Helmut Meier [16. Oktober 2007]:

Werner Dietrich: Widerstand und Verfolgung in Zeitz 1933 – 1945 – Antifaschistische Lebensbilder. In: Wider das Vergessen. Heft 5, Halle/Saale 2005, 64 S.; Derselbe: Max Dankner - Biographische Skizze eines kämpferischen Antifaschisten. In: Wider das Vergessen, Heft 6, Halle / Saale 2006, 51 S..

Beide Veröffentlichungen, auf die hier aufmerksam gemacht werden soll, beruhen auf eingehenden archivalischen Studien. In ihnen wird überzeugend nachgewiesen, mit welcher Brutalität das Naziregime seine politischen Gegner verfolgte. Der Lebens- und Leidensweg der behandelten Personen zeigt aber auch, woher sie die Kraft nahmen, um dem nazistischen Regime zu widerstehen. In den beiden Schriften werden Widerstandskämpfer aus dem kommunistischen und sozialdemokratischen Lager vorgestellt, die sich aufgrund ihrer politischen Überzeugung dem Druck der Nazidiktatur entgegenstellten. Sie hatten sich entschieden, im Interesse der arbeitenden Menschen für sozial gerechte und menschenwürdige gesellschaftliche Verhältnisse einzutreten und bekämpften daher den Faschismus als menschenfeindliches und friedensbedrohendes System.

Die Stadt Zeitz kann sich rühmen, zu jenen Orten in Deutschland gehört zu haben, in denen es einen niemals erlahmenden organisierten Widerstand gegen die Nazidiktatur gab. Der Autor macht das an fünf besonders markanten Vertretern deutlich.

Zu ihnen gehörte Prof. Dr. Rudolf Agricola (S. 6 ff.). Den gebürtigen Kurpfälzer verschlugen berufliche Verpflichtungen nach Zeitz, wo er sich 1933 der KPD anschloss, nachdem er bis dahin der SAP Er war bemüht, im antifaschistischen Widerstand die Verbindung zu ehemaligen Sozialdemokraten und SAP-Mitgliedern zu suchen. Da er durch seine Aktivitäten während der Weimarer Republik bekannt geworden war, geriet er von Anfang an ins Visier des nazistischen Verfolgungsapparates. Anhaltenden Verfolgungen ausgesetzt blieb er seinen Überzeugungen treu. Nach der Zerschlagung des Faschismus gedachte er zunächst in seiner pfälzischen Heimat am demokratischen Neuaufbau teilzunehmen, musste aber bald erkennen, dass ihm als Kommunisten zunehmend Hindernisse in den Weg gelegt wurden. So nahm er einen Ruf an die Martin.-Luther-Universität Halle-Wittenberg an, deren Rektorat er zwischen 1951 und 1953 innehatte. Einige Jahre stand er im diplomatischen Dienst der DDR, kehrte aber dann in die Wissenschaft als Direktor des Nordischen Instituts der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald zurück, eine Funktion, die er bis zu seiner Emeritierung 1965 bekleidete.

War Rudolf Agricola einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die dem Naziterror die Stirn boten, so war Richard Dietrich ein typischer Vertreter der antifaschistischen Kämpfer aus der Arbeiterschaft (S. 22 ff.). Soziale Herkunft und Lebenserfahrungen hatten ihn früh veranlasst, der SPD beizutreten, der er bis zur Vereinigung mit der KPD 1946, abgesehen von einer zwischenzeitlichen Mitgliedschaft in der USPD, treu blieb. Seit 1921 war er in Zeitz ansässig, wo er sich als Gewerkschaftsfunktionär und engagierter Autor der SPD-Presse einen Namen machte. Auch in Zeitz standen sich Kommunisten und Sozialdemokraten nicht gerade freundlich gegenüber. Erst nach dem Machtantritt des Faschismus gelang es, zu gemeinsamen Aktionen gegen den gemeinsamen Feind zu finden. Daran hatte Richard Dietrich keinen geringen Anteil. Auch er war von Beginn der Nazidiktatur Verfolgungen ausgesetzt, die ihn schließlich in das KZ Sachsenhausen führten. Erst die Niederlage des Naziregimes bedeutete für ihn Befreiung und Heimkehr, wo er sich sofort für den gesellschaftlichen Neubeginn engagierte. Er wurde besonders in der Kommunalpolitik und bei der Propagierung antifaschistischer Gesinnung aktiv.

