Lothar Tyb’l [Januar 2008]
Sebastian Cwiklinski „Wolgatataren im Deutschland des Zweiten Weltkrieges“, Islamkundliche Untersuchungen, Band 243, Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2002
In dem folgenden Text geht es nicht um eine umfassende Rezension, die alle Vor- und Nachteile, überzeugenden Seiten und neuen Erkenntnisse dieser Arbeit analysiert, wie sie Patrik von zur Mühlen aus seiner Sicht schon vorstellte, sondern um einige kritische Bemerkungen und Einwände.
1. Nach Meinung des Autors ist der ‚polyzentrische Charakter’ des NS-Regimes auch für ‚die Sowjetunion betreffende Fragen’ (S.9) wichtig gewesen. Die These vom polyzentrischen Charakter des NS-Regimes ist generell zweifelhaft und bezüglich der Ostpolitik erst recht. Dass die verschiedenen Einrichtungen und Institutionen arbeitsteilig an die sowjetischen Angelegenheiten herangingen ist doch selbstverständlich und hat nichts mit Polyzentrismus zu tun. Richtig ist auch, dass es Unterschiede und zum Teil auch gegensätzliche Standpunkte gab, die nicht übersehen werden dürfen und auch praktische Auswirkungen hatten. So begann beispielsweise die Waffen-SS aus rassistischen Überlegungen erst im Januar 1944, also zwei Jahre nach der Wehrmacht, ostvölkische Einheiten aufzustellen. Die hier behandelten Institutionen und Personen waren jedoch dem wesentlichen Grunde und ihrer Praxis nach ‚unizentrisch’ bezüglich ihrer a) antikommunistischen, b) antisowjetischen und c)antinationalen Haltung, gegenüber den verschiedenen Sowjetvölkern, die Wolgatataren eingeschlossen. Einen Nachweis des Gegenteils erbringt die Publikation nicht. Aus den Analysen ist ersichtlich, dass keine der Einrichtungen des NS-Regimes einen selbständigen Nationalstaat der Wolgatataren als Ziel verfolgte. Die These vom Polyzentrismus öffnet zwar den Blick für Unterschiede im NS- Regimes, trägt hier jedoch zugleich dazu bei, die Verantwortung verschiedener Personen und Institutionen für die Ostpolitik des NS-Regimes unterschwellig zu relativieren. So wird die Rolle des Auswärtigen Amtes, besonders dessen Turanismus-Politik (von Hentig, Hilger) kaum analysiert, die Zentrale für Ostforschung (ZfO) unter Prof. von zur Mühlen nicht erwähnt, die Rolle der Wehrmacht neben der SS und dem SD bei der Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener nach dem Überfall 1941 nicht dargestellt und die Rolle der ‚Vertreter der Wissenschaft’ wie von Mende und Spuler wird in nahezu vornehmer Art behandelt. Heinz Unglaube, der im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete die Tatarische Leitstelle führte und im Reichsicherheitshauptamt der SS das Sachgebiet Idel-Ural aufbaute, wird keineswegs kritisiert; im Vorwort wird ihm vom Autor sogar gedankt für die zur Verfügung gestellten Materialien. Ob und wie kritisch sich Unglaube zu seiner Nazi-Verstrickung verhielt, bleibt offen. Beim notwendigen Eingehen auf die unterschiedliche Nuancen im Verhalten zu den ‚Ostvölkern’ geht in diesem Buch fast völlig unter, dass alle diese Einrichtungen und Personen aktiv eingebunden waren in eine verbrecherische Politik, die über 60 Millionen Menschen, darunter 27 Millionen Angehörigen der Sowjetvölker, das Leben kostete und Europa in ein Trümmerfeld verwandelte.
