Helmut Meier
Kleine Gärten einer großen Stadt – Die Kleingartenbewegung Berlins in nationaler und internationaler Sicht. Herausgegeben vom Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V., Redaktionelle Bearbeitung: Willi Ebeling, Werner Gahrig, Manfred Kassel, Alfred Loesdau. Verlag W. Wächter GmbH, Berlin 2007. 206 S.
Unter der Herausgeberschaft des Landesverbandes der Gartenfreunde Berlin ist dieser interessante Band erschienen, in dem die Geschichte des Kleingartenwesens in Berlin und seine aktuellen Entwicklungsprobleme abgehandelt werden. Manch einer wird sich fragen, was die Besprechung einer Publikation dieser Thematik in einem Periodikum zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu suchen hat. Die Frage selbst ist bereits ein Beweis dafür, dass die Auffassung vorherrscht, dass dieser Gegenstand in der Geschichte der Arbeiterbewegung nur geringe Bedeutung besitzt. Die Lektüre des vorliegenden Bandes belehrt eines Besseren.
Schon die Entstehung des Kleingartenwesens hängt eindeutig mit den durch die Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse aufbrechenden sozialen Fragen zusammen. Von zwei Seiten wurde die Errichtung von Kleingärten benutzt, um den entstandenen Problemen zu begegnen. Vertreter der herrschenden Klassen sahen in der Vergabe von Parzellen an Arbeiterfamilien eine Möglichkeit, deren materielle Notlage zu mildern, ohne ihre soziale Stellung grundsätzlich zu verbessern, und sie gleichzeitig vom politischen Kampf um ihre Rechte fernzuhalten. Aus der Arbeiterschaft selbst entwickelte sich das Bedürfnis, mit Hilfe der Kleingartenbewegung, zusätzliche Existenzmittel zu gewinnen und namentlich die Lebensbedingungen der Kinder zu verbessern. Aber auch hier wirkten die kapitalistischen Existenzbedingungen bedrohlich hinein. Zum einen galt es, gegen die ständig ansteigenden Pachten anzukämpfen, mit denen sich die Verpächter zu Lasten der Kleingärtner zu bereichern suchten. Viel gefährdender aber war der Verdrängungswettbewerb, den die privaten und die öffemtlichen Bodeneigner inszenierten, um Kleingartenflächen in Bauland zu verwandeln, Alle diese Probleme werden in dem vorliegenden Band sehr plastisch dargestellt. Angesicht der dabei behandelten Zusammenhänge bedauert man das Fehlen eingehender Untersuchungen über den Umgang der organisierten Arbeiterbewegung mit dem Kleingartenwesen. Sicherlich wird man dabei nicht daran vorbeikommen, kritische Feststellungen zu treffen. Sachkenner werden wissen, dass nicht nur in der kommunistischen Bewegung die Meinung vertreten wurde, dass Kleingärtnerei ein Ausweichen vor dem politischen Kampf sei und „kleinbürgerliches“ Verhalten befördere. Mitglieder der Arbeiterparteien haben sich dessen ungeachtet stets als engagierte Förderer der Kleingartenbewegung erwiesen, wie das am Beispiel des der SPD angehörenden Jürgen Hurt abzulesen ist, der viele Jahre als Vorsitzender die Geschicke des Landesverbandes Berlin der Gartenfreunde geleitet hat, und in diesem mehrfach seine Erfahrungen unterbreitet ( S. 7, S,138 ff. und S.154 ff.)
Da der Band zu nahezu allen das Thema berührenden Fragen Stellung nimmt, ohne sie bereits zu erschöpfen, regt er zu weiterführenden Forschungen an. Er verdeutlicht dadurch überzeugend, dass das scheinbar randständige Gebiet des Kleingartenwesens auf das engste mit nahezu allen die gegenwärtige und künftige Entwicklung der Gesellschaft betreffenden Problemen verwoben ist.
Unter der umsichtigen Federführung von Alfred Loesdau hat ein großer Autorenkreis diesen Band erarbeitet und den Gegenstand mit hoher Sachkunde behandelt.
Die Publikation ist in drei Komplexe unterteilt. In Teil 1 wird die Geschichte der Berliner Kleingartenbewegung von ihren Anfängen bis zur Gegenwart skizziert (S. 14 – 65 ). Teil 2 behandelt „Probleme der Kleingartenbewegung, ihre Ursprünge, gegenwärtige Erscheinungen und mögliche Lösungen“ ( S. 68 . 152 ), ist also vorwiegend inhaltlichen Fragen gewidmet. Der 3. Teil schließlich enthält „Erlebtes und Dokumentation“ ( S. 154 – 205 ). In ihm findet sich aufschlußreiches Material, in dem Gartenfreunde ihre Erfahrungen unterbreiten, sowie das Leben und die Entwicklung in den Gartensparten darstellen. Er schließt mit einer informativen Chronologie der Berliner Kleingartenbewegung.
