Hannah Arendt Symposium am 14. Oktober 2006 in Berlin

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Gesellschaftswissenschaftliche Forum führten anlässlich des 100. Geburtstages von Hannah Arendt eine ganztägige Konferenz durch. Michael Brie, Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Leiter des Bereiches Politikanalyse, betonte eingangs, dass eine Erneuerung des Sozialismus ohne linkslibertäres Gedankengut nicht möglich ist. Und Helmut Meier, Vorsitzender des Gesellschaftswissenschaftlichen Forums, stellte die Frage nach dem Gedankengut, das unabhängig von einer politischen Einordnung, für die wissenschaftliche Arbeit verwertbar ist.
Frank Deppe,
Universitätsprofessor für Politikwissenschaft, Marburg, hob in seinem Einleitungsreferat angesichts der Unabhängigkeit Hannah Arendts die Schwierigkeit ihrer Einordnung in das wissenschaftliche Spektrum hervor. Sie war eine typische Repräsentantin der New Yorker Intellektuellenszene und hat sich in ihrer politiktheoretischen Arbeit auf die Ursachen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts konzentriert, wobei bei ihr die Frage nach den Möglichkeiten eines Rückfalls eine besondere Rolle spielte. Ihre Krisendiagnose war stark von Heidegger und Jaspers bestimmt. Vor allem beschäftigte sie das Problem des Eindringens der Massen in die Politik. Bei der Bewertung ihrer Auffassungen ist zu berücksichtigen, dass sie ein eigenständiges theoretisches Begriffsinstrumentarium [Nationalstaat, Gesellschaft, Imperialismus] hatte. von einer Verklärung der griechischen Polis ausgehend kam sie zu einer Bewertung der amerikanischen Revolution als Inkarnation für eine Hoffnung des Handelns in Freiheit. Letztlich könne Hannah Arendt nicht in die Traditionslinie der Linken eingeordnet werden. Jedoch steht sie für bestimmte Bereiche, die von den Linken tabuisiert wurden, deren Erschließung bestimmten Unterbelichtungen entgegenwirken kann.
Tanja Storløkken, Universität Oslo, referierte über das Verhältnis Hannah Arendts zu Rosa Luxemburg. Eine weitgehende Kongruenz zwischen ihnen sah sie in ihrer Haltung zur politischen Freiheit, insbesondere im Recht der Bürger auf Mitwirkung in den öffentlichen Angelegenheiten. Sie verwies aber auch darauf, dass sich Zustimmungen von Hannah Arendt zur Rosa Luxemburg aus einer spezifischen Marxismusauffassung Hannah Arendts ergeben haben.
In der Diskussion hierzu verwies Michael Brie darauf, dass Hannah Arendt in der Vergesellschaftung als Gegensatz zur individuellen Freiheit eine negative Erscheinung gesehen hatte und sich somit ein Problem für die Linken ergeben hat. Es wurde auch konstatiert, dass Hannah Arendt ein Problem mit der modernen Massendemokratie hatte [so Moshe Zuckermann]. Frank Deppe bilanzierte, dass Hannah Arendt zwar über die Revolution schrieb, aber keine Revolutionärin war.
Anneliese Braun, Berlin, sprach [mit dem Blick auf die Implosion des Staatssozialismus] über politische Freiheit und Notwendigkeit aus der Sicht von Hannah Arendt. Dirk Jörke, Universität Greifswald, stellte in seinen Ausführungen die Frage "Hannah Arendt und die politische Linke - ein glückliches Bündnis?", die angesichts vielfältiger Gefahren der Übernahme von Gedanken Hannah Arendts [Verachtung der Massen, Trennung des Politischen und Sozialen, Konzeption des politischen Handelns] von ihm verneint wurde. Daraus ergab sich eine Diskussion darüber, inwiefern man mit Hannah Arendt in der Analyse politischer Prozesse weiter kommt oder ob es etwas Besseres in der politischen Theorie als Hannah Arendt gäbe. Letztlich stimmten mehrere Konferenzteilnehmer darin überein, dass Hannah Arendt wohl doch als Einstieg einer Erneuerung der Linken angesehen werden kann.
