Helmut Meier
Sitzungsberichte - Leibniz-Sozietät der Wissenschaften. Bd. 97, Jahrgg. 2008. - Trafo Verlag Berlin 2008, 188 S.
Es mag etwas ungewöhnlich erscheinen, aus der langen Reihe der Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät einen einzelnen Band herauszugreifen, um ihn zu besprechen. Das geschieht zum Einen, um auf diese Veröffentlichungen generell aufmerksam zu machen, und zum Zweiten, weil in diesem Band, wie sich zeigen wird, eine ganze Reihe von Fragestellungen behandelt werden, die von aktuellem wissenschaftlichen Interesse und auch Gegenstand der Arbeit und der Diskussion in unserem Verein sind.
Die Sitzungsberichte machen der Öffentlichkeit wissenschaftliche Beiträge zugänglich, die in den monatlichen Sitzungen der Leibniz-Sozietät sowohl in den Klassen Sozial- und Geisteswissenschaften sowie Naturwissenschaften, als auch m Plenum vorgetragen wurden. Außerdem finden in sie auch Beiträge von Konferenzen und Kolloquien Eingang.
Der vorzustellende Band wird mit den tragenden Referaten der Konferenz „Bildung und Toleranz" eröffnet. Die Leibniz-Sozietät veranstaltet seit Jahren in Gemeinschaft mit dem Mittelstandsverband Oberhavel Konferenzen zum Thema „Toleranz", die jeweils in Oranienburg stattfinden. Hier handelt es sich bereits um die 6. Veranstaltung aus dem Jahre 2007. Der Rektor der Filmhochschule „Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg Dieter Wiedemann referierte zum Thema „Von intoleranten Medien, falschen Vorbildern und neuen Hoffnungen in der Bildung" (S.11 ff.). Er geht dabei von den proklamierten Wirkungen aus, die die Medien als Bildungsträger ausüben sollen, um u. a. Toleranz anzuerziehen. Auf der Grundlage von empirischem Material formuliert er skeptische Standpunkte hinsichtlich des Erfolges des Wirkens der elektronischen Medien . Seine Befunde erweisen, dass sowohl der Anteil der als Bildungsbeiträge gesandten Sendungen als auch ihr Inhalt sehr daran zweifeln lassen, daß sie den gestellten Aufgaben gerecht werden. Er sieht in der überwiegend kommerziellen Sicht einen wesentlichen Faktor, dass notwendige Bildungsbeiträge eher in der Minderzahl bleiben. Die Quotenjagd verführt zur Verbreitung populärer Formate und Inhalte.
Aus diese, Blickwinkel beurteilt W. auch die Bereitstellung von Internet-Zugängen für Schüler sehr zurückhaltend, weil der bildungsgerichtete Umgang mit diesen Medien weder in der Schule noch in den Elternhäusern gewährleistet ist. (S. 21). W. fordert hier eine stärkere Einflussnahmemöglichkeit von Pädagogen, aber auch eine gezieltere Beschäftigung mit diesem Thema in den pädagogischen Wissenschaften. Nur so könne Medienkompetenz schrittweise bei den Kindern und Jugendlichen entwickelt werden, die sie in die Lage versetzt, Bildungsangebote bewusst auszuwählen und zu nutzen.
Dietrich Kirchhöfers Beitrag ist dem Thema „Gewalt und Bildung" gewidmet (S.25 ff.). Er stellt einleitend fest, daß Jugendgewalt nicht in erster Linie als isolierte Erscheinung der heutigen Jugend betrachtet werden darf, sondern vielmehr als Folge und Bestandteil der in der Gesellschaft vorhandenen und wirkenden Gewalt verstanden werden muss.
Kirchhöfer kommt daher zu dem Schluss: „Jugendliche Gewalt unterliegt offensichtlich einem Geflecht multikausal konstruierter Zusammenhänge, in die soziale Kontextbedingungen, präsente Ideologien, individuelle Handlungsvoraussetzungen oder auch Eskalationsfaktoren aus gruppendynamischen Prozessen eingehen." (S. 27) Der Redner geht auf dieser Grundlage der Frage nach, inwieweit Bildungsmöglichkeiten Einfluss auf Gewaltbereitschaft nehmen. Wenn es auch keine geradlinigen und unvermeidlichen Zusammenhänge in dieser Hinsicht gibt, bleibt das Faktum bestehen, dass Schüler von Haupt- oder Gesamtschulen eine höhere Anfälligkeit zur Gewaltbereitschaft erkennen lassen, als Gymnasiasten und Realschüler. K. fordert, sich nicht auf einfache Lehr- und Lernbarkeit von Toleranz zu verlassen. Vielmehr gilt es, die Bedeutung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zu berücksichtigen. Er nennt es Asymmetrie, wenn sich hier Konfliktpotential aufstaut. Er verweist auf Erfahrungen, die beweisen, dass Gewalt oft auf Defizite von Anerkennung zurückzuführen ist und umgekehrt Toleranz als Folge von Anerkennungsbeziehungen. (S.30) In diesem Zusammenhang weist er dem Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern einen hohen Stellenwert zu.
