Helmut Meier:

 

Dorle Zilch: Millionen unter der blauen Fahne. – Die FDJ – Zahlen, Fakten, Tendenzen, 1946 bis 1989. Unter besonderer Berücksichtigung  der Funktionäre und der Mädchenpolitik. In: Gesellschaft-Geschichte-Gegenwart. Schriftenreihe des Vereins „Ge3sellschaftswissenschaftliches Forum e.V.“, Berlin, herausgegeben von Karin Kulow und Helmut Meier, Bd. 38, Berlin, trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang weist, Berlin 2009, 461 S.

 

Fünfzehn Jahre liegen zwischen dem vorliegenden Band und der 1994 erschienen ersten Veröffentlichung von Forschungsergebnissen zur  Struktur der FDJ, die Dorle Zilch im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms für die neuen Bundesländer betrieben hatte. Damals ging es zunächst um die generelle Mitgliederentwicklung des Jugendverbandes. Nunmehr hat sie  eine spezifische Detailuntersuchung vorgelegt, in der zunächst der Anteil der Mädchen und jungen Frauen an der Mitgliedschaft und am Funktionärskörper aufgehellt wird (S.21 ff.). Damit verbinden sich interessante Aussagen zur Mädchenpolitik  des Verbandes. Ein weiterer Gegenstand  ist die Altersstruktur der Mitgliedschaft und der Funktionäre (S. 63 ff.). Dann folgt eine Aufgliederung der Sozialstruktur für den Gesamtverband und die Funktionäre (S.71 ff.). In diesem Zusammenhang legt sie dar, welche Rolle den Jugendbrigaden für den Organisierungsgrad der Jugend in der DDR zukam (S.81 ff.). Schließlich befasst sie sich mit der Parteizugehörigkeit und der Mitgliedschaft in Massenorganisationen bei FDJ-Mitgliedern und Funktionären (87 ff.). Interessante Aufschlüsse gewährt die Darlegung der politischen Bildungsbemühungen im Funktionärskörper der FDJ (S. 95 ff.).

Mit dem vorliegenden Band, der ein umfangreiches statistisches Material aufbereitet und zugänglich macht, hat Dorle Zilch dafür gesorgt, dass die FDJ zum am besten untersuchten politischen Strukturelement des gesellschaftlichen Systems der DDR geworden ist. Der Band ist in zwei Teile gegliedert. Einer reichlich hundert Seiten umfassenden Studie folgt ein umfangreicher Tabellenanhang (338 S.).

 

Die Autorin unterbreitet, gestützt auf das detaillierte Material, aufschlussreiche Erkenntnisse über die Entwicklung der Mädchen- und Frauenpolitik der FDJ in ihrer mehr als 40-jährigen Geschichte.  Sie hat dafür gesorgt, daß die zunächst zögerliche Mitwirkung von Mädchen und jungen Frauen in der FDJ sich zunehmend zu einem überdurchschnittllichen Anteil in den folgenden Jahren hin auswuchs. Das war der Tatsache geschuldet, daß sich die Verbandsführung stärker der Interessen der weiblichen Jugendlichen annahm und sich als Vorreiter ihres Strebens nach selbständiger und gleichberechtigter Teilnahme am gesellschaftlichen Lebens präsentierte.  Die FDJ trug unbezweifelbar dazu bei, das Bild von der gesellschaftlichen Rolle der Mädchen und Frauen in Richtung auf Gleichberechtigung zu verändern. Das geschah selbstverständlich nur schrittweise und unter den Bedingungen der Fortwirkung traditioneller Denkmuster in der männlichen Bevölkerung und der politischen Kräfte. Gerade an diesem Thema bewährt sich Dorle Zilchs sachlich-kritische und differenzierende Betrachtungsweise, die sich wohltuend vom in Deutschland üblichen Herangehen an die Geschichte der DDR unterscheidet.[1] Dorle Zilch arbeitet hingegen unmissverständlich die positiven Seiten dieses Prozesses heraus, ohne die verbliebenen Defizite zu verschweigen, die namentlich in der letztlich weiterhin patriarchalischen Struktur und Funktionsweise der DDR-Gesellschaft zu suchen sind. So entsteht ein differenziertes Bild, das die unleugbaren Fortschritte der Frauenemanzipation ebenso enthält wie die Tatsache, daß von einer Vollendung der Frauenbefreiung in der DDR keinesfalls die Rede sein konnte, was aber wohl bislang nirgendwo in der Welt erreicht wurde. 

