Anneliese Braun
Emanzipatorische Alternativen ohne Marx? Fragen an den Nachlassband mit Arbeiten von Rudolf Bahro. Notizen zu: Guntolf Herzberg (Hg.), Rudolf Bahro, Denker Reformator Homo politicus, Berlin 2007
Im Nachlassband vereint Herausgeber Guntolf Herzberg Arbeiten von Rudolf Bahro, die seit 1989 entstanden, einem breiteren Kreis von Interessenten bisher kaum oder gar nicht zugänglich waren. Dazu gehören vor allem Bahros Essay „Das Buch von der Befreiung aus dem Untergang der DDR" (1995), Materialien zu seinem Auftritt auf dem Sonderparteitag der SED (Dezember 1989), Vorlesungen an der Humboldt – Universität Berlin von 1990 bis 1997. Enthalten sind ebenfalls Interviews, die Bahro der „Jungen Welt" und dem „Spiegel" in den 90er Jahren gab. Einleitende Bemerkungen Herzbergs sowie Berichte und Kommentare zu Bahros Vorlesungen von Herzberg, Thomas Schubert, Maik Hosang, Reinhard Spittler, Erik Lehnert vervollständigen das Nachlassmaterial und geben informative Einblicke in Bahros Herangehen sowie wertvolle Hilfestellungen für eine Rezeption seiner Vorstellungen. Der Band wird abgeschlossen durch eine „Rudolf-Bahro-Bibliographie ab 1989" von Petra Christodulow (523ff.) und „Das Rudolf-Bahro-Archiv" von Sylvia Sieber (537ff.).
Der Nachlassband bildet eine unerlässliche Quelle, um sich in die Vorstellungen Bahros von „Die Alternative" über „Die Logik der Rettung" bis hin zu seinen kommunitären Praxen und zu seinen letzten Standpunkten in den Vorlesungen hineindenken zu können. Er bildet eine sehr begrüßenswerte und notwendige Ergänzung zum Biografieband von Herzberg/Seifert (Rudolf Bahro – Glaube an das Veränderbare, Berlin 2002), die Bahros Wandlungen und deren Beweggründe fassbarer macht. Bahros Weg führte ihn zunächst zur mutigen Kritik am Staatssozialismus, mit noch ziemlich unausgereiften alternativen Vorstellungen („Die Alternative"). Diese erweiterte er bekanntlich in den 80er Jahren des 20. Jh. zur Kritik am Staatssozialismus und am Kapitalismus; letztere allerdings in einer reduzierten und nicht auf den Punkt gebrachten Form einer Kritik am „Industriesystem" und an der „Megamaschine" (die Bahro von Lewis Mumford übernahm). In den 90er Jahren konzentrierte sich Bahro auf die Suche nach Wegen aus der „Ökologischen Krise", der er den Primat unter den zu lösenden Aufgaben zuwies und dabei allgemein emanzipatorische Anliegen mit einer gewollten Verbindung von „Ökologie" und „Kommunismus" beibehielt. Hosang charakterisiert Bahros Arbeiten als Beginn eines „integrativen human-sozial-ökologischen Theorieansatzes" (Hosang in: Herzberg, 281). Im Nachlassband wird deutlich, dass Bahro trotz vieler Irrungen und Wirrungen die Suche nach Wegen zu allgemeiner Emanzipation nicht aufgegeben hatte (u. a. Bahro in: Herzberg, 115), wobei manche seiner Ansätze selbst von seinen Mitstreitern schwer nachvollziehbar waren oder auch mit deutlicher Distanz aufgenommen wurden (vgl. z. B. Herzberg in: Herzberg, 195). Verschiedene Vorstellungen Bahros, wie die vom „Fürsten der Ökologischen Wende", von der notwendigen Kontrolle der entfesselten Profitmächte durch die Gesellschaft mit Hilfe eines „neuen Staates", vom verfassungsrechtlich zu schaffenden „Oberhaus", das alle Vorhaben auf Umweltverträglichkeit hin überprüfen solle ... dienen in der aktuellen Diskussion noch oder wieder als Bezugspunkte. Sie werden aber oft aus dem Kontext gerissen, in den Bahro sie gestellt hatte. Verschwiegen wird dabei meist, dass Bahro schon früh vor unbedachten „Notstandsmaßnahmen" gewarnt hatte, die er von „Rettungsmaßnahmen" unterschied. Bahro (1993): „Der jetzige Zustand weitgehender Immobilität in der politischen Struktur, die versagt, tendiert zur Einrichtung einer weltweiten Notstandsregierung, die ein Terrorsystem erster Güte sein dürfte." (Bahro in: Herzberg, 496).
Bahros Suche nachzuvollziehen, kann wertvolle Hilfestellungen geben, um an aktuelle emanzipatorische Alternativen heranzukommen. Seine Anliegen sind bis heute nicht erledigt. Ebenso gelten auch heute noch seine Erkenntnisse, dass ein Nur-Klassen-Herangehen nicht ausreicht (Bahro in: Herzberg, 92) und seine zumeist realistischen Einschätzungen über noch unbewältigte emanzipatorische politische Herausforderungen. Dabei muss aber auch im Blick behalten werden, dass Bahro vorwiegend „politiktheoretisch" gearbeitet hat (Bahro in: Herzberg, 95). Das machte ihn von anderen zeitgenössischen Ansichten jeweils sehr abhängig, in einer ganzen Reihe von Fragen gewissermaßen auch zu einem Spiegel einiger Milieus.
Bahros Umkehr
Bahros Fragestellungen treffen in dieser oder jener Form zusammen mit ähnlichen Problemstellungen, die derzeit mit der Analyse der jüngeren Vergangenheit, der Weiterentwicklung der Vorstellungen von Marx und Engels und der Suche nach schlüssigen Ansatzpunkten für emanzipatorische Alternativen verbunden sind. Dass es dabei auch gilt, eine ganze Reihe von Blockierungen im Denken zu durchbrechen, ist eigentlich selbstverständlich. Ein Versuch, Bahros alternativen Vorstellungen zu folgen – was nicht bedeutet, sie zu teilen – scheint am ehesten mit dem Blick auf sein methodologisches Herangehen möglich zu sein.