Aus der Fülle der in diesem Buch enthaltenen Probleme seien nur einige wenige hervorgehoben. Die historische Entwicklung des Berliner Kleingartenwesens z. B. belegt auf plastische Weise, wie eng es mit der Berliner und darüber hinaus der deutschen Geschichte verwoben ist. Das gilt für das Wirtschaftsleben ebenso wie für das politische Geschehen. Die Sicherung der Kleingartenflächen gegen die allgegenwärtige Bauspekulation gehört ebenso dazu, wie ihre Rolle als materielle Existenzquelle in politischen Krisenzeiten, wie auch Nachkriegsperioden. Nicht zu vergessen, ihre Bedeutung als Unterschlupf gegenüber politischer Verfolgung, sei es während des Sozialistengesetzes im kaiserlichen Deutschland oder insbesondere im Widerstandskampf gegen das Naziregime. Selbstverständlich haben in die Kleingartenbewegung auch die unterschiedlichsten politischen Strömungen hineingewirkt. Neben politisch reformerischen und emanzipatorischen haben auch konservative bis nazistische Kräfte hier ihren Einfluß geltend gemacht. Diese Differenziertheit des Charakters der Kleingartenbewegung hätte man sich noch ausführlicher gewürdigt gewünscht. Daß sie nur in Andeutungen in dem Band zur Geltung kommt, ist sicherlich ein Ausdruck des derzeitigen Forschungstandes.
Hervorhebung verdient die um Sachlichkeit bemühte Darstellung der Entwicklung des Kleingartenwesens in Ost- und Westberlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier wird deutlich gemacht, auf welche Weise die Kleingärtner durch die politischen Verhältnisse und namentlich die Folgen des „Kalten Krieges“ betroffen waren. Die Darstellung leidet jedoch unter einem Mangel, der die offizielle Geschichtsauffassung über diese Periode generell belastet. Es wird ungenügend deutlich, dass die Teilung Deutschlands und auch Berlins nicht einseitig dem Osten angelastet werden darf. Für die Auseinanderentwicklung trugen sowohl die Westmächte als auch die Sowjetunion, sowohl die westdeutschen politischen Kräfte als auch die der DDR Verantwortung.
Da aber die Aktivitäten der Kleingärtner aus Ost- und Westberlin in dem Band behandelt werden, kommen die ihnen gemeinsamen wie auch die unterschiedlichen Probleme zur Geltung. Das macht deutlich, dass die vereinfachte Darstellung hier „Demokratie“ dort „Diktatur“, hier Eigenständigkeit dort politische Unterordnung der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Dem massiven Protest der Westberliner Kleingärtner in den Jahren 1970 und 1989 gegen die gegen ihre Interessen gerichtete Senatspolitik stehen die nicht minder wirksamen Abwehraktionen der Ostberliner Kleingärtner in Prenzlauer Berg gegen die Umwandlung großer Kleingartenflächen in Bauland bzw. als Grenzstreifen zur Seite. Immerhin ist in der DDR im Gegensatz zu Westberlin trotz Beanspruchung von Kleingärten für das Neubauprogramm die Zahl der Kleingartensiedlungen bedeutend gestiegen, indem für die behauten Areale Ersatzflächen zur Verfügung gestellt wurden. Allerdings muß man in Rechnung stellen, dass die Westberliner Möglichkeiten wegen der Insellage der Stadt begrenzt waren. Die gemeinsamen Anliegen haben in diesem gesellschaftlichen Bereich die Annäherung zwischen den beiden Stadtteilen leichter gemacht. So machen die Autoren nachdrücklich darauf aufmerksam, dass in dem nunmehr wieder einheitlichen Berlin die Existenz der Kleingartenanlagen einer ständigen Bedrohung durch Stadtplanung und Bodenspekulation unterliegen, gegen die es sich mit geballter Kraft entgegen zu stellen gilt.. Damit ist ein akutes Problem für die Berliner Kleingartenbewegung in der Gegenwart und für die Zukunft angesprochen.
Eine Reihe von Beiträgen beschäftigt sich mit der Rolle von Kleingartenanlagen für eine sinnvolle Stadtentwicklung. Sie greifen eigene und internationale Erfahrungen über die Bedeutung von durch Bürger genutzten Grünbreichen in dicht bevölkerten Ballungszonen auf. Es erweist sich dabei, dass die Motivationsbreite für Kleingärten sich verändert hat. Wenn auch die für den unmittelbaren Lebensunterhalt und den Aufenthalt in frischer Luft für Kinder aus Arbeiterfamilien gedachte Anlage von Gärten nicht mehr allein im Vordergrund steht, ist diese Motivation nicht völlig überflüssig geworden, wie das sächsische Beispiel von „Tafelgärten“ zeigt.[1] Sie bedeuten, dass Arbeitslose brachliegende Gartenflächen bebauen und die Erträge genutzt werden, um den sogenannten „Tafeln“ Lebensmittel zuzuführen, die dafür sorgen, dass sozial Benachteiligte verköstigt werden bzw. mit verbilligten Nahrungsgütern versehen werden können. Wie man sieht, ergeben sich in der bestehenden Gesellschaft immer wieder neue Formen von Notlagen, wie sie es auch in vergangenen Zeiten gab.