2. In der abschließenden Bilanz hebt der Autor das Für und Wider einer Einordnung des Tatarischen Kampfbundes und der Wolgatatarischen Legion in die tatarische Nationalbewegung hervor. Nach seiner Auffassung ‚trennt’ deren Verflechtung mit der NS-Ostpolitik und Propaganda und der Antisemitismus diese ‚von allen anderen Strömungen des tatarischen Nationalismus’. (S. 126) Diese These könnte den Leser versöhnlich stimmen, wenn sie nicht inkonsequent wäre. Seiner realen Bedeutung nach waren das Wirken des Kampfbundes und der Legion nicht nur vom tatarischen Nationalismus getrennt, sondern ihm entgegengesetzt, antinational. In der Umarmung mit dem NS-System konnte das auch nicht anders sein. Darin besteht dann auch das historische Versagen solcher Leute wie der ‚Alt- und Jung- Emigranten’ und Kollaborateure um Alim Idris, Ayaz Ischaki, Ahmet Temir, Garip Sultan, Abdurrahman Schafi–Almas, Schihab Nigmati und anderer. Sie standen nicht ‚zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern’, sondern hatten sich freiwillig entschieden, als Teil des faschistischen Machtapparates zu agieren. Die nationale Ehre retteten nicht sie, sondern jene Wolgatataren, die innerhalb der faschistischen Strukturen Widerstand leisteten, zur Roten Armee überliefen, ihren Einsatz für das NS-Regimes sabotierten oder allein aus Gründen, ihr Leben zu sichern, in den Ostlegionen Dienst taten. Das aber hebt das Buch nicht hervor; es quält sich über viele Seiten, um dem mit dem Faschismus verknüpften Nationalismus dieser Emigranten überzeugende Seiten abzugewinnen und widmet sich kaum dem wirklichen nationalen Kampf der Wolgataren in jener Zeit, der in antifaschistischen Aktionen und im Kampf in den Reihen der Roten Armee, in der Rüstungsindustrie der Sowjetunion oder im Aufbau Baschkiriens seinen besten Ausdruck fand. Man darf auch fragen, ob der bekundeten Verbundenheit des Autors mit Ahmet Temir und Garip Sultan deren Eingeständnis zugrunde liegt, in dem großen Menschheitsringen von 1941-45 auf der falschen Seite der Barrikade, gegen die Anti-Hitler-Koalition, gestanden zu haben.
3. Der tatarische Nationalismus wird nicht nur zur deutschen Ostpolitik des NS-Regimes in Beziehung gesetzt, sondern in bescheidenem Maße auch zum Bolschewismus, genauer, zur Nationalitätenpolitik der Sowjetunion. (S. 108) Seiner Rezeption in der DDR wird nicht mehr als ein Blick zugeworfen.( S.110) Die hierbei berechtigten kritischen Worte sind jedoch im Gegensatz zu anderen Kapiteln sehr plakativ und oberflächlich, entbehren einer differenzierten Sicht und bedienen eher gängige Klischees. Die Frage, welche positiven Auswirkungen das Sowjetsystem für den tatarischen Nationalismus in Theorie und Praxis brachte, neben den Restriktionen, der Russifizierung und den Anfeindungen wird nicht beachtet. Die Behandlung der Rezeption dieses Themas in der DDR hat nicht nur erhebliche Lücken, sondern gibt insgesamt nicht viel her. Der beachtliche Beitrag des MfS zu diesem Thema wird missachtet, nicht kritisch ausgeleuchtet, Leon Nebenzahl vergessen und die spezifischen Rezeptionsbedingungen in der DDR nicht ins Blickfeld gerückt.
4. Wie bei manchen anderen
Historikern findet man bei Sebastian Cwiklinski das folgende charakteristische
Denkmodell: Während des kalten Krieges hat jede der beiden Seiten aus
politischen Gründen die Geschichte verzerrt dargestellt, im Osten natürlich
viel mehr als im Westen und jetzt, nach dessen Beendigung, sei die Geschichte
nunmehr Gegenstand objektiver Betrachtung und einer Ideologisierung und
Politisierung entzogen. Tatsächlich gibt es Fortschritte in der Forschung, so
auch durch Sebastian Cwiklinskis Arbeit. Insgesamt aber bleibt dieses
Denkmodell eine schöne und gefährliche Illusion. Der einerseits sorgfältige,
nicht zuspitzende Stil des vorliegenden Buches verdeutlicht andererseits, dass der Autor dieser Illusion
erlegen ist. Er tut niemandem wirklich weh, weder Freund noch Feind, weder Gegner noch Andersdenkenden, alles ist gut
ausbalanciert und ausgewogen, sowohl als auch und bleibt dem Urteil des Lesers
überlassen. So erliegt der selbstbewusste, kämpferische Geist der Wissenschaft
ganz still und leise der weltanschaulichen und politischen Beliebigkeit, wie
sie im Alltag um sich greift, den an den Machtschrauben Befindlichen zur
inneren Freude. Die Geschichtswissenschaft ist nicht mehr schnöde Magd der
Politik, nein, nein, sie wird deren gleichgültige Konkubine.