Grundsätzliche methodologische Fragen warf Bahro besonders mit seiner Interpretation der Marxschen Kommunismusvorstellungen als „Glücksmaterialismus" (Herzberg über Bahro in: Herzberg, 209) auf; mit seiner Reduzierung allgemeiner Freiheitlichkeit auf eine faktische Rückkehr zu einer Freiheit in der Notwendigkeit; mit einer Verabsolutierung des Primats der Politik und davon abgeleitet des Primat des Bewusstseins sowie mit der Behauptung vom Primat der Ökologie. Nicht zuletzt werden – vor allem in seiner schließlichen Ablehnung der Marxschen Vorstellungen von „Kommunismus" – aber auch folgenreiche Missverständnisse und offenkundige Fehlinterpretationen deutlich.
Mit seiner Kritik am Staatssozialismus in „Die Alternative" wurde Bahro international bekannt und berühmt. Diese Kritik kam aus einem Land des Staatssozialismus selbst und der Autor war deswegen verhaftet und zu acht Jahren Gefängnishaft verurteilt worden. Im Lande selbst erschien die erste Verlagsausgabe von „Die Alternative" bekanntlich erst 1990 (vorher kursierten lediglich wenige Exemplare, die von Bahro und seinen HelferInnen selbst hergestellt worden waren).
Bahros Vorstellungen über alternative Lösungswege waren allerdings in der internationalen Diskussion von Anfang an umstritten. In ihnen ist alles Spätere bereits im Grundsatz angelegt, ohne eine Fortsetzung davon zu sein. Bahro basierte in „Die Alternative" auf ausgewählten Vorstellungen sowohl von Marx und Engels als auch von Lenin und Mao. Das, was ihm für sein politiktheoretisches Anliegen sinnvoll schien, kombinierte er mit staatssozialismuskritischen, wie auch mit ausgewählten alternativen Auffassungen. Selbst eine Reihe von parteioffiziellen theoretischen Positionen hielt Bahro zunächst grundsätzlich bei, wenn auch im Konkreten korrigiert, wie seine Forderung nach Gründung eines neuen „Bundes der Kommunisten". Eine Rückkehr zu Vorstellungen von Marx und Engels bildete bereits hier keineswegs das alleinige Grundgerüst seiner Analyse, was darin zum Ausdruck kommt, dass Bahro schon hier die Ökonomie unterschätzte, durchgehend dem Primat der Politik über die Ökonomie folgte, eine im Ganzen inkonsistente Mischung entwickelte von materialistischen und von idealistischen Vorstellungen. Bahro versuchte hier aber auch noch, Praxis und Theorie im gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu verbinden.
In den der „Alternative" folgenden Arbeiten ist eine deutliche Wende zu erkennen, hin zu idealistischen Vorstellungen. Hat Bahro in „Die Alternative" noch „Selbstverwirklichung" – eine damals verbreitete, wenn auch zu enge Vorstellung - als Ziel im Auge (u. a. Bahro, Die Alternative, 312), so lehnte er diese später ausdrücklich ab und orientierte auf geistig-geistliche, mythische .... menschliche Wesenskräfte (u. a. Bahro in: Herzberg, 63 – 65). Zu diesen fand Bahro in den späteren klassisch gewordenen Arbeiten von Marx keine Entsprechung. Zudem enttäuschte ihn in der Praxis des Staatssozialismus die geringe revolutionäre Aktivität der Arbeiterklasse. Den Irrtum von Marx bezüglich des Proletariats als einziges revolutionäres Subjekt bei einem Übergang zum Sozialismus/Kommunismus interpretierte Bahro als Mangel der Marxschen Theorie, obwohl diese These doch nicht theoretisch, sondern exogen aus der aktiven Rolle der Arbeiterbewegung in den damaligen Klassenkämpfen abgeleitet war. Letztendlich fand Bahro in seinen Vorstellungen vom Marxismus – den er noch stark mit parteioffiziellen staatssozialistischen Positionen identifizierte - keine Antworten auf seine Fragen, „kein funktionierendes Modell" zum Begreifen „einer Perspektive der allgemeinen Emanzipation" (Bahro in: Herzberg, 93). Schließlich lehnte er ein historisch materialistisches Herangehen ab und tauchte in die Erforschung der Tiefenschichten des Bewusstseins ein. Bahro beschwor eine „Bewusstseinsrevolution" und ein „neues Selbst", d. h. die Entwicklung eines „neuen Menschen", um die „Megamaschine" zu zerstören. Allerdings sind dabei die tatsächlichen Bedingungen und Verhältnisse auf den Kopf gestellt.
Herzberg charakterisierte dieses Herangehen: „Gegen den marxistischen Determinismus (Produktivkräfte – Produktionsverhältnisse – Basis – Überbau) setzt er eine andere Art der Grundierung: ‚Am ehesten lässt sich das Notwendige, Unvermeidliche, Schicksalhafte an Geschichte verstehen, wenn man die menschliche Psyche als Ergebnis einer kosmischen Evolution betrachtet, die sich im historischen Prozess entfaltet. [...] Diesem Ursprung unserer Existenz gehören die eigentlichen Ursachen schicksalhafter Ereignisse an.’" (Herzberg in: Herzberg, 319). Bahro ging mit seiner „Ordine nuovo" (laut Herzberg „eine Ordnung ‚von den neuen Lebenszusammenhängen’" – Herzberg in: Herzberg 18) davon aus, dass sich die Lebenszusammenhänge um den zentralen Strang einer meditativen Selbstveränderung herum entwickeln. Herzberg betont: „Das ist die eigentliche Utopie." (Herzberg in: Herzberg,19). „Bewusstseinsrevolution" ist bei Bahro aber mehr als eine Schwerpunktverschiebung auf Spiritualität, mit dem „Einüben einer anderen Subjektivität" (Herzberg in: Herzberg, 194). Sie beinhaltet, „eine Bewusstseinsumkehr anzuregen und an die Stelle einer naturausbeuterischen gottlosen wissenschaftlich-technischen Welt die Vision eines spirituell geleiteten Lebens in Übereinstimmung mit der Natur, ja mit dem Kosmos zu setzen." Dazu musste Bahro eine „kulturtheoretische Perspektive statt einer politischen Geschichtsbetrachtung wählen." (Herzberg in: Herzberg, 319).
