun
die konkreten ökonomischen, politischen und ideologischen Vorstellungen von
Wolfgang Harich, Fritz Behrens, Robert Havernann, Rudolf Bahro u.a. für eine
„kommunistische Alternative". Sie macht die Stärken, aber auch die Begrenztheit
der jeweiligen Konzeptionen deutlich, den „Funken Hoffnung im Vergangenen" (M.
Brie) und die offenen, bis heute für die Linken ungelösten theoretischen Fragen
(S. 110).
Am Problem "Hat es in der DDR Antisemitismus gegeben?" setzt sich Horst Helas
zunächst generell mit der "Streitkultur“ der deutschen Linken auseinander, die
er eher von subjektiver als wissenschaftlicher Herangehensweise geprägt sieht.
Es war der 70. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938, der ihn zwang, sich mit
dem Verhältnis von Antifaschismus und Antisemitismus in der DDR
auseinanderzusetzen. Besonders hier sollte aus seiner Sicht eine differenzierte
Forschung erfolgen.
Ausser diesen, vorrangig auf Grundsatzfragen gerichteten Beiträgen greifen
andere auf historisch-politische oder aktuelle Erfahrungen im Umgang mit
Geschichte zurück. So macht Reiner Zilkenat in seinemn Vortrag „Historische
Forschungen zur Revolution 1918/19 in Deutschland" deutlich, warum der
„Zeitgeist" der "Außerparlamentarischen Opposition“ der BRD von 1967/68 auf die
„Räte" in der Novemberrevolution zurückkam und damit eine Auseinandersetzung
innerhalb der westdeutschen Historikerzunft auslöste. Anregungen für
emanzipatorisches Denken und Handeln, wie sie damals von sozialgeschichtlichen
Forschern wie E. Kolb, P. v. Oertzen oder R. Rürup ausgingen. wurden aus den
eigenen Reihen als unwissenschaftlich denunziert und damit wenigstens
vorübergehend der Prozeß einer „Entpolitisierung der Geschichtsschreibung in der
BRD" eingeleitet.
Am anschaulichsten läßt sich das Konferenzthema am „Politikum Gedenken-
Gedenktafeln in Berlin" verfolgen, dem Holger Hübner nachgeht. Als Mitarbeiter
der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlins ist er dem politischen
Geschehen nahe, listet so nicht. Nur die von den Nazis demontierten und später
wieder angebrachten Gedenktafeln auf (S.148ff), sondern wertet auch das Erinnern
in beiden Teilen der Stadt und nach 1989/90. Ein Politikum sind für ihn auch die
Orte, wo Tafeln angebracht oder Gedenksteine aufgestellt werden, so am Gleis 17
des Güterbahnhofs Grunewald zum Gedenken an die Berliner Juden.
Ein interessantes, in der Perspektive ausbaubares Forschungsthema behandelt
Alfred Loesdau, das unter dem Aspekt „Verstehen versus Verdrängen, Vergessen,
Verleugnen" sich Deutschland in bestimmten Lebenserinnerungen zuwendet. Er wählt
dazu die Memoiren solcher US-amerikanischer Historiker deutsch - jüdischer
Herkunft wie Hannah Arendt, George L. Mosse, Walter Laqueur, Peter Gay, Fritz
Stern, Georg Iggers und W. Michael Blumenthal aus. Er befragt sie nach dem
jeweils familiären Schicksal in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus
und ihren Erfahrungen in der deutschen Nachkriegszeit, auch mit der offiziellen
Historiographie (S. 162). Dabei kommen die Memoiren, die zwischen 1995 und 2007
erschienen und nicht nur vom persönlichen und kollektiven Erleben geprägt,
sondern bei diesen auch professionellen Historikern von objektiven Erkenntnissen
getragen sind, vielfach zu tieferen Analysen als der bundeshistorische
Mainstream. Der Blick von aussen, gespeist durch vielfältige praktische
Erfahrungen mit deutscher Politik nach 1949 bzw. 1989 erlaubt den Protagonisten
Einblicke und Wertungen unabhängig vom Tagesgeschehen.