Auch Dietmar Sturzbecher und Kai Breitling gehen davon aus, dass Toleranzbereitschaft sehr viel mit Anerkennung und der Möglichkeit zutun hat, im gesellschaflichen Raum wirksam zu werden (S.35 ff.). Allerdings stößt man dabei auf die unterschiedlichen Interessen anderer Gesellschaftsmitglieder, wodurch die Toleranzbereitschaft immer wieder auf die Probe gestellt wird. Diese Konfliktsituationen gilt es auszubalancieren.
Sie machen auch darauf aufmerksam, dass in der Gesellschaft latente und offene Vorurteile sich kontraproduktiv auf Toleranzbereitschaft auswirken. Ihnen sollte durch die Anerziehung von Wertvorstellungen und Verhaltensnormen entgegengewirkt werden, die befähigen, Abweichungen und Übertretungen des Toleranzgebotes zu begreifen. Sie sehen es als eine wichtige Aufgabe an, möglichst früh mit solchen Erziehungsbemühungen anzufangen. Sie unterbreiten dazu Überlegungen für die Vorschulerziehung, in der Spielformen kooperative Bewältigung von Konfliktsituationen erlebbar machen sollten.
Der Beitrag von Eberhard Mannschatz „Zur Debatte über Jugendgewalt – Bemerkungen aus sozialpädagogischer Sicht" stellt eine massive Kritik an dem derzeitigen öffentlichen Umgang mit dem Thema und ein Plädoyer für ein sachgerechtes Vorgehen dar (S. 47 ff.). Er wendet sich gegen Sensationshascherei, Panikmache und politische Instrumentalisierung des Themas, wozu auch „Zerrbilder" über die Heimerziehung in der DDR herhalten müssen.
Dagegen fordert er eine unaufgeregte, auf gründlicher Ursachenforschung beruhende und auf eine nachhaltige Wirkung orientierte Debatte. Das kann nur erreicht werden, wenn gesellschaftspolitische Erfordernisse ebenso ins Blickfeld genommen werden wie ordnungspolitische und sozialpädagogigsche Maßnahmen. M. vertritt die Auffassung, daß im Mittelpunkt der Gesellschaftspolitik die Prävention gegen Jugendgewalt stehen muss, die darauf gerichtet sein muss, „der jungen Generation eine erstrebenswerte Lebensperspektive" zu eröffnen, die nur gegeben ist, „wenn sie sich bilden kann, in gesicherten sozialen Verhältnissen lebt, ihr Berufswege zugänglich sind, und ausländische Jugendliche sich integrieren können" (S. 49).