Alex Demirovic, Universität Wuppertal, referierte über Revolution und Transformation. Seine Ausführungen basierten auf Überlegungen Hannah Arendts zur Zivilgesellschaft, die auf einer institutionellen Selbstbesinnung der amerikanischen Revolution, insbesondere auf einer hohen Wertschätzung der amerikanischen Verfassung, beruhen. Dabei hat Hannah Arendt den Freiheitsbegriff in das politische Verständnis eingerückt. Problematisch - so der Referent - der Ewigkeitsanspruch von Verfassungen. Er würde den demokratietheoretischen Erwartungen der jungen Generation widersprechen. Während Hannah Arendt dem Modell der politischen Revolution folgte, plädierte der Referent für eine radikale Transformation. Bei der Diskussion dieser Problematik zeige sich wieder - so Frank Deppe, das große Defizit an Politiktheorie in der marxistischen Bewegung. Vor allem die Zeit nach der Revolution wäre theoretisch nicht erschlossen.
Alfred Loesdau, Berlin, untersuchte das Verhältnis Hannah Arendts zu linken Intellektuellen, um von hier aus der Problematik des Nutzens der Erkenntnisse Hannah Arendts für die heutige Linke näher zu kommen. Die diesbezüglichen Grundpositionen Hannah Arendts wurden am Beispiel von Günther Stern, Heinrich Blücher, Walter Benjamin und Bert Brecht erörtert. Dabei wurde auf die Analyse Hannah Arendts der Haltung ehemaliger Kommunisten - im Unterschied zu Exkommunisten nach 1945 - verwiesen. Die Ausführungen mündeten in einer Wertschätzung der Interpretation der amerikanischen Revolution Hannah Arendts, die für ein durchaus aufschlussreiches und anregendes Geschichtsverständnis steht.
Helmut Meier, Leipzig, sprach über Hannah Arendt und ihr Verhältnis zur Geschichte. Dabei stand die Bedeutung des historischen Erbes für die politische Auseinandersetzung nach 1945 im Mittelpunkt. Der Referent warnte vor vorschnellen Wertungen und plädierte für eine differenzierte Betrachtung der theoretischen Erkenntnisse von Hannah Arendt. Er hob sowohl deren wissenschaftlichen Wert für Fragen, auf die wir noch keine Antwort gefunden haben, als auch - vor allem aus der Sicht des Historikers - einige anfechtbare Ansichten hervor.
In der Diskussion wurde die Wertschätzung Hannah Arendts durch Historiker zur Kenntnis genommen, vor allem die Hervorhebung des Antifaschismus Hannah Arendts. Ihre Geschichtsauffassung wurde jedoch als phänomenologisch bezeichnet. Vor allem der Verzicht auf den Klassenbegriff für Politikanalyse wurde bemängelt.
Moshe Zuckermann, Universität Tel Aviv, legte Aspekte der Rezeption des Eichmann-Buches von Hannah Arendt in Israel dar. Das Buch spielt im intellektuellen Milieu Israels eine wichtige Rolle, wenngleich es erst im Jahre 2000 übersetzt worden ist. Das schließt kritische Bewertungen - vor allem gewisser rassistischer Tendenzen bei Hannah Arendt - nicht aus. Hauptsächlich fiel ins Gewicht, dass Hannah Arendt nicht mit der zionistischen Ideologie kompatibel war.
Mario Kessler, Universität Potsdam, analysierte Hannah Arendts Umgang mit Antisemitismus und Zionismus, vor allem gewisse Wirkungen ihrer Unterscheidung zwischen Paria und Parvenu im Judentum. In der Diskussion dieser beiden Beiträge wurde vor allem über Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen debattiert.

A. L.

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