Es wäre noch auf viele andere interessante Aspekte zu verweisen, die die Autorin darlegt.

So belegen ihre Forschungen auch für die von der FDJ überwiegend erfasste junge Generation, daß trotz lang wirkender Erosionserscheinungen die Abkehr von der Identifizierung mit der DDR erst sehr spät erfolgte, nachweislich erst um 1987. Zu einem ähnlichen Ergebnis waren auch Untersuchungen des Instituts für Jugendforschung in Leipzig gelangt. Ebensolche Erkenntnisse haben Forschungen erbracht, die breitere Bevölkerungsschichten erfassten.[2]

Die Stabilität der Entwicklung der FDJ führt Dorle Zilch besonders auf den hohen Organisierungsgrad der Schuljugend  zurück. Das kann man durchaus nachvollziehen, wie auch den Rückgang der Bindungen an die FDJ beim Eintritt in Berufsausbildung und Berufsleben. .Interessant  ist auch die feste Verankerung der FDJ in der Studentenschaft.  In diesem Zusammenhang sollte man jedoch nicht kurzschlüssig  folgern, daß dahinter eine unerschütterliche und eindeutige Identifikation mit der Politik der Verbandsführung und der politischen Verortung  der FDJ stand. Vielmehr muß man wohl dabei die Tatsache ins Auge fassen, daß für politisch Interessierte die FDJ ein Forum darstellte, in dem man sich engagieren konnte.  Überhaupt wird m. E. hinsichtlich der Entwicklungen am Ende der 80er Jahre ungenügend berücksichtigt, daß in der DDR ein starker Politisierungsgrad der Bevölkerung bestand,  der u. a. auch dazu führte, daß mit der Enttäuschung über die DDR-Entwicklung und dem zunehmenden Vertrauensverlust  der Führung  in der Bevölkerung die Bereitschaft erwuchs, politisch selbst in Aktion zu treten.  Die Demonstrationen 1989 stellten einen Protest gegen eine politische Führung dar, deren Handeln von der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert wurde. Die Geschehnisse vom Herbst 1989 sind ein Beispiel dafür, dass das Volk der DDR seine Rolle als Souverän, die ihm bislang immer eingeredet wurde, tatsächlich wahrnahm. Auch die FDJ hatte immer den  Anspruch erhoben, Handlungsform der Jugend zu sein. So darf es nicht verwundern, dass sich unter den  Akteuren des Herbstes 1989 nicht wenige ehemalige und amtierende Funktionäre der FDJ befanden, wobei  dabei nicht nur an die derzeitige Bundeskanzlerin zu denken wäre.

Nicht nur aus den  angezeigten Gründen ist dem vorliegenden Band eine aufmerksame Leserschaft zu wünschen.  Es erweist sich wieder einmal, daß penible Tatsachenforschung allemal mehr wert ist, als Sensationshistorie auf der Grundlage von gezielt ausgesuchten und aus dem Zusammenhang gerissenen Dokumenten.  

 

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[1]  Ein typisches Beispiel führt Olaf Baale in seinem Buch „Abbau Ost.  - Lügen. Vorurteile und sozialistische Schulden.  München 2008, S. 200 ff. an. Es handelt sich um die Darstellung der Lage der Frauen in der DDR in dem von MDR und WDR  verantwortete Media-´Projekt  www.damals-in-der-ddr.de, in dem diese Seite der DDR-Realität eine nur negative Darstellung fand.

[2]  Vgl. Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Institut für marxistisch-leninistische Philosophie. Studie: Ausgewählte Problme der Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins in der DD. Autoren: Frank Rupprecht / Karl-Heinz Thieme. Juli 1987, S. 8,. – Diese Untersuchung eefolgte in Betrieben  im Bezirk Dresden.