Warum kam Bahro zu dieser „Umkehr", zu der Herzberg sarkastisch vermerkt: „Bei diesen für Wissenschaftler bestenfalls als verrückt anzusehenden Umkehrforderungen"... (Herzberg in: Herzberg, 195). Herzberg erklärt die „Umkehr" aus einer Hinwendung Bahros zu anthropologisch geprägten Erklärungsmustern, die den Primat des Bewusstseins oder besser: des Geistes einschließen. Bahro sehe die Ursachen der weltweiten Naturzerstörungen in den menschlichen Eigenschaften der Habgier, des Wissensdrangs und des Herstellens. Die Antwort darauf gab Bahro mit einer „Selbstbegrenzung im Wissen und Handeln" (Herzberg in: Herzberg, 196), welche Bahro mit dem Bewusstsein von der Einordnung in das „Göttliche" oder „Universum" motivieren wollte (Bahro in: Herzberg, 450). Diese Erklärung lässt jedoch bezweifeln, ob es sich hierbei um eine Utopie handelt, jedenfalls keineswegs um eine „konkrete Utopie" im Blochschen Sinne. Denn mit der „Umkehr", die Bahro als „Rettung" ansah, betätigte er sich wohl eher als warnender Prophet, denn als rettender Utopist. Als Prophet insofern, als sich eine „Umkehr" wohl eher schlecht als recht im Gefolge ökologischer Katastrophen mehr oder weniger zwangsläufig herstellen würde. Bei Lichte betrachtet, handelt es sich dabei um eine Ideologie der Einsicht in die Notwendigkeit. Eine „Umkehr" zu Subsistenzwirtschaften – und seien sie kommunitär – würde aller Wahrscheinlichkeit nach über kurz oder lang wiederum Bedingungen schaffen, die dann eine Wiederkehr kapitalistischer Verhältnisse keineswegs ausschließen. Werden Bahros Vorstellungen zu Ende gedacht, gab er mit der Orientierung auf „Umkehr" seine früheren freiheitlichen Ziele und die nach allgemeiner Emanzipation auf und er beschrieb anstelle derer faktisch eine andere Art von Abhängigkeitsverhältnissen. Bei der von Bahro gewollten Einordnung in das Universum, die er an keiner Stelle mit den Reproduktionsbedingungen des Lebens der Menschen abstimmte, blieben Entfremdungen der Individuen und ihrer Lebensverhältnisse von den Einordnungsimperativen. Bahro gab tatsächlich mit seiner „Umkehr" den Kampf gegen Entfremdung auf, indem er eine andere Form der Entfremdung gegen die bekannte setzte. Dahinter steckt wohl vor allem eine tiefe Enttäuschung und Resignation. Auf eine der Ursachen dafür lässt sich aus den Vorstellungen einer „Umkehr" selbst schließen: seine Verweigerungshaltung gegenüber der Erkenntnis kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse selbst, ihrer Ursachen und Wirkungsmechanismen. Bahros Ablehnung der Kapitalismusanalyse von Marx/Engels beruht auf seiner Nichtakzeptanz der Entwicklung zum Kapitalismus selbst. Bahro ging davon aus, dass der Kapitalismus, speziell die europäische Geschichte seit der Renaissance eine „Fehlentwicklung" darstelle, dass spätestens seit der Renaissance die Evolution der Gattung Mensch schief gehe, weil sie kein immanentes Maß enthalte. (Bahro in. Herzberg, 98). Der Bezug auf die Renaissance erweist sich jedoch als willkürlich. Wenn Bahro mit „schief gehen" die Entfremdung/Unterdrückung/Ausbeutung meinte, so gibt es diese seit Entstehung patriarchalischer Klassenverhältnisse. Sie waren eine gesellschaftliche Begleiterscheinung der Entstehung von „Produktion". Diese Tatsache zu akzeptieren, bedeutet aber keineswegs, die Ausbeutung hinzunehmen. Mit dem patriarchalischen Kapitalismus änderten sich Dynamik, Formen, Dimensionen und Folgen der Ausbeutung gewaltig. Doch es entstanden auch Möglichkeiten, patriarchalische Klassenverhältnisse wieder zu überschreiten. Das hat Marx von Seiten der Produktionsentwicklung vorausgesehen, also durchaus nicht – und viele andere Kommunisten auch nicht - das „Entwicklungskonzept der Produktion" bloß gedankenlos fortgeschrieben, wie Bahro das behauptete (Bahro in: Herzberg, 98). Bahro wollte – zumindest in „Die Alternative" - über patriarchalische Klassenverhältnisse hinaus; aber er setzte später dafür nicht mehr an der Wirklichkeit an, sondern an einer romantisierenden Rückkehr zu angeblich idyllischen und sozial gerechten vorkapitalistischen Verhältnissen. Jedoch bestand auch in vorkapitalistischen patriarchalischen Klassengesellschaften kein dem Menschen immanentes Maß für alle. Bahro wurde hier wohl getäuscht durch einen falschen Schein der damals vorwiegenden persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, die der Kapitalismus durch sachliche Abhängigkeitsverhältnisse ablöste (mit Ausnahme der patriarchalischen) – sachliche und persönliche Abhängigkeitsverhältnisse mit ihren Unterschieden hat gerade Marx sehr überzeugend herausgearbeitet. Kapitalismus muss deshalb als eine von mehreren Möglichkeiten, die sich tatsächlich durchsetzte, anerkannt werden und er ist auch aus Tendenzen der Warenwirtschaft durchaus theoretisch und logisch erklärbar – noch tiefer ist er erklärbar aus dem Übergang der Menschheit von der Naturaneignung zur Produktion und aus dem Stellenwert, den die Produktion von Mitteln zum Leben – in ihren jeweiligen unterschiedlichen gesellschaftlichen Formen – für die Entwicklung der Menschen einnahm und die damit verbundenen Tendenzen. In dieser Richtung ist auch der Beitrag von Marx/Engels wirklichkeitsbezogen zu erklären.
Die „Umkehr" Bahros basierte in methodologischer Hinsicht letztendlich auf einer „Flucht nach vorn", weg von den Erkenntnissen von Marx und Engels, aus denen er keine emanzipatorischen Folgerungen für die Gegenwart mehr ziehen konnte. Bahro kam mit der Marxschen Methodologie nicht zurecht. Seine Missverständnisse mit der Marxschen Theorie kommen sehr deutlich zum Ausdruck in der naturalistischen, übergesellschaftlichen Behandlung der „menschlichen Wesenskräfte" und der Verkehrung der Marxschen Bemerkungen zur Produktion im „Kommunismus" in ihr Gegenteil.