Hans-Otto Dill leitet zu Beiträgen über, die in den Klassensitzungen und Plenartagungen der Sozietät vorgetragen und diskutiert wurden. Sein Thema lautet: „Der Nord-Süd-Gegensatz oder Erste vs. Dritte Welt: eine Hauptachse der Weltgeschichte" (S.55 ff.). Er geht der Abwertung nichteuropäischer Völker und Regionen nach, die die ganze Geschichte durchzieht. Er bezieht sich dabei auf die in der Antike übliche Bewertung aller Völker, die außerhalb des griechisch-römischen Kulturkreises existierten, als Barbaren, eine Praxis, die im Mittelalter durch die religiöse Komponente verfestigt und verstärkt wurde, indem nichtchristliche Völker und Kulturen als minderwertig und zurückgeblieben hingestellt wurden und woraus das Recht abgeleitet wurde, sie zwangsweise zu missionieren, bzw. auszurotten. Daran wurde in der späteren Kolonialpolitik angeknüpft, die den gesellschaftlichen Entwicklungsstand in vielen außereuropäischen Ländern dahingehend deutete, dass die Bewohner „Wilde" seien, die man „zivilisieren" müsse, was nichts anderes hieß, als sie den kapitalistischen Verhältnissen zu unterwerfen. Der Autor verweist darauf, dass sich die über Jahrhunderte währende Unterwerfung und Ausplünderung der nichteuropäischen Regionen auch in zweierlei Völkerrecht niedergeschlagen hat. Er plädiert für einen rigorosen Wandel des Blickwinkels, gegründet auf die Auffassung von einer einheitlichen Gattungsgeschichte der Menschheit unter Berücksichtigung auch der Sichtweise der ehemals kolonisierten Völker und Kulturen. Er fordert die Industrienationen zur Entschädigung der „Dritten Welt" für die erlittenen Verluste auf.. „Europa muß mittelfristig die fehlenden Infrastrukturen, Industrien, Bildungsinstitutionen aller Kategorien von den Elementarschulen bis zu den Exzellenzuniversitäten sowie ein Gesundheits- und Sozialwesen auf dem Stand des 21. Jahrhunderts finanzieren bzw. installieren, so man will, dass die heute Geborenen in menschenwürdigen, den westlichen vergleichbaren Lebensumständen leben, nicht früh an heilbaren Krankheiten sterben, nicht an Unterernährung leiden , sich im Leben Zahnersatz, Auto oder Tourismusreise in die Nachbarregion leisten können." (S.79 f.)
Der folgende Beitrag von Günter Benser unter dem Titel: „Umkämpfte Akten und Bücher.- Was wurde aus den Archiven und Bibliotheken der Parteien und Massenorganisationen der DDR ?" (S. 83 ff.) zeichnet das zähe Ringen um die Sicherung der wertvollen Quellenbestände der Geschichte der Arbeiterbewegung und der politischen Kräfte in der DDR nach. Gestützt auf sein Insider-Wissen macht er deutlich, dass mehr als einmal die Gefahr bestand, dass diese Materialien auseinander gerissen und unsachgemäßer Nutzung ausgeliefert werden könnten. Der gefundene Kompromiss der Einordnung in die Bestände des Bundesarchivs als geschlossener Bestand der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) stellt eine Lösung dar, die unter Wahrung des sachlichen und historischen Zusammenhangs die Erhaltung und die ungehinderte Nutzung dieser Materialien für die Forschung sicher stellt.
Stefan Bollinger behandelt das Thema „1968 – Revolten und Reformen am Ende alter Welten. – Chancen und Scheitern in Ost und West." (S. 101 ff.) Er entwickelt darin seine Überlegungen zu den Vorgängen am Ende der 60er Jahren. Er wendet sich dabei gegen die isolierte Hervorhebung der Studentenunruhen in der damaligen BRD und in Frankreich sowie die Niederschlagung der Reformversuche in der ČSSR durch die Warschauer Vertragstaaten. Vielmehr fordert er die Einzelvorgänge in die globale Situation jener Jahre einzuordnen. Er sieht in ihnen den Versuch der verschiedenen politischen Kräfte auf den „grundlegenden Bruch gesellschaftlicher Entwicklung" zu reagieren, durch den diese Jahre gekennzeichnet sind und deren Ursache die „Herausforderung in der Entwicklung der Produktivkräfte"(S.105) war. Die Reaktionen darauf in den beiden Systemen hatten weit reichende Folgen. Während in den sozialistischen Ländern die dogmatischen Beharrungskräfte obsiegten, was zu Stagnation und schließlichem Scheitern führte, gingen im Westen die herrschenden Kräfte gestärkt aus dieser Krisensituation hervor, weil es ihnen gelang, die gesellschaftlichen Strukturen den Erfordernissen der wissenschaftlich-technischen Revolution anzupassen, allerdings um den Preis des Scheiterns alternativer Lösungen. Auch wer nicht allen Verknüpfungen und Bewertungen Bollingers zu folgen bereit ist, wird den anregenden Charakter seiner Überlegungen nicht bestreiten können.
