Kleine Gärten einer großen Stadt
Für Sie gelesen: Vom „Armengarten" zur „grünen Lunge Berlins"
Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. (Hrsg.): "Kleine Gärten einer
großen Stadt".
207 Seiten. Zahlreiche Abbildungen.
Preis 28,00 Euro (zzgl. 5,00 Euro Versandkosten).
Verlag W. Wächter, Bremen.
ISBN 978-3-9811704-0-5.
Kaiserin Auguste Victoria, die Gattin des letzten deutschen Kaisers, und
natürlich Daniel Gottlob Moritz Schreber, Pädagoge aus Leipzig, sind zentrale
Figuren der Kleingartenbewegung, auch für Berlin. Berlin ohne Kleingartenanlagen
- das ist nicht vorstellbar. Und so hat der Landesverband Berlin der
Gartenfreunde e.V. die ganze Entwicklung rund um das Berliner Kleingartenwesen
aufbereitet im gut 200 Seiten starken Buch "Kleine Gärten einer großen Stadt".
Viele Autoren, geschichtlich, juristisch und gartenkulturell bewandert, haben
die Kleingarten-Entwicklung vom "Armengarten" vor anderthalb Jahrhunderten bis
zur "grünen Lunge Berlins" heutiger Zeit zusammengestellt. Angefangen hat alles
mit reinem Kartoffelland zum Überleben für kinderreiche Familien, später wurden
Kleingärten Armenbehausungen, Mittelstands-Wohlfahrtsgärten und Lebensräume
wohnungsloser Kriegsgeschädigter.
Heute - auch das zeigt das Buch eindrucksvoll auf - sind Kleingartenanlagen
nicht nur Sauerstofflieferanten inmitten urbaner, versiegelter Stadtflächen, sie
sind auch Rückzugsgebiete für Pflanzen und Tiere, die im Stadtgebiet sonst
keinen Lebensraum mehr fänden. Und natürlich sind Kleingartenanlagen in Berlin
unverzichtbare Naherholungsgebiete für die gesamte Stadtbevölkerung und
Veranstaltungsplatz für manchen Gartenlauf und viele Feste.
Nebenbei erfährt der Leser in "Kleine Gärten einer großen Stadt" auch viel von
deutscher Geschichte, lässt sich doch die Kleingartenentwicklung nicht von der
Stadtentwicklung abkoppeln. Häufig wird sie nur als Vertreibungspolitik
beschrieben (Architekten und Hochbauer brauchen das Land, Kleingärten müssen
weichen), hier schildern die Autoren, wie sehr sich viele Adelige und
Stadtoberen für die Entwicklung von Kleingartenanlagen einsetzten. Die
schlechten Lebensbedingungen in den städtischen Mietskasernen vor Augen, wollten
sie durch diese Ausweichflächen im Grünen gezielt Abhilfe schaffen und die
Ernährungslage sichern.
Hier begegnet der Leser der Person und dem Wirken James Hobrechts, der als
Baumeister im Auftrag des Ministeriums die grundlegende und heute noch gültige
Bebauungsordnung Berlins schuf. Auch Kaiserin Auguste Victoria lernt der Leser
nicht nur als Gattin des letzten deutschen Kaisers kennen, sondern als
Patronatsdame und Förderin der Rot-Kreuz-Kleingärten. Abbé Jules-Auguste Lemire
wird als Begründer der internationalen Kleingärtnerorganisation vorgestellt und
als prägender Mentor von Alwin Bielefeldt, der sich wie kein anderer für die
Kleingartenbewegung Berlins einsetzte.
Das Buch ist daher nicht nur wertvoller Lesestoff für alle Berliner und
Nichtberliner Gartenfreunde. Es ist auch ein lesenswertes Geschichtsdokument für
Historiker, Stadtplaner und Landschaftsplaner, belegt es doch eindrucksvoll die
Wurzeln der Kleingartenbewegung, die Entwicklung über gut 150 Jahre hinweg bis
heute, die aktuellen stadtplanerischen Konflikte und die immer noch aktuelle
Notwendigkeit dieser grünen Oasen.
Gitta Stahl