Die „menschlichen Wesenskräfte" als emanzipatorisches Ziel und dessen Verkehrung in Bahros naturalistischem Ansatz
Bahros „Umkehr" liegt der Gedanke eines Primats des Bewusstseins zugrunde, der durch eine „Bewusstseinsrevolution" umgesetzt werde, welche auf die Entfaltung menschlicher Wesenskräfte gerichtet sei. Bahro suchte ja im Bewusstsein nach Antriebskräften. Dabei leitete Bahro den Primat des Bewusstseins vom Primat der Politik ab, den er als allgemeingültig behandelte. Herzberg verweist auf ein Interview Bahros in der „tageszeitung" vom November 1989, in dem dieser den Primat der Politik über die Ökonomie als entscheidende Errungenschaft der DDR bezeichnete, die es unbedingt zu verteidigen gelte (Herzberg in: Herzberg, 20). Bahro ging davon aus, dass die Herrschaft der Politbürokratie und ihrer Verbindung mit den „Transmissionsmechanismen" als offizielle Organisationsform des „subjektiven Faktors" im Staatssozialismus politisch versagt hatte. Er setzte daher in „Die Alternative" auf „Kulturrevolution" und „Bund der Kommunisten". Die nachfolgende Einsicht von der Notwendigkeit einer politischen Revolution in Ost und West führte Bahro zur Suche nach dem subjektiven Faktor, der in der Lage und bereit wäre, diese Aufgaben zu lösen. Er fand ihn in der Schaffung eines „neuen Menschen" durch ein anderes Bewusstsein. Bewusstsein erhielt den Primat – wobei dem wahrscheinlich eine Fehlinterpretation zugrunde liegt, indem Primat des Bewusstseins gleichgesetzt wird mit der Tatsache, dass mensch immer bewusst handelt und dass ein Handeln/Verändern infolgedessen mit Veränderungen im Bewusstsein beginnt (Beginn aber ungleich Primat). Bahro konzentrierte daher seine Bemühungen auf eine politische Revolution, die als „Bewusstseinsrevolution" verläuft. Damit setzte Bahro – von Lenin ausgehend – so etwas wie eine permanente politische Revolution voraus, im Gegensatz zu Marx und Engels, welche politische Revolutionen auf bestimmte Perioden beschränkten, in denen diese für die weitere Entwicklung der Produktionsweise den Ausschlag gaben. Bahro ging dabei grundsätzlich davon aus, dass materielle Voraussetzungen für eine politische (und kulturelle) Revolution herangereift seien. So betonte er, dass die materiellen Grundlagen des Sozialismus bzw. Kommunismus schon geschaffen sind: „Das Universum hat sie gewissermaßen vorgelegt." (Bahro in: Herzberg, 64). Den Einfluss des Universums auf Kommunismus erklärte Bahro wie folgt: „Wir leben auf einem Planeten, der durch ständige Energiezufuhr von der Sonne charakterisiert ist. Und dieser Energieüberschuss setzt sich auf allen Evolutionsstufen des Lebens in Höherentwicklung um, so dass zuletzt der Mensch durch nichts so sehr ausgezeichnet ist wie durch überschüssiges Bewusstsein, d. h. durch potentielle psychische Energie." (Bahro in: Herzberg, 64). Das ist nicht nachvollziehbar. Dieser Begriff des „Bewusstseins" ist wohl nicht auf den handelnden Menschen anwendbar. Aber was bezweckte er dann? Wie viele sich als Heilsbringer verstehende Menschen vor ihm setzte Bahro als letzte Zuflucht seine Hoffnungen auf einen „reinen Menschen", in dem sich emanzipatorische Ideale und ihnen nahe historische Überlieferungen verschmolzen. Spittler bezeichnet die Jahre 1979 – 1983 denn auch als die wahrscheinlich fruchtbarsten Bahros, weil ihm in dieser Zeit eine theoretische Verbindung seiner kommunistisch-emanzipatorischen Ideen mit theologischen Ideen am innigsten und fundamentalsten gelang (Spittler in: Herzberg, 350/351).
Bahro berief sich bei seinem Ziel „allgemeiner Emanzipation" auf den jungen Marx, der auf die Gestaltung der menschlichen Wesenskräfte orientierte (MEW, Erg.Bd. 1, 542). Letztere fasste Bahro aber rein naturalistisch mit der „Conditio humana", dem „menschlichen Genotyp", der Harmonisierung des Menschen mit der äußeren Natur und dem Kosmos. Damit sah Bahro den Menschen als eines der Geschöpfe im Meer des Universums. Das sind die Menschen natürlich auch, aber diese Sicht entspricht nicht ihren Lebensbedingungen, entspricht nicht der „Conditio humana", die endlich ist und daher durch spezifisch menschliche – und damit gesellschaftliche – Reproduktionsverhältnisse und gesellschaftliche Formen der Übergabe von Erfahrungen, materiellen Gütern usw. .... über die Generationen geprägt ist. Die Menschen können nicht – wie faktisch bei Bahro - auf die Funktion einer bloßen Übertragung von „psychophysischen Elementarkräften der Natur" (Bahro in: Herzberg, 428) über Generationen hinweg reduziert werden. Im Gegenteil, sie können nur deshalb in ihrer jeweiligen Generation ein Glied in der Kette der Reproduktion der Gattung bilden, weil sie die jeweils endlichen Probleme in der Reproduktion des Lebens lösen oder ansonsten untergehen, wie bisher schon nicht wenige Gesellschaften. Deshalb taugt die kosmische Dimension allein auch nicht für die Mensch-Natur-Beziehungen, ja im Grunde nicht einmal für die natürliche Umwelt auf der Erde, denn auch diese hat im Zeitverlauf unterschiedliche und letztendlich endliche Reproduktionsbedingungen. Die zeitliche Dimension ist immer an den jeweiligen Gegenstand der Entwicklung gebunden. Der Mensch als Staubkörnchen entspricht einer kosmischen Dimension, der Mensch als allgemeines Gattungswesen spricht einen abstrakten Menschen an, der nur im Geiste existiert, der handelnde Mensch aber existiert in ganz konkreten Reproduktionsverhältnissen des Lebens und seine Handlungsoptionen sind von diesen abhängig und verändern sie. Bei Bahro tritt an die Stelle der Unterordnung der Individuen unter patriarchalische Klassenverhältnisse so ihre Unterordnung im Geiste, also eine Quasi-Religion. Die Individualität würde wieder zurückgenommen, indem sie sich einer höheren Autorität unterordnet. Zwar bestreitet Bahro, dass dies totalitär sei (Bahro in: Herzberg, 158), aber wenn es konkret wird, müssten ja irgendwelche Institutionen die Art und Weise dieser Einordnung und der Wege zur Harmonisierung bestimmen. Für Bahro war es der „neue Staat" – auch dieser faktisch eine Absage an allgemeine Emanzipation. Freiheit wird damit von vornherein begrenzt, theoretisch nicht mehr wie in der Wirklichkeit durch Patriarchat und Klassenherrschaft, sondern durch Orientierung an den vorgeblichen Bedürfnissen einer Harmonisierung von Mensch, äußerer Natur und Kosmos. Da dies schon wegen der unterschiedlichen Zeitdimensionen, in denen sich diese drei befinden, unmöglich ist, sucht Bahro den Ausweg in einem übernatürlichen Wesen, das er „Gott" nennt, auch das „Tao" dafür einsetzt.