Das gilt auch für die folgenden vier Beiträge im vorgestellten Band. Herbert Meißner unterbreitet Gedanken zum Thema „Zum Verhältnis von Produktivkräften und Produktivverhältnissen bei Marx und heute" (S.117 ff.). Wolfgang Eichhorn macht dazu Anmerkungen unter dem Titel „Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse – eine lebendige Problematik" (S. 131 ff.) ,Christa Luft tut das unter der Überschrift „Kein Ende der Geschichte" (S.142 f.) und Gerd Friedrich unter „Anmerkungen zum Vortrag von Herbert Meißner" (S.149 ff.). Letztlich geht es um die Frage: Haben die von Karl Marx mit der Dialektik von Produktivkräften und dem Charakter der Produktionsverhältnissen getroffenen Schlussfolgerungen auch heute noch volle Gültigkeit ? Meißner gelangt angesichts des Scheiterns des Sozialismus und der erfolgreichen Behauptung kapitalistischer Produktionsverhältnisse zu dem Schluß: „Damit hat die von Marx konstatierte Beziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen im Kapitalismus auch anderthalb Jahrhunderte nach Marx nicht zu einem systemsprengenden Konflikt zwischen beiden geführt". (S. 124)
Er konstatiert eine hohe Anpassungsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse an die Erfordernisse der Produktivkraftentwicklung. Wolfgang Eichhorn pflichtet ihm insofern bei, dass lineare Entwicklungen sich nicht ergeben haben, warnt aber davor, die Marsche Auffassung darauf zu verkürzen. Schließlich ging er immer davon aus, dass dieser Zusammenhang davon bestimmt wird, ob die Spielräume für die Entwicklung der Produktivkräfte in einer Gesellschaft ausgeschöpft sind. Offensichtlich wurden in der marxistisch-leninistischen Polltischen Ökonomie die Möglichkeiten der kapitalistischen Ordnung unterschätzt. Überdies mach Eichhorn geltend, dass mit der Dialektik von PK und PV unabdingbar die materialistische Erklärung der Gesellschaftsentwicklung verbunden ist, indem sie die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des Lebens als deren Grundlage angesehen wird. Weiterhin knüpft sich daran die historische Veränderlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Offenheit der geschichtlichen Entwicklung (S.140 f.)
Christa Lufts Bemerkungen gehen in die ähnliche Richtung. Sie bestreitet, dass die bislang erfolgte Integration der modernen Produktivkraftentwicklung durch die die kapitalistischen Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse beherrschenden Kräfte bedeutet, dass damit systemverändernde Konflikte ein für allemal ausgeschlossen seien. Sie deutet auf die existentiellen Probleme der Gegenwart hin, bei denen nicht erwartet werden kann, dass sie ohne tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewältigt werden können. Friedrich deutet an, dass es hinsichtlich der gescheiterten sozialistischen Verhältnisse nicht von der Hand zu eisen ist, dass an der Marxschen These von der Sprengkraft der Produktivkräfte gegenüber unzureichend ausgestalteten Produktionsverhältnissen etwas dran ist. Außerdem verweist er wie Ch. Luft auf die ungelösten Fragen der Gegenwart hin.
Der Plenarbeitrag von Horst Bredekamp „Die Unebenheit des Mondes und der Schmutz der Sonne. Forschungskampagnen der Jahre 1610 – 12."(S.149 ff.) behandelt an einem konkreten Beispiel, wie wissenschaftliche Forschung und künstlerische Darstellung von kosmischen Erscheinungen sich gegenseitig befruchten können.
Schließlich enthält der Band einen Vortrag von Herbert Hörz „Zur Balance zwischen rationaler und aesthetischer Aneignung der Welt. Anmerkungen zur Klimadebatte." Er ist damit auf einem Kolloquium der Musikakademie Rheinberg aufgetreten. Er beschäftigt sich dabei mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten der wissenschaftlichen und künstlerischen Auseinandersetzung mit der Realität. Er bringt es dabei auf eine kurze Formel.. „Wissenschaft arbeitet mit Begriffen , Kunst mit anschaulichen Symbolen. Wörter und Symbole erregen Emotionen, sind Motivationsauslöser." (S. 157) Er plädiert für eine Balance zwischen beiden Aneignungsarten, die auf die Herstellung harmonischer Beziehungen zwischen den Aneignungsweisen und ihren Resultaten und der Suche nach den richtigen Wegen in der Erkenntnis besteht. Dabei weist er darauf hin, dass die Trennung zwischen diesen Betrachtungsweisen nur gedanklich möglich ist. Real verschränken sie sich. Er wendet seine Überlegungen auf die Klimadebatte an und gelangt in dieser Hinsicht zu anregenden Folgerungen.
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass die Bände der Sitzungsberichte auch Rezensionen enthalten, das ist auch hier der Fall. Auf sie soll jedoch nicht gesondert eingegangen werden.
10. Februar 2009