Kaum ein anderer Beitrag des Bandes führt uns das „Politikum Geschichte" so
plastisch vor Augen wie der von Daniela Fuchs-Frotscher zu „Wroclaw und das
deutsche Erbe". Nach den Beschlüssen von Jalta und Potsdam Mittelpunkt der
polnischen Westgebiete, wurde diese Stadt - gestützt auf den Piastenmythos der
polnischen Historiographie - über Jahrzehnte zu einer „urpolnischen" gemacht.
Erst Ende der 1980er Jahre rückten ihre deutsche Vergangenheit und ihre
demokratischen Traditionen auch in Polen selbst propagandistisch wieder in den
Mittelpunkt.
Wie die deutsche Arbeiterbewegung historisches Gedenken zur Ausprägung ihres
progressiven Geschichtsbildes und proletarischen Klassenbewußtseins nutzte,
macht Ursula Herrmann am Thema „Politikum Geschichte in den Beratungen des
sozialdemokratischen Arbeitervereins Lichtenberg- Friedrichsberg" anhand des
Protokollbuches aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts deutlich. Zum ersten
Mal ausgewertet, widerspiegelt es die Höhepunkte im historischen Gedenken des
Vereins an die 1848-er Revolution, die Pariser Kommune oder die Todestage von
Marx und Lassalle, aber auch die jährlich wiederkehrenden Rituale wie die
Maifeiern. Bewußt gegen das herrschende Geschichtsbild {wie die Sedan- Feiern
von 1895) gerichtet, gehörten diese Formen von Bildungsarbeit, verbunden mit
Geselligkeit, bald zu den Stärken der deutschen Sozialdemokratie.
In einem letzten Beitrag verfolgt Hartmut Mehls den „Aufstieg der Blinden vom
Bettler zum Arbeiter" und macht den jahrzehntelangen mühevollen Weg deutlich,
den die aus Blindenanstalten entlassenen Zöglinge vom bettelnden Musiker in der
Mitte des 19. Jahrhunderts zum ausgebildeten Handwerker und schließlichen
Industriearbeiter in den 1930er Jahren gingen. Wenn sich dabei die Selbsthilfe
der Betroffenen in Gestalt von Vereinsbildungen mit praktischen Notwendigkeiten
wie im Ersten Weltkrieg traf, beförderte dies nicht nur die wirtschaftliche
Unabhängigkeit, sondern auch das Selbstbewußtsein der Blinden.
Soweit der bunte Strauß ausgewählter Beispiele zur „Rolle der .Geschichte in
öffentlichen Diskussionen". Ergänzt werden sie durch die umfangreiche Liste der
Veröffentlichungen Jürgen Hofmanns seit 1990 (S.235-246) und ein
Autorenverzeichnis.
Resümierend sei gesagt, dass vorliegender Band viele Ansätze zum Weiterdenken
bietet. Als erstes gehört dazu das breite Diskussionsangebot zum Thema. Täglich
aktuell erlebbar, verlangt es immer wieder nach einem sachgerechten und
differenzierten persönlichen Umgang mit historischen Ereignissen. Dass dabei
zweitens vorrangig eine Tiefenlotung bei der kritischen und selbstkritischen
Aufarbeitung der SED- und DDR-Geschichte im Mittelpunkt stand, macht diesen
Protokollband besonders für "Die Linke" interessant. Für sie und ihre Mitglieder
stellen sich die Fragen der (auch subjektiven) Annäherung an die historische
Wahrheit immer wieder neu. Als drittes sei auf den wissenschaftlichen
Methodenreichtum verweisen, den die Autoren praktizieren : beginnend bei der
Fragestellung und der unterschiedlichen Herangehensweise bis zu den
diskussionsoffenen Schlußfolgerungen. Nicht nur Fachhistoriker, sondern alle
Interessierten sind zur Diskussion aufgefordert.