D. h., dass die „Umkehr" an die Stelle persönlicher oder sachlicher Abhängigkeitsverhältnisse die Abhängigkeit vom Universum setzte. Diese Abhängigkeit aber konkret ausgedrückt in Vorstellungen früher patriarchalischer Klassenverhältnisse, in denen historisch erstmals die Notwendigkeit entstand, soziale Ungleichheiten zwischen den Menschen zu rechtfertigen. Da diese unter vorkapitalistischen Klassenverhältnissen als persönliche (patriarchalische und klassenmäßige) Abhängigkeitsverhältnisse auftraten, fand Bahro darin wohl seinen Bezug auf eine „reine" Natur des Menschen. Wenn heute die tendenziell totale Kommerzialisierung mehr und mehr auch das Bewusstsein vermarktet, sodass es faktisch immer mehr zur Ökonomie bzw. Pseudo-Ökonomie wird, soll nach Bahro zurückgegangen werden auf das Bewusstsein vor der Renaissance (Bahro in: Herzberg, 98), also vor der Verallgemeinerung der Warenbeziehungen. Aber wodurch und wie? Bahro antwortete: Durch Meditation!? Welche laut Bahro in das Naturgleichgewicht einordnen und eingeordnet sein sollte (u. a. Bahro in: Herzberg, 156ff.....). Leider hat die Natur an sich keine Kriterien dafür, auch der „reine Mensch" nicht, er unterliegt von vornherein gesellschaftlichen Kriterien. Bahro kam in eine theoretische und praktische Ausweglosigkeit dadurch, dass er den gesellschaftlichen Charakter der Existenzkrisen und den ihnen entsprechenden gesellschaftlichen Charakter von Lösungswegen verkannte. Bahro fragte tatsächlich im Wintersemester 1992/93: „Müssen wir überleben?" Herzberg überliefert Bahros Konkretisierung: „ob nicht vielleicht sogar der Verzicht auf das Überleben-Müssen die Bedingung für einen Ausgang ist." .... „Es gibt Fundamentaleres als die Überlebensprobleme, und er fragt mit der amerikanischen Earth first-Bewegung: Wäre es nicht besser, wir träten ab, damit die Natur überleben kann?" (Herzberg in: Herzberg, 201). Das repräsentiert anscheinend heldenhafte Selbstaufopferung, aber ist es nicht eigentlich Selbstaufgabe? Bahros spiritueller Ansatz repräsentiert Einseitigkeit und erreicht sogar einen Grenzbereich, in dem er der allgemeinen Emanzipation entgegenwirkt, die doch eigentlich sein erklärtes Ziel war.
Bahro setzte der Einseitigkeit des Herangehens im „Marxismus-Leninismus": „Das Sein bestimmt das Bewusstsein" – das er vulgärmaterialistisch auslegte –– eine andere Einseitigkeit gegenüber mit „Das Bewusstsein verändert das Sein". (Bahro hat das so nicht formuliert, aber es entspricht zusammenfassend seinem ausgearbeiteten Anliegen, obwohl Bahro laut Herzberg „die Einheit der Welt – anders als Engels – in der Einheit von lebendigem Geist und Materie" sucht (Vorlesung 21.11. 1994 – Herzberg in: Herzberg, 208). Das Problem besteht darin, beide Seiten zusammenzudenken, entsprechend den ganzheitlichen Bedingungen der Reproduktion des Lebens.
Bahro wurde aber auch Opfer dieser Einseitigkeit wegen seiner Ignoranz gesellschaftlicher Verhältnisse im Marxschen Sinne. Herzberg dazu: „Diesen Weg glaubte Bahro gehen zu müssen, weil die primär rationale Erkenntnis zur Entwicklung der modernen Wissenschaften und Technologien geführt hat und damit in die Logik der Natur- und Selbstzerstörung gemündet sei." (Herzberg in: Herzberg 193). Hier schlägt Bahros Naturalismus ihm ein Schnippchen sowie seine Ignoranz gesellschaftlicher Verhältnisse. Wissenschaft und Technologien werden doch durch die Ziele patriarchalischer kapitalistischer Beziehungen in eine bestimmte Richtung geführt, sie sind an sich neutral und können auch anderen Zielen dienen, entwickeln sich dann auch anders. Bahro nahm also die Folgen kapitalistischer Orientierungen für ihre Ursachen – und er bekämpft auch die Folgen, nicht die Ursachen.