Ein ähnliches Schicksal erlebte Walter Retterath ( S. 52 ff.) . Auch er gelangte auf der Suche nach Arbeit nach Zeitz. Erfahrungen seines Arbeitslebens und Kriegserlebnisse bestärkten ihn in seinen sozialistischen Überzeugungen, die ihn zunächst in die Sozialdemokratie später in die Reihen der KPD führten. Auch er hatte sich stark in der Gewerkschaftsarbeit engagiert, ehe er in Parteifunktionen tätig wurde. Sein Bekanntheitsgrad in der Region bedeutete, daß er von Beginn der Nazizeit Verfolgungen ausgesetzt war. So wurde er von einer Haftanstalt in die andere verfrachtet und landete schließlich im KZ Buchenwald, dass er erst nach der Befreiung als freier Mann verlassen konnte. Heimgekehrt stürzte er sich in die Aufbauarbeit. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Gewerkschaftsarbeit, die ihn zeitweilig in den Bezirk Cottbus verschlug. Die Stadt Zeitz würdigte sein Kämpferleben mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

Ein besonders tragisches Schicksal erlitt Dr. med. Gustav Flörsheim (S. 40 ff.) Der aus Hessen stammende jüdische Arzt überlebte die Nazizeit nicht. Nicht nur die aktive Mitgliedschaft in der SPD und der sich daraus ergebende Widerstand gegen den Nazismus, sondern auch seine jüdische Herkunft waren Gründe dafür, dass er sich der Verfolgung durch das nazistische Terrorregime ausgesetzt sah. Er hatte sich besonders in der medizinischen Betreuung von Arbeiterfamilien einen guten Ruf erworben. Dem suchten die Nazis durch rassistische Verunglimpfungen entgegenzuwirken. Seine Unbeugsamkeit bezahlte er mit Einkerkerung, während der er schweren Misshandlungen ausgesetzt war, die ihn schließlich das Leben kosteten.

Ein besonderes Heft hat Werner Dietrich dem Antifaschisten und Kommunisten jüdischer Herkunft, Max Dankner gewidmet. Der gebürtige Dresdener trat zunächst der SPD bei, wandte sich aber später der KPD zu. Den Einstieg in die politische Arbeit vollzog er als Gewerkschaftsfunktionär, wo er sich besonders für die Arbeitsbedingungen der Lehrlinge und Jungarbeiter einsetzte. Wie von ihm bezeugte Aussagen erkennen lassen, fühlte er sich besonders deswegen in der Arbeiterbewegung zu Hause, weil er hier keine antisemitischen Vorurteile vorfand (Vgl. S. 10). Dankner hatte besonderen Anteil am Aufbau der kommunistischen Jugendorganisation im Dresdner Raum. Da machte ihn den Nazis besonders verdächtig, und so wurde er bereits 1933 verhaftet, sollte aber wegen der galizischen Herkunft seines Vaters als „unliebsamer Ausländer" Deutschland verlassen. Das gestattete ihm, in die Tschechoslowakei auszureisen, wo er sich im Auftrage seiner Partei besonders der Organisation der illegalen Grenzarbeit annahm. Nachdem seinem Wunsche stattgegeben worden war, sich im Rahmen der Internationalen Brigaden am Abwehrkampf der spanischen Republik gegen die Franco-Putschisten zu beteiligen, begab er sich nach Spanien, wo er in den Reihen des Thälmann-Bataillons kämpfte. Nach der Niederlage der spanischen Republik trat er mit anderen Spanienkämpfern nach Frankreich über, wo er im Lager St. Cyprien interniert wurde. Der Auslieferung an die Nazis entzog er sich durch Flucht. Er schloss sich danach der französischen Resistance, in deren Reihen er als Leutnant den antifaschistischen Kampf fortsetzte. Nach der Befreiung kehrte er in sein Heimatland zurück, um sich aktiv am Aufbau eines neuen Deutschland zu beteiligen. Er übernahm Parteifunktionen im Land Sachsen-Anhalt und später im Bezirk Halle. Auf Parteibeschluss wurde ihm die Aufgabe übertragen, als Bezirksvorsitzender des FDGB zu wirken. In dieser Funktion geriet er in Konflikt mit der damals verfolgten Parteilinie, die darauf hinauslief, die Gewerkschaften nicht so sehr als eigenständige Vertretung der Arbeiterinteressen anzuerkennen, sondern als Erfüllungsorgan der Politik der SED. Da Dankner nicht bereit war, seine Auffassung von gewerkschaftlicher Interessenvertretung aufzugeben, wurde er seiner Funktionen enthoben und in den Ruhestand versetzt. Als Parteiveteran setzte er jedoch seine Bemühungen um die Bewahrung des antifaschistischen Erbes in der DDR fort und widmete sich vor allem dem Gedenken an die Spanienkämpfer.