Darüber hinaus ergeben sich immer dringlicher neue Erfordernisse, für die Beibehaltung und den Ausbau des Kleingartenwesens einzutreten, bzw. schon immer triftige Gründe erhalten zusätzliches Gewicht. Heide Hoffmann hat in ihrem Beitrag auf neue sozialpolitische Funktionen der Kleingärten in Berlin für die Gegenwart und Zukunft hingewiesen (S. 73 ff.).
So verweist sie auf die bedeutsame gesundheitspolitische Bedeutung, die der Tätigkeit in den Kleingärten beizumessen ist. Körperliche Betätigung in naturnaher Umgebung bildet einen wichtigen Ausgleich für „stressige“ Berufsarbeit. Zudem stellt sie auch ein probates Mittel gegen die grassierende Bewegungsarmut des modernen Stadtbewohners dar. Mit Nachdruck betont die Autorin die Bedeutung des Kleingartenwesens für die Ausgestaltung einer lebendigen demokratisch strukturierten Zivilgesellschaft. Die Gartenvereine und –sparten funktionieren nur durch das Engagement der Kleingärtner selbst. Alle für die Gemeinschaft notwendigen Arbeitsaufgaben müssen gemeinsam erörtert und gelöst werden. Dabei dominiert die ehrenamtliche Arbeit. Als ein neues Moment hat sich in Berlin das Kleingartenwesen als eine Sphäre der Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft bewährt. Die Vergabe von Kleingärten an Einwanderer hat dazu geführt, dass ihre Familien rascher heimisch wurden, da sich Kontakte mit den deutschen Gartenfreunden entwickelten und sie voll in das Vereinsleben einbezogen wurden. Die Migranten brachten in das Vereinsleben durch ihre Sitten und Gebräuche neue Akzente ein und machten ihre Nachbarn mit neuen Pflanzen und Gewächsen bekannt. Insofern kann man die Kleingartenbewegung als ein Feld der Einübung von Toleranz bezeichnen. Werner Gahrig erinnert bei diesem Thema an eine weit zurückliegende Berliner Tradition, nämlich an den Beitrag der Hugenotten für die Entwicklung der Berliner Gartenkultur (S.125 ff.).
Eine wesentliche Funktion der Kleingartenbewegung bleibt die Unterstützung von sozial schwachen Familien. Aber auch generell hat sich Betätigung in der Gartenarbeit als ein Beförderungsmittel des familiären Zusammenhalts bewährt.
Ohne Frage gewinnen die Kleingartenareale in Großstädten überall eine wachsende Bedeutung für deren Naturhaushalt. Neben den öffentlichen Parkanlagen und Stadtforsten sind sie so etwas wie die „grünen Lungen“ der Städte, die dafür Sorge tragen, dass diese nicht zu unwirtlichen Steinwüsten verkommen. Gert Groening hat diese Tatsache unterstrichen (S. 68 ff.) und vor allem die weltweite Dimension des Kleingartenwesens hervorgehoben (S.142 ff.). In diesem Sinne hat sich auch die Generalsekretärin des Office International du Coin de Terre et des Jardins Familiaux, Malou Weirich, in ihrem Geleitwort für den Band geäußert und damit ebenfalls deutlich gemacht, dass es sich bei dem behandelten Gegenstand nicht nur um eine Berliner Besonderheit handelt.(S. 6).
Es wird bekanntlich z. Zt. vehement über die dringende Notwendigkeit diskutiert, die Umweltpolitik effektiver zu gestalten und den Gefahren eines drohenden Klimawandels zu begegnen. Ohne Frage ist dabei auch der Umgang mit dem Kleingartenwesen gefragt. Hier handelt es sich um eine bereits vorhandene und bewährte Form der Einbeziehung der Natur in das Leben der Gesellschaft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Band ein leidenschaftliches Plädoyer für die Berücksichtigung der Erfahrungen der Kleingartenbewegung für eine den modernen Erfordernissen gerecht werdende Stadtentwicklungspolitik ist. Zu deren Aufgaben es gehören muß, diesen Bestandteil des Stadtlebens nicht nur zu erhalten, sondern ihn bewusst und zielstrebig in Zukunftskonzepte einzubeziehen. Insofern ist es nicht abwegig die Frage zu stellen, inwieweit die in der Tradition der Arbeiterbewegung stehenden politischen Kräfte sich der Aufgabe bewusst sind, diese Seite in das Blickfeld zu nehmen, wenn über eine alternative Politik nachgedacht wird.
[1] Vgl. hierzu. Geschichte des kleingartenwesens in Sachsen. Zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung des „Verbandes von Garten- und Schrebervereinen“ 1907, hrsg.v. Landesverband der Kleingärtner e. V.,Dresden 2007, S. 410.