Bahros Missverständnisse der Marxschen Produktionstheorie
Bahros „Bruch" mit dem marxistischen Konzept der Entwicklung in den der „Alternative" folgenden Arbeiten (Herzberg in: Herzberg, 330) beruhte im Grunde genommen auf einem Missverständnis, nämlich dem, dass Marx die dem Kapitalismus eigentümliche Tendenz zum schrankenlosen Produktionswachstum (zwecks Profit) auch für kommunistische Gesellschaftsverhältnisse annehme. Bahro berief sich darauf, dass Marx „ständigen Produktionsüberfluss", „ständige Überproduktion", „unendlich erweiterte Reproduktion und schrankenlosen technischen Fortschritt" als Bedingung für allgemeine Emanzipation gesehen habe (Bahro in: Herzberg, 61/62; auch 329/330). Bahro: Überflussproduktion sei „Todesspirale" (Bahro in: Herzberg, 499/500). Auch der Marxismus sei in die „Falle der Ökonomie" geraten (Herzberg in: Herzberg, 330), Marx sei auf die Verführung durch die „Tektonik des Verderbens" hereingefallen (Bahro in: Herzberg, 94). Bahro erklärte dann weiter: „Als ich die Alternative schrieb, habe ich diesen Zusammenhang noch nicht so klar gesehen" (Bahro in: Herzberg, 65). Herzberg bezieht sich zustimmend auf diese Position Bahros, die er als Gegenposition zu Marx charakterisiert (Herzberg in: Herzberg, 190ff., 207). Herzberg: Bahro lehne „Glücksmaterialismus" ab (Herzberg in: Herzberg 209).
Auffassungen, die „Kommunismus" als Schlaraffenlandmärchen sehen und Sozialismus auf bessere materielle Bedürfnisbefriedigung reduzieren, werden auch heute nicht selten vertreten. Auf Marx können sie sich jedoch nicht berufen. „Ständiger" Überfluss, das erledigt sich ja doch, wenn die notwendigen Bedürfnisse weitgehend befriedigt sind und sich nach Marx (Grundrisse, 593/596) andere Bewertungen, Orientierungen und Umstrukturierungen herausbilden müssen, mit denen allgemein freiheitliche Beziehungen sich entfalten können. Die Bedürfnisse nach notwendigen Mitteln zum Leben sind begrenzt und nicht unendlich, denn sie messen sich an dem, was für die Erhaltung und eine mögliche Erweiterung der menschlichen Lebenszeit erforderlich ist und für die allgemeine Entfaltung menschlicher Fähigkeiten. Das ist eindeutig gesellschaftlich geprägt. Die Produktion selbst würde dann durch die Bedürfnisse von Menschen, die allgemein gleichheitlich und allgemein freiheitlich selbstorganisiert sind, ihre Orientierungen erhalten – wo sind da Ursachen für einen „ständigen Produktionsüberfluss"?
Diesen Paradigmenwechsel haben Marx und Engels lediglich angedeutet. Sie haben zwar in die „Deutsche Ideologie" auf den ganzheitlichen Reproduktionsprozess des Lebens aufmerksam gemacht (MEW, Bd. 3, 20; vgl. auch Bd. 21, 27f.) und damit einen Ansatzpunkt für eine Umorientierung der Produktion aus den unmittelbaren Lebensbedingungen heraus geschaffen. Aber die an den Paradigmenwechsel heranführenden Entwicklungstendenzen der Produktion (besonders in „Das Kapital" und in den „Grundrissen ...") und die Hinweise auf allgemeine Freiheiten (wie im „Kommunistischen Manifest") sowie auf Entfaltung menschlicher Wesenskräfte (in den Frühschriften) blieben unvermittelt. Marx und Engels hinterließen damit die Aufgabe, Produktion und unmittelbare Lebensbereiche wieder zusammenzuführen und damit die Marxsche These vom Menschen als „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse" aus ganzheitlicher Sicht und zugunsten allgemeiner Freiheitlichkeit als Ziel und Entwicklungstriebkraft zu erweitern. Das berührt auch eine Kombination von materiellen und nicht-materiellen Prozessen sowie von Klassen- und patriarchalischen Beziehungen. Diese Probleme bedürfen auch heute noch weiterer Überlegungen. Bahro sah die in den 60er/70er Jahren des 20. Jh. in Industrieländern sich herausbildenden Bedingungen für einen Paradigmenwechsel – den Marx in „Grundrissen ...." vorausgesehen hatte – nicht. Er ignorierte ja den Bruch hin zur Umbewertung und Umorientierung bei Marx und besaß infolgedessen auch kein Gespür für dementsprechende Veränderungen in der Wirklichkeit. Der Fall der Mauer bestärkte Bahro, der dadurch seine Kritik bestätigt sah (Lehnert in: Herzberg, 383).
Bahro hatte zwar vollkommen recht, als er – wie auch Robert Havemann - den Staatssozialismus dafür kritisierte, dass dieser sich mit einem Wettbewerb um Produktivitätssteigerung und Produktionswachstum gleiche Ziele stelle wie der Kapitalismus (u. a. Bahro in: Herzberg, 181/183). Für Bahros Auslegung boten offizielle politische Positionen des Staatssozialismus Kritikanlässe, wie ökonomischer Wettbewerb mit dem Kapitalismus um primär ökonomisches Wachstum und um höhere Arbeitsproduktivität anstelle von spezifisch sozialistischen Zielen, welche diese Resultate erst hervorbringen konnten; die „ökonomische Hauptaufgabe" im Sinne eines „Nur – Verteilungssozialismus". Staatssozialismus orientierte – aus Gründen, auf welche hier nicht eingegangen werden kann – zu zaghaft oder kaum auf sozialismusspezifische Triebkräfte. Bahro jedoch versperrte sich den Problemzugang, indem er Überflussproduktion auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen bezog, wie sie jeweils historisch entstanden sind. Diese sind aber durch patriarchalische kapitalistische Verhältnisse geprägt, wie den Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze. ..... Lebensgrundlagen doch noch zu erhalten, würde aber bedeuten, die Produktion entsprechend umzubewerten und umzuorientieren. Ganz allgemein sprach Bahro davon sogar in „Die Alternative", aber er kam später darauf nicht mehr zurück. Er umbewertete nicht, sondern für ihn war das eine rein quantitative Sache: bloßer Verzicht auf Produktion und Umkehr auf einfache Reproduktion als Überlebensbedingung (Bahro in: Herzberg, 67). Tatsächlich geht es jedoch um andere Bedürfnisse, die andere und weniger Produktion erfordern.