Die Darstellungen über Leben und Wirken von Max Dankner, Richard Dietrich, Rudolf Agricola, Walter Retterath und Gustrav Flörsheim belegen die unbestreitbare Tatsache, dass die überzeugtesten Anhänger der Arbeiterbewegung auch die entschiedensten Kämpfer gegen den Faschismus stellten. Das ins öffentliche Bewusstsein zu heben, ist schon allein ein Verdienst, wird doch seit der staatlichen Vereinigung Deutschlands alles getan, um insbesondere den antifaschistischen Beitrag namentlich der Kommunisten in Frage zu stellen, wobei bei dieser Gelegenheit auch Widerstandskämpfer aus der Sozialdemokratie in Mitleidenschaft gezogen werden, erst recht, wenn sie als Bürger der DDR Mitglieder und Funktionäre der SED waren. Wie anders soll man es bewerten, dass die Straßen in Zeitz, die Dr. Gustav Flörsheim und Walter Retterath gewidmet waren, in den 90er Jahren umbenannt wurden.

Die Forschungen von W. Dietrich machen auch verständlich, warum solche aktiven Widerstandskämpfer, wie Max Dankner, Richard Dietrich, Walter Retterath und Rudolf Agricola nach der Befreiung Deutschlands ihre Kräfte in den Dienst des gesellschaftlichen Neuanfangs im Osten Deutschlands und der späteren DDR stellten. Das lässt sich nur erklären, weil sie trotz vieler Konflikte und Probleme mit gutem Gewissen hier von einem bestehenden antifaschistischen Grundkonsens ausgehen konnten.

Allerdings weicht der Autor auch nicht der Tatsache aus, dass in der DDR durch die Festlegung auf das sowjetische Gesellschaftsmodell eine zunehmende Verengung des antifaschistischen Selbstverständnisses erfolgte, die schließlich zu seiner vereinfachten Identifizierung von Antifaschismus und Parteipolitik der SED führte, so dass er als Legitimationsmittel der Politik zu verkümmern drohte. Das hat dem antifaschistischen Gedanken in der DDR ohne Frage geschadet. Der Autor arbeitet das am Schicksal von Richard Dietrich, Walter Retterath und vor allem Max Dankner sehr plastisch heraus. Sie sahen sich z.T. unsinnigen Anfeindungen wegen „Sozialdemokratismus" und „Versöhnlertum" gegenüber und mussten, wie Max Dankner auch Verdächtigungen als „Westemigranten" über sich ergehen lassen. Letzterer wurde zudem wegen Differenzen mit der Parteilinie der SED in den 60er Jahren trotz seiner großen Verdienste im antifaschistischen Widerstand aus seinen gewerkschaftlichen und Parteifunktionen verdrängt.

Dieses Herangehen des Vfs. ist ein überzeugender Beleg dafür, dass eine sachlich-kritische Darstellung des Umgangs mit dem antifaschistischen Widerstandskampf in der DDR befähigt, sowohl die unbezweifelbare Tatsache zu würdigen, dass in der DDR bis zu ihrem Ende der antifaschistische Grundansatz lebendig blieb und gleichzeitig die Verengung und Routinisierung des Umgangs mit dem Erbe des Antifaschismus einer unnachsichtigen Kritik unterworfen werden kann. Die seit den 90er Jahren zu beobachtenden Bestrebungen, die antifaschistischen Bildungs- und Erziehungsbemühungen in der DDR zu entwerten, müssen dagegen auch dafür verantwortlich gemacht werden, dass es gegenüber neonazistischen Umtrieben zu einer verminderten Gegenwehr gekommen ist. Das in der DDR durchaus stillschweigend akzeptierte Verdikt über den Nazismus wurde als nicht mehr gültig und rechtens hingestellt und von neonazistischen Bestrebungen der Makel der Ungehörigkeit genommen. Statt durch Überwindung der Defizite und Verengungen die antifaschistische Grundtendenz zu bekräftigen und zu verfestigen, wurde damit bereits Erreichtes und Bewährtes in Frage gestellt.

Deshalb ist sehr zu wünschen, dass ähnliche Unternehmungen, wie sie mit der Reihe „Wider das Vergessen" in Sachsen-Anhalt unternommen wurden und werden, auch anderswo Nachahmer finden und öffentliche Unterstützung finden.

STARTSEITE