Bahro reduzierte zudem die Bezugsbasis für „einfache" und „erweiterte Reproduktion" auf die Produktion. Bahro: „Marx hatte selbst und gerade Kommunismus als eine Ordnung sogenannter unendlich erweiterter Reproduktion gedacht, auf einer endlichen Erde schon seinerzeit ein Kurzschluss." (Bahro in: Herzberg, 67). Die Frage ist aber, worauf sich die „erweiterte Reproduktion" bezieht. Bahro setzte stillschweigend voraus, dass sie bei Marx auch für den Kommunismus die Produktion betrifft, beachtete also den von Marx angezeigten Bruch nicht. Allgemein freiheitliche Tätigkeiten könnten bspw. unendlich erweitert reproduziert werden, ohne die Endlichkeit der Erde irgendwie zu belasten. Das Verhältnis von einfacher und erweiterter Reproduktion gibt nebenbei bemerkt, gar keine Antwort darauf, ob die Erde zuviel oder zu wenig belastet wird. Wer sagt denn, ob nicht bereits die einfache Reproduktion des Vorhandenen Belastungsgrenzen der Erde übersteigt?
Bahro trennte hierbei die Entfaltung der menschlichen Wesenskräfte von ihren jeweiligen Bedingungen und Möglichkeiten. Er behauptete eine Crux bei Marx, der die kommunistischen Möglichkeiten von weiteren Produktionsfortschritten abhängig mache und nicht einfach von der menschlichen Entscheidung für eine Lebensordnung (Bahro in: Herzberg, 41). Bahro bezeichnete diese Kommunismusauffassung von Marx als „ökonomistische Verkürzung des Kommunismusbegriffs ..... und mit Ökologie geht sie gar nicht zusammen." (Bahro in: Herzberg, 42; vgl. auch ebendort, 93)). Marx hingegen zeigte, dass die „Lebensordnung" eben nicht frei wählbar ist, sondern lediglich in den Spielräumen, welche die Produktion für freiheitliche Tätigkeiten lässt, welche schließlich Möglichkeiten bieten, die Produktion selbst umzuorientieren und ihre Dominanz zu überwinden. Marx hatte zwar für einen großen Bereich der Reproduktion des Lebens – die Produktions- und Austauschweise - gezeigt, wie materielle Gegebenheiten sich mit den gesellschaftlichen Positionen, den Lebensbedingungen und Motivationen von Klassen verflechten, indem er ökonomische Kategorien als „gesellschaftliche Verhältnisse" darstellte und analysierte. Bahro behandelte jedoch letztere rein instrumentell, deutlich sichtbar bei Ware und Wert. Ökonomie und unmittelbare Lebensbereiche betrachtete er unter „ferner liefen". Darin lag auch eine der Ursachen, weshalb Bahro zwar nach der „Alternative" sich explizit darum bemühte, feministische Positionen einzubeziehen, dazu aber keinen rechten Zugang fand (Briefwechsel mit H. Göttner-Abendroth in: Herzberg, 469ff. /475ff. und Bahro in: Herzberg, 68/69). Marx hatte in seiner Analyse „gesellschaftlicher Verhältnisse" zwar die patriarchalischen nicht berücksichtigt, hatte aber mit dem Hinweis auf die Reproduktion des Lebens in seiner Ganzheit dafür einen Ansatz geschaffen, während Engels sich weit über seine Zeitgenossen erhob, indem er patriarchalische Unterdrückung ausdrücklich benannte. Bahro hinwiederum versuchte, das die Entfremdung bedingende Veränderungsbedürftige ganz allgemein mit „Patriarchat" zu fassen (u. a. Bahro in: Herzberg, 55ff.; 68/69; 469 – 471), was feministische Herausforderungen sowie Erfordernisse der Reproduktion der Gattung unterbewertet bleiben lässt. Nicht zuletzt liegen die Ursachen dafür ebenfalls darin, dass er Marx/Engels nicht im philosophischen Sinne „aufhob". Da sich ihm die Marxsche Methodologie nicht als Weg zu emanzipatorischen Alternativen erschloss, griff Bahro auf Antriebskräfte zurück, die er in den naturalistisch gefassten „menschlichen Wesenskräften" sah. Diese führten ihn zu einem „Kommunismus der Gnade", ohne allgemeine Freiheiten als Ziel und Entwicklungstriebkräfte.
Bahros „Kommunismus der Gnade" – eine faktische Absage an allgemeine Emanzipation
Bahros erklärt naturalistisches Herangehen an die menschlichen Wesenskräfte bildete die Grundlage für seinen spirituellen Kommunismus der „Gnade". „Kommunismus" verstand Bahro jetzt als „Praxis der Gnade". Damit ist eine Kommunikation auf spiritueller Ebene gemeint, begrifflich bezogen auf die religiös geprägte französische Philosophin Simone Weil. Bahro betonte, dass seine Definition des Kommunismus nicht mehr so sehr durch Ökonomie charakterisiert sei, sondern durch Spiritualität und Politik (Bahro in: Herzberg, 40). Er bezeichnete „Kommunismus" als „das beiläufige ökonomische Prinzip noch jeder Sangha, jeder Weggemeinschaft, ... die sich je ... um Bewusstseinsentfaltung ... versammelt hat" (Bahro in: Herzberg, 64). D. h., dass die „Praxis der Gnade" hier an die Stelle von gesellschaftlichen Beziehungen im Marxschen Sinne tritt, also an die Stelle von verallgemeinerten Warenbeziehungen oder aus Sicht auf sich bereits andeutende neue Entwicklungen vielleicht an die Stelle von allgemein gleichheitlicher und allgemein freiheitlicher Selbstorganisation.
Deutlich wird im ganzen Essay, dass und wie stark Bahros Kommunismusbegriff zuletzt von dem Jesuiten Sebastian Kappen geprägt wurde (u. a. Bahro in: Herzberg 47/48). Bahro zitierte aus dessen Aufsatz von Ende Nov. 1993 und kommentierte: „Ich unterschreibe jedes der zitierten Worte." (Bahro in: Herzberg, 48). Kappen gibt eine aktualisierte Interpretation der Kommunismusaussagen von Marx. Kurz gesagt, enthält diese eine Mischung von christlicher Heilslehre und einigen daran angepassten aktuellen ethischen Wunschvorstellungen, z. B., dass Menschen und äußere Natur nicht entfremdet sein sollen, Menschen miteinander verbunden werden durch das gemeinsame Interesse am Gemeinwohl ..... Dabei tritt das „Schaffen des Schönen" offensichtlich an die Stelle von allgemeiner Freiheitlichkeit. Mit Marx hat das so gut wie nichts mehr zu tun. Bahro übernahm die Kommunismus-Vorstellungen von Kappen teilweise sogar wortwörtlich (Bahro in: Herzberg, 500). Bahro konnte sich zu der Kommunismusinterpretation von Kappen bekennen, weil er selbst methodologisch keinen Weg fand, die Lücken, die sich in Marxens Werken hinsichtlich der – ausgewählten und unvollständigen – Aussagen zu kommunistischen Verhältnissen befinden, auszufüllen. Bahro erwartete wohl Rezepte, wo Marx und Engels lediglich Andeutungen machten und damals auch nur machen konnten. Er unterschätzte wohl auch die Tiefe der Brüche, die auf einem möglichen Wege zu kommunistischen Verhältnissen (die auch aus heutiger Sicht immer noch nur einen der möglichen künftigen Wege darstellen) zu durchlaufen wären und die Langfristigkeit sowie Nichtlinearität ihrer Herausbildung. Sein „Kommunismus" war nicht mehr von dieser Welt.
„Kommunismus der Gnade" war für Bahro der Weg zur Lösung der Ökologischen Krise. Bahros Vorstellungen über das Verhältnis von Ökologie und Kommunismus finden sich konzentriert in seinem Essay „Das Buch von der Befreiung aus dem Untergang der DDR" (Bahro in: Herzberg, 23ff.). Der Untertitel lautet: „Dabei über das scheinbar abseitige Thema ÖKOLOGIE UND KOMMUNISMUS, ja über das scheinbar noch viel abseitigere: wie die PDS doch einen Sinn machen könnte." (Bahro in: Herzberg, 23). Herzberg betont in seinem „Einstieg" (Herzberg 24ff.):"hier finden sich die wichtigsten Gedanken des grünen und marxistischen Bahro, nämlich die Synthese von Ökologie und Kommunismus als ökologischer Kommunismus, der kein marxistischer mehr ist." (Herzberg, 24). Bahro selbst wollte diese Ausführungen als neu gelesenen Schlussteil der „Alternative" verstanden wissen (Bahro in: Herzberg 37).
Bahro sah den „Kommunismus der Gnade" in direkter Beziehung zu einer Überwindung der Ökologischen Krise. Dieser „Kommunismus" bedeutet letzten Endes eine „Bewusstseinsrevolution" und diese sah Bahro als Voraussetzung, um die Ökologische Krise anzugehen. Der Primat der Ökologie hingegen resultierte für Bahro offensichtlich aus dem Einfluss der Ökologie im Vergleich zu den anderen unmittelbaren und mittelbaren Reproduktionselementen des Lebens. Dabei ging es Bahro nicht um eine Harmonisierung oder gar (zielgerichtete) Optimierung der Elemente der Reproduktion des Lebens, sondern er griff eines ihrer Elemente heraus und erklärte es zum Wichtigsten, von dem das Überleben abhänge. Bahro griff einen Bereich aus der Reproduktion des Lebens heraus, den Bereich der Ökologie und bezeichnete ihn als Schlüssel zur Weltsituation (Bahro in: Herzberg, 37). An die Stelle der „Produktion", die bei Marx/Engels sowie im „Marxismus-Leninismus" faktisch das Wichtigste darstellte, trat bei Bahro die „Ökologie" – wieder eine andere Einseitigkeit. Tatsächlich lässt sich erst aus dem Zusammenwirken der Elemente der Reproduktion des Lebens erkennen, wie sich bestimmte Veränderungen auf diese Reproduktion und damit auch auf die Ökologie auswirken. Für eine Erhaltung der ökologischen Lebensbedingungen – wie aller Lebensgrundlagen der Menschen – ist jedoch eine Umorientierung auf ein anderes Ziel – allgemeine Freiheitlichkeit zugunsten unmittelbarer Lebenszeit - notwendig, dessen Elemente so zusammenwirken, dass sie Lebensgrundlagen erhalten können. In Bahros Primat der Ökologie ist aber keineswegs ausgeschlossen, dass mit deren Primat andere Elemente der Lebensgrundlagen weiter zerstört werden, was auch der Ökologie Schaden zufügen würde. .... Er trägt deshalb mehr den Charakter eines prophetischen Warnens, befindet sich im „Vor-Politischen" (vgl. Herzberg in: Herzberg, 212/323).
Anhand von Bahros methodologischem Vorgehen lassen sich die daraus jeweils abgeleiteten Wege zu einer „allgemeinen Emanzipation" verfolgen. Sie regen dazu an – wie schon die 1992 veröffentlichten Arbeiten von Fritz Behrens – Methodologie und Analyseergebnisse von Marx und Engels in Bezug auf ihre Anwendung für emanzipatorische Alternativen genauer zu durchdenken. Gerade die Beschäftigung mit Bahros nachgelassenen Arbeiten zeigt, dass ein bloßes Wegwerfen der Vorstellungen von Marx und Engels genau so kontraproduktiv wirkt wie eine dogmatische Übernahme. Bahros im Nachlassband versammelte Arbeiten befinden sich inmitten einer Suche nach emanzipatorischen Wegen. Die Beschäftigung mit ihnen ist schon allein deshalb weiterführend, weil bei ihnen viele Ausgänge möglich sind, sogar eine faktische Rücknahme des ursprünglichen Ziels. Dieser Suchprozess – manchmal durch Enttäuschung und Resignation aufgehalten – aber immer wieder mit neu aufgeflammter Hoffnung aufgenommen, bildet den eigentlichen Kern des Nachlassbandes, einen Ansporn für nachfolgende Suchende.
Literatur:
Bahro, R., Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus, Berlin, 1990
Herzberg, G./Seifert, K., Rudolf Bahro – Glaube an das Veränderbare. Eine Biographie, Berlin, 2002
Herzberg, G. (Hg.), Rudolf Bahro: Denker Refor4mator Homo politicus. Nachgelassene Texte, Vorlesungen, Aufsätze, Reden und Interviews, Berlin, 2007
Marx, K., Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin, 1953
Marx, K./Engels, F., Werke, Berlin, Bd. 3, 1958; Bd. 21, 1962; Bd. 23, 1962; Erg.-Bd